Verhütung als politisches Handlungsfeld: Feministische Debatten damals und heute

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Verhütung als politisches Handlungsfeld: Feministische Debatten damals und heute
09.03.2026
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Autor*in(nen)

Bild von Stella Della Zoppa,
Stella Della Zoppa,
Studierende BSc Hebamme, Berner Fachhochschule, Departement Gesundheit.
Bild von Felice Gaudin,
Felice Gaudin,
Studierende BSc Hebamme, Berner Fachhochschule, Departement Gesundheit.
Bild von Anina Häfliger,
Anina Häfliger,
Sozialanthropologin MA, Hebamme BSc, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Berner Fachhochschule, Departement Gesundheit.

Verhütung ist weit mehr als eine private Entscheidung und Ausdruck individueller Freiheit, sondern verdeutlicht historisch, politisch und gesellschaftlich geprägte Machtverhältnisse. Von der Pille als vermeintlichem Symbol der Befreiung bis zur heutigen «Pillenmüdigkeit» zeigt sich: Verhütung ist eng mit Fragen von Gerechtigkeit, Verantwortung und Geschlecht verknüpft.

Verhütung  widerspiegelt gesellschaftlich, politisch und historisch geprägte Machtverhältnisse  und ist ein zentrales Element reproduktiver Gerechtigkeit (Lembke, 2024). Die Einführung der Pille als Verhütungsmethode in den 1960er gilt als emanzipatorischer Durchbruch in der Verhütungsgeschichte. Gleichzeitig war diese Entwicklung geprägt von pharmazeutischen, bevölkerungs- und sexualpolitischen Interessen sowie der Idee, nicht-weisse Personen und Menschen mit normabweichenden Körpern von der Fortpflanzung abzuhalten (Schultz, 2022).

Feminist*innen kritisierten jedoch, dass die sogenannte sexuelle Befreiung lediglich eine Befreiung des männlichen Begehrens darstellte.

Verhütung: eine historische Einordnung

Die «Sexuelle Revolution» ab 1968 brachte eine Liberalisierung der Sexualität und einen rapiden Anstieg der Pillennutzung. Feminist*innen kritisierten jedoch, dass die sogenannte sexuelle Befreiung lediglich eine Befreiung des männlichen Begehrens darstellte und setzten sich für das Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper ein (Schmitter, 2016).

In den 1970er Jahre stellte die Frauengesundheitsbewegung patriarchale und kapitalistisch geprägte Machtstrukturen zunehmend infrage. Der Begriff «Pillenmüdigkeit» tauchte erstmals auf, und es wurden Fragen gestellt wie «Wollen wir ständig verfügbar sein?», «Weshalb wird Sexualität auf heterosexuelle Praktiken und vaginale Penetration reduziert?» und «Was muten wir unserem Körper mit den Hormonen zu?» (Hartmann, 2020; Hecht, 2020).

Ab den 1990er Jahren avancierte die Pille durch sexualisierte Werbekampagnen zum «Lifestyle-Medikament». Die postfeministische Strömung erklärte bisherige Gleichstellungsforderungen als überholt und stellte die individuelle Wahl- und Entscheidungsfreiheit innerhalb einer neoliberalen Politik in den Vordergrund. Den weiblichen Körper galt es zu optimieren, kontrollieren und disziplinieren. Die Pille wurde nicht mehr ausschliesslich als Verhütungsmittel eingesetzt, sondern diente auch der Anpassung an Schönheitsideale − etwa eine haarlose, glatte Haut oder einen Körper, der nicht oder nur unter kontrollierten Bedingungen menstruiert (Kissling, 2013; Malich, 2012).

In den letzten Jahren wurde insbesondere die Pille öffentlich kritisch diskutiert.

Einsetzende Pillenmüdigkeit in den letzten Jahren

In der Schweiz liegt die kontrazeptive Prävalenz der sexuell aktiven Bevölkerung bei 80 Prozent. Aktuell werden am häufigsten Kondom und hormonelle Methoden genutzt, gefolgt von Spirale und Sterilisation (Späth, A. et al.., 2017). In den letzten Jahren wurde insbesondere die Pille öffentlich kritisch diskutiert (Hartmann, 2020) und Medienberichte thematisierten eine zunehmende «Pillenmüdigkeit» (Tschudin, 2021). Der schweizerische Verhütungsbericht von 2017 zeigt bei 15- bis 49-jährigen Frauen seit 1992 eine rückläufige Pillennutzung auf, die jedoch grossen Schwankungen unterliegt (Späth, A. et al., 2017. Ähnliche Entwicklungen sind in Deutschland und Österreich zu beobachten (Tschudin, 2021). Auch die Verkaufszahlen spiegeln diesen Trend. In der Schweiz sank der Absatz von 2,2 Milliarden Packungen im Jahr 2008 auf 1,9 Milliarden Packungen im Jahr 2015 (King, J. & Frischknecht, A., 2017). Es werden vielseitige Gründe für die «Pillenmüdigkeit» geäussert: Nebenwirkungen, Risiken für die psychische und physische Gesundheit sowie ökologische und nachhaltigkeitsbezogene Bedenken (Le Guen et al., 2021; Rousseau, 2023).

Wer übernimmt Verhütungsarbeit?

Gemäss dem österreichischen Verhütungsreport geben Frauen im Vergleich zu Männern fast doppelt so häufig an, allein für die Verhütung zuständig zu sein (Fiala & Parzer, 2019). Diese Form der organisatorischen, mentalen und emotionalen Arbeit bleibt meistens unsichtbar, obwohl sie zeitliche, finanzielle und gesundheitliche Belastungen mit sich bringt (Kimport, 2018). Frauen übernehmen Verhütungsarbeit in ihrer Jugend und werden so früh in Care-Ökonomien eingebunden. Dadurch bewegen sie sich in einem Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach einem wirksamen und erschwinglichen Verhütungsmittel – das unter den bestehenden Strukturen oft ein hormonelles Präparat ist – und der Abneigung gegenüber einem hormonellen Eingriff in den Zyklus (Rauber, 2024).

Studien zeigen, dass Frauen grundsätzlich offen dafür sind, dass Männer mehr Verantwortung für die Verhütung übernehmen.

Geschlechtergerechte Verhütung

Studien zeigen, dass Frauen grundsätzlich offen dafür sind, dass Männer mehr Verantwortung für die Verhütung übernehmen. Gleichzeitig besteht eine Diskrepanz zwischen dem Wunsch nach Gleichverteilung der Verhütungslast und dem Vertrauen in derzeit verfügbare Methoden für Männer (Bouchard & Nicolle, 2021; Pourchasse & Geslin, 2020).Sexuelle Gesundheit Schweiz empfiehlt als reversible Methode ausschliesslich das Peniskondom und als irreversible Methode die Vasektomie (Sexuelle Gesundheit Schweiz, o. J.). Diese begrenzte Auswahl verweist auf ein strukturelles Ungleichgewicht: Weil Frauen eine Vielzahl hormoneller und nicht-hormoneller Optionen haben, bleibt die Verantwortung für Verhütung faktisch bei ihnen. Die Pharmaindustrie verstärkt diese Ungleichheit, da der Markt mit weiblichen Kontrazeptiva hochprofitabel ist (Frei, 2023).

Thermische Verhütung für Männer

Eine aktuell breit diskutierte Verhütungsmethode, die das Potenzial für eine geschlechtergerechte Verteilung hat, ist die thermische Verhütung beim Mann. Dabei wird die Spermienproduktion durch gezielte Erwärmung der Hoden mittels spezieller Unterwäsche oder eines Hodenrings temporär reduziert (Sexuelle Gesundheit Schweiz, o. J.). Nutzende berichteten von einer hohen Alltagstauglichkeit, kurzer Angewöhnungszeit und einer längerfristig höheren sexuellen Zufriedenheit (Joubert et al., 2022a). Als mögliche Nebenwirkungen wurden Hautirritationen und ein leichtes Unwohlsein genannt (Macé de Gastines, 2022). Da die thermische Zeugungsverhütung noch nicht als Verhütungsmethode zertifiziert ist, lässt sich der Pearl-Index nicht offiziell berechnen, dieser wurde jedoch in einer kürzlich durchgeführten Studie bei korrekter Anwendung auf 0,0 geschätzt (Guidarelli, 2023).
In den vergangenen Jahren hat die Methode zunehmend mediale Aufmerksamkeit in Europa erhalten. Es braucht jedoch mehr wissenschaftliche Studien und eine gesellschaftliche Enttabuisierung, um die Methode in der Schweiz zu etablieren und die Verhütungsverantwortung gerechter zu verteilen (Tcherdukian et al., 2022).

Antifeminismus und Anti-Gender-Politik

Weltweit erstarken rechtsextreme sowie rechtspopulistische Regierungen, die hierarchische und traditionelle Geschlechterrollen (#tradwife) verteidigen, um Macht und Kontrolle über den weiblichen Körper auszuüben (Schutzbach, 2025).Dies führt im Bereich der sexuellen und reproduktiven Gesundheit zu finanziellen Kürzungen und gezielten Einschränkungen beim Zugang zu Verhütungsmitteln (Heinrich Böll Stiftung & Gunda Werner Institut, 2022). Parallel dazu übertönen neoliberale Werte einer individualisierten Leistungsgesellschaft feministische Forderungen und verfestigen den Mythos einer bereits erreichten Gleichstellung. Diese Entwicklungen gefährden die reproduktive Gerechtigkeit, verstärken aus intersektionaler Perspektive Mehrfachdiskriminierungen und verschärfen die ungleiche Verteilung der Verhütungsverantwortung und -arbeit.

Rahmenbedingungen schaffen

Zur Verwirklichung einer geschlechtergerechten und chancengleichen Verhütung sind deshalb strukturelle und gesellschaftliche Rahmenbedingungen sowie politische Anpassungen, die allen Menschen Zugang zu erschwinglichen und qualitativ hochwertigen Verhütungsmittel sichern, elementar (Sexuelle Gesundheit Schweiz, o. J.). Nur so wird Verhütung nicht nur als Mittel zum Zweck verstanden, sondern auch als Symbol für partnerschaftliche Solidarität und Gleichberechtigung (Joubert et al., 2022b).

