Stillen – gesellschaftlich und politisch im Wandel

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Stillen – gesellschaftlich und politisch im Wandel
11.12.2025
Bildquellen: istock
Schlagworte: Gesellschaft, Stillen

Autor*in(nen)

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Aline Seeger,
wissenschaftliche Mitarbeiterin, Institut für Hebammenwissenschaft und reproduktive Gesundheit, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.
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Carola Baumgartner,
wissenschaftliche Mitarbeiterin, Institut für Hebammenwissenschaft und reproduktive Gesundheit, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.
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Maya Bürkler,
Masterstudentin MSc Hebamme Berner Fachhochschule, Bildungsverantwortliche Hebamme Stadtspital Zürich.
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Susanne Grylka,
Hebammenforscherin Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Leiterin Fachbereich Geburtshilfe und MSc Hebamme Berner Fachhochschule.

Stillen bietet viele gesundheitliche Vorteile für Mütter und ihre Kinder. Muttermilch ist das optimale Nahrungsmittel für Säuglinge und ermöglicht, den Grundstein für eine langfristige Gesundheit zu legen. Welchen Stellenwert das Stillen gesellschaftlich und politisch in der Schweiz hat und wie es sich in den letzten Jahren veränderte, zeigt eine Analyse von qualitativen Interviews mit Expert*innen.

Im Gegensatz zur Empfehlung der Welt­gesundheitsorganisation (WHO), wäh­rend der ersten sechs Lebensmonate
ausschliesslich zu stillen (WHO, 2025), zeigte die Studie von Juvalta et al. (2024), dass Frauen in der Schweiz im Median 17.4 Wochen ausschliesslich stillten. Dies ver­besserte sich in den letzten zehn Jahren. Ein Grund dafür könnte die bessere Infra­struktur sein. Die «World Breastfeeding Trends»­-Initiative (WBTi) bewertete die Stillfreundlichkeit der Schweiz im Jahr 2020 als «entwicklungsbedürftig» (WBTi, 2020).

Wie Stillfreundlich ist die Schweiz?

Mit dem übergeordneten Ziel, das Stillen zu fördern, wird zurzeit unter der Leitung von Hebammenforscherinnen der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften die stillfreundliche Umgebung der Schweiz im Rahmen des standardisierten Verfahrens «Becoming Breastfeeding Friendly» (BBF) eingeschätzt. Dafür wurden acht Themen (politischer Wille, Gesetzgebung, Finanzierung, Bildung & