Elena Nardo, fachliche Projektleitung der Pilotphase und Hebammenexpertin im Lindenhofspital Bern, spricht mit den beiden Studentinnen Lisa Lehnen und Tatjana Eschler über die Herausforderungen und Erfahrungen der Einführung. Dabei zeigte sich: Es braucht Zeit, Geduld, die richtigen Strukturen und ein Umfeld, das Sicherheit vermittelt. Zudem ist es essenziell, das Modell im Zusammenhang mit den vorhandenen Ressourcen des Spitals zu denken. Die Zeichen stehen gut, dass das Modell definitiv implementiert werden kann.

Lisa Lehnen: Die ersten eineinhalb Jahre der Pilotphase zur Implementierung der hebammengeleiteten Geburtshilfe im Spital sind geschafft, gerne sprechen wir mit dir über die Zeit und die Ergebnisse unserer Bachelor-Thesis. Wie schaust du auf diese Zeit zurück?
Elena Nardo: Wir haben im Spital Abläufe in Bewegung gebracht, die lange nicht hinterfragt wurden, und einen wichtigen Anstoss gegeben. Das war aber ein grosser Kraftakt. Wir wurden mit der Implementierung der hebammengeleiteten Geburtshilfe im ersten Pilotjahr vor Belastungen gestellt, denn die Rahmenbedingungen waren nicht perfekt. Es musste viel in verschiedene Richtungen angepasst werden, um klarere Abläufe zu gewährleisten, was zu zahlreichen Fragen und auch zu Verwirrung geführt hat. Die Arbeit lief unter Zeitdruck, da nach dem Start der Pilotphase Anpassungen notwendig waren. Absprachen liessen sich nicht immer sofort treffen, und die Kommunikationswege waren teilweise unklar. Im zweiten Pilotjahr wurde es ruhiger; man war noch nicht vollständig angekommen, konnte aber erste Entwicklungen erkennen. Steter Tropfen höhlt den Stein – langsam, ganz langsam brechen Strukturen auf.
Die zweijährige Pilotphase neigt sich dem Ende entgegen. Wie geht es weiter?
Es geht nun um die Frage, ob das Modell definitiv implementiert werden kann. Die Zeichen stehen gut. Es ist uns gelungen, viele Widerstände unter Hebammen abzubauen, auch bei der Ärzteschaft, die sich anfangs stark dagegenstellte, sehen wir erste Schritte auf das Modell zu. Nun müssen die Rahmenbedingungen besser geklärt werden: «Wie sichern wir die Qualität durch Weiterbildung? Wie gehen wir mit Hebammen um, die nach zwei Jahren Berufserfahrung plötzlich Frauen im HgG-Modell betreuen dürfen? Wie werden sie geschult? Wie ist der ärztliche Hintergrund geregelt?» Die Daten aus meiner Masterarbeit (Nardo, 2025), den Hebammenbefragungen, «patient-reported»-Outcomes und eure qualitative Befragung zeigen ein positives Gesamtbild der zwei Pilotjahre. Das bildet eine starke Grundlage für die nächsten Schritte.
Einige Hebammen, so zeigte sich in den Gesprächen, empfanden den Projektstart als unklar und wenig partizipativ. Wie hast du diese erste Phase erlebt?
Die Stiftung der Lindenhofgruppe traf die Entscheidung, das hebammengeleitete Modell einzuführen, auf Basis von wissenschaftlicher Evidenz. Im Folgenden sollte es in Zusammenarbeit mit den Fachhochschulen implementiert werden. Rückblickend zeigt sich jedoch, dass das Team und die Ärzteschaft früher hätten ins Projekt einbezogen werden sollen. Ihr Beteiligungsprozess war vor diesem Hintergrund stark eingeschränkt.
Im Hebammenteam selbst kristallisierten sich drei verschiedene Gruppen heraus: Einige waren von Anfang an sehr positiv, informierten sich selbst und ermutigten das Projektteam zum Weitermachen, andere wiederum waren unentschlossen, weil Strukturen und Abläufe erst noch unklar waren. Und eine dritte Gruppe lehnte die Implementierung ab. Workshops halfen zwar, Unsicherheiten zu reduzieren, aber nicht alle Widerstände liessen sich damit auflösen. Breitere Weiterbildungen, für alle verpflichtende Workshops und ein besserer Informationsfluss hätten hier sicherlich geholfen. Eine weitere Herausforderung bestand darin, dass anfangs nur ein kleines Team für das HgG-Modell vorgesehen war, es jedoch an Hebammen fehlte, die freiwillig mitmachten. Aus diesem Grund wurde später jede Hebamme mit mehr als zwei Jahren Berufserfahrung in die Betreuung von Frauen einbezogen. Es wäre förderlich gewesen, wenn wir uns von Anfang an darauf konzentriert hätten, was in den vorhandenen Spitalstrukturen umsetzbar ist, als uns am Ideal des Modells zu orientieren.
Die befragten Hebammen gaben an, durch das HgG-Modell mehr Autonomie erlebt zu haben, fühlten sich aufgrund fehlender Routine aber auch unsicher.
Der Spagat zwischen Autonomie und Unsicherheit ist Teil des Change-Prozesses. Hebammen arbeiten in eigener Verantwortung, kennen aber teilweise ihre Rolle noch nicht, weil Vorbilder fehlen. Das löst Unsicherheit aus. Hilfreich sind Begleitung durch Workshops, Fallbesprechungen und der Austausch im Team. Die Erfahrungen aus den Pilotjahren bilden eine wichtige Grundlage für die Weiterführung.
Was brauchen Hebammen, um ihre erweiterte Rolle im HgG-Modell selbstbewusst ausführen zu können?
Es braucht weiterhin Schulungen und laufendes Feedback, auch von Kritikerinnen. Gerade dieses zeigt auf, wo noch Unsicherheiten oder Ängste bestehen. Fallbesprechungen sowie klar definierte Einschluss- und Ausschlusskriterien geben den Hebammen Orientierung, ärztliches Backup sichert die Praxis. Die Umsetzung der Arbeitsanweisungen nach Midwifery-Unit-Standards und S3-Leitlinien sollte kontinuierlich begleitet werden.
Mehrere Hebammen äusserten den Wunsch nach mehr Übung, wie zum Beispiel beim Nähen oder der intermittierenden Auskultation.
Für die Qualität des Modells ist es wichtig, dass Fortbildungen sowie Fallbesprechungen gemacht werden und ein Austausch im Team stattfindet, stets mit Bezug zu den wissenschaftlichen Evidenzen, und nicht nur auf das Bauchgefühl gestützt. Die Zusammenarbeit mit dem Geburtshaus war ein grosser Gewinn: Unsere Hebammen profitierten von der Sichtweise und Erfahrung der ausserklinischen Geburtshilfe. Es wäre ideal gewesen, Schnuppertage oder Übungsmöglichkeiten im Geburtshaus durchzuführen, organisatorisch ist das jedoch herausfordernd. Zur Qualitätssicherung gehört auch die Evaluation. Was sich klar zeigte: Ein Team kann sich gegenseitig positiv anstecken und Erfahrungen und Haltungen könnten auch ins ärztlich geleitete Setting überschwappen.
Unsere Analyse zeigt, dass es für eine nachhaltige Implementierung verbindliche Rollendefinitionen, transparente Kommunikationswege und institutionelle Unterstützung braucht. Konntet ihr daran weiterarbeiten?
Wir befinden uns noch mitten im Prozess. Die Rollenfindung ist in diesem komplexen Spitalsetting mit unterschiedlichen Modellen auf der gleichen Station sehr herausfordernd. Die kontinuierliche Betreuung führt gemäss Evidenzen zu besseren Outcomes. Wir konnten nicht gleich den ganzen Bogen zur gesamten Hebammenbetreuung implementieren, so fingen wir mit der Geburt an. In diesem Zusammenhang starteten wir auch eine Hebammensprechstunde, die nun noch ausgebaut werden muss, um die Kontinuität zu gewährleisten. Zudem ist die Überleitungsrate in das ärztlich geleitete Modell mit rund 66 Prozent höher als in einem Geburtshaus, was durch die Nähe zu Interventionen und die Arbeitsgewohnheit der Hebammen bedingt sein kann. Da muss man sich mit der Frage auseinandersetzen, was ein hebammengeleitetes Modell zum hebammengeleiteten Modell macht. Eine räumliche Trennung würde sicherlich helfen, das Modell klarer zu verankern.
Wie schätzt du die Zukunft des hebammengeleiteten Geburtsmodells im Spital ein – vor allem im Hinblick auf die Zufriedenheit der Hebammen?
Ich bin überzeugt, dass die Berufszufriedenheit steigt, wenn sich das Modell etabliert und mehr Frauen betreut werden. Unsere Befragung der Hebammen zeigte eine kleine, aber stetige Zunahme. Das ist ein erster Erfolg. Wir müssen kein Endprodukt haben, sondern gemeinsam den Weg gehen. Begleiten wir den Wandel weiter, wird sich die Zufriedenheit spürbar erhöhen. Hebammengeleitete Geburtshilfe sollte selbstverständlich zum Angebot gehören. Mehr Öffentlichkeitsarbeit, interdisziplinäre Anerkennung, rechtliche Rahmenbedingungen für eigenverantwortliches Arbeiten und Abrechnungsmöglichkeiten sind nötig, um die Autonomie des Modells zu sichern.
INTERVIEW MIT

Hebammengeleite Geburtshilfe: Fazit und Ausblick
Die Einführung hebammengeleiteter Versorgungsmodelle in Spitälern stellt weit mehr dar als eine rein strukturelle Veränderung. Sie erfordert ein umfassendes Umdenken auf mehreren Ebenen: klare Verantwortlichkeiten, transparente Kommunikation, institutionelle Unterstützung sowie verbindliche Abläufe für Notfallsituationen. Die Umsetzung neuer Projekte kann den arbeitsbedingten Stress für die involvierten Hebammen zunächst erhöhen und sich in einer frühen Phase negativ auf die Arbeitszufriedenheit auswirken (Grylka-Baeschlin et al., 2022). Ein unterstützendes Umfeld, getragen von geteilter Versorgungsphilosophie und starker, vertrauensbildender Führung ist deshalb entscheidend (Simmelink et al., 2025). Hebammengeleitete Geburtshilfe sollte als integraler Bestandteil des Gesamtangebots verstanden werden. Sie kann die Attraktivität des Hebammenberufs erhöhen und die Qualität der Versorgung stärken. Angesichts des Fachkräftemangels lohnt es sich, solche Modelle weiterzuentwickeln und ihre Wirkung systematisch zu evaluieren.
Zum Hintergrund des Pilotprojekts siehe Einführungsartikel Berufliche Zufriedenheit in der hebammengeleiteten Geburtshilfe
Literatur
Grylka-Baeschlin, S., Aeberli, R., Guenthard-Uhl, B., Meier-Kaeppeli, B., Leutenegger, V., Volken, T., & Pehlke-Milde, J. (2022) Job satisfaction of midwives working in a labor ward: A repeat measure mixed-methods study. European Journal of Midwifery; 6 (February), 1–11. https://doi.org/10.18332/ejm/145494
Simmelink, R., Neppelenbroek, E., Pouwels, A., van der Lee, N., Pajkrt, E., Ziesemer, K. A., Harmsen van der Vliet-Torij, H. W., Verhoeven, C. J. M., de Jonge, A. & Nieuwenhuijze, M. (2025) Understanding how midwife-led continuity of care can be implemented and under what circumstances: A realist review. BMJ Open; 15(2), e091968.
https://doi.org/10.1136/bmjopen-2024-091968