Autorinnen
Stella Della Zoppa, Felice Gaudin, Anina Häfliger

Literatur

Bouchard, A., & Nicolle, E. (2021) Freins et motivations de femmes à l’utilisation de la contraception masculine: Une étude qualitative par entretiens individuels auprès de 14 femmes iséroises. Médecine humaine et pathologie. https://dumas.ccsd.cnrs.fr/dumas-03343046
Fiala, C., & Parzer, E. (2019) Österreichischer Verhütungsreport 2019. https://verhuetungsreport.at/
Frei, F. (2023) Überfällig: Warum Verhütung auch Männersache ist (1. Aufl.). Goldmann.
Guidarelli, M. (2023) Cross-sectional survey of testicular lift contraceptive devices: Safety, acceptability, efficacy [Dissertation, University of the West Indies]. https://thoreme.com/wp-content/uploads/2023/03/2023-Guidarelli-Latest-thesis-on-the-acceptability-of-male-thermal-contraception-among-900-users.pdf
Hartmann, K. V. (2020) Pille Macht Diskurs (1. Aufl.). Budrich Academic Press. https://doi.org/10.3224/96665020
Hecht, P. (2020, August 18) Soziologin über 60 Jahre Pille: „Kein emanzipatorisches Projekt“. taz. https://taz.de/Soziologin-ueber-60-Jahre-Pille/!5703215/
Heinrich Böll Stiftung, & Gunda Werner Institut (2022) Factsheet Verhütung. https://www.boell.de/sites/default/files/2022-05/Factsheet-Verh%C3%BCtung.pdf
Joubert, S., Tcherdukian, J., Mieusset, R., & Perrin, J. (2022a) Thermal male contraception: A study of users’ motivation, experience, and satisfaction. Andrology, 10(8), 1500–1510. https://doi.org/10.1111/andr.13264
Joubert, S., Tcherdukian, J., Mieusset, R., & Perrin, J. (2022b) Thermal male contraception: A study of users’ motivation, experience, and satisfaction. Andrology, 10(8), 1500–1510. https://doi.org/10.1111/andr.13264
Kimport, K. (2018) More than a physical burden: Women’s mental and emotional work in preventing pregnancy. The Journal of Sex Research, 55(9), 1096–1105. https://doi.org/10.1080/00224499.2017.1311834
King, J., & Frischknecht, E. (2017) Antibabypille: Frauen verzichten immer häufiger darauf. Der Beobachter. https://www.beobachter.ch/gesellschaft/frauen-verzichten-immer-haufiger-darauf-18013
Kissling, E. A. (2013) Pills, periods, and postfeminism: The new politics of marketing birth control. Feminist Media Studies, 13(3), 490–504. https://doi.org/10.1080/14680777.2012.712373
Le Guen, M., Schantz, C., Régnier-Loilier, A., & De La Rochebrochard, E. (2021) Reasons for rejecting hormonal contraception in Western countries: A systematic review. Social Science & Medicine, 284, 114247. https://doi.org/10.1016/j.socscimed.2021.114247
Lembke, U. (2024) Reproduktive Selbstbestimmung und reproduktive Gerechtigkeit – ein intersektionaler Menschenrechtsansatz. GENDER – Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft, 16(1), 11–25. https://doi.org/10.3224/gender.v16i1.02
Macé de Gastines, E. (2022) Étude qualitative: L’opinion des hommes de 18 à 33 ans sur l’utilisation potentielle d’une contraception masculine thermique par remontée testiculaire [Dissertation, Université de Tours]. https://www.applis.univ-tours.fr/scd/Medecine/Theses/2022_Medecine_MacedeGastinesEdouard.pdf
Malich, L. (2012) Vom Mittel der Familienplanung zum differenzierenden Lifestyle-Präparat: Bilder der Pille und ihrer Konsumentin in gynäkologischen Werbeanzeigen seit den 1960er Jahren in der BRD und Frankreich. NTM Zeitschrift für Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin, 20(1), 1–30. https://doi.org/10.1007/s00048-012-0067-8
Pourchasse, M., & Geslin, C. (2020) Avis et perception des femmes concernant la contraception masculine [Dissertation, Université de Rennes]. https://syntheses.univ-rennes1.fr/search-theses/notice.html?id=rennes1-ori-wf-1-13749&printable=true
Rauber, A. (2024) Caring Girlhood – Verhütung als Sorgearbeit von Mädchen (Bd. 85). Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-46048-8
Rousseau, C. (2023) Climate change and sexual and reproductive health: What implications for future research? Sexual and Reproductive Health Matters, 31(1), 2232196. https://doi.org/10.1080/26410397.2023.2232196
Schmitter, L. (2016) „Erlebte Solidarität“: Die Frauengesundheitsbewegung der 1970er-Jahre als imaginierte transnationale Gemeinschaft. Traverse, 23, 75–86. https://doi.org/10.5169/SEALS-650823
Schultz, S. (2022) Die Politik des Kinderkriegens: Zur Kritik demografischer Regierungsstrategien (1. Aufl., Bd. 134). transcript Verlag. https://doi.org/10.14361/9783839461617
Schutzbach, F. (2025) Antifeminismus macht rechte Positionen gesellschaftsfähig. Zeitschrift des interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung IZFG, 41, 5–8.
Späth, A., Schneider, C., Stutz, L., Tschudin, S., & Zemp Stutz, E. (2017) Schweizerischer Verhütungsbericht. Schweizerisches Gesundheitsobservatorium. https://www.obsan.admin.ch/de/publikationen/2017-schweizerischer-verhuetungsbericht
Sexuelle Gesundheit Schweiz (o. J.) Schwangerschafts-Verhütung. Sexuelle Gesundheit Schweiz. https://www.sexuellegesundheit.ch/themen/verhuetung/verhuetungsmethoden
Tcherdukian, J., Mieusset, R., Netter, A., Lechevallier, E., Bretelle, F., & Perrin, J. (2022) Knowledge, professional attitudes, and training among health professionals regarding male contraceptive methods. The European Journal of Contraception & Reproductive Health Care, 27(5), 397–402. https://doi.org/10.1080/13625187.2022.2093851
Tschudin, S. (2021) Pillenmüdigkeit? Fakten und Auswirkungen. Gynäkologische Endokrinologie; 19(4), 280–285. https://doi.org/10.1007/s10304-021-00407-5

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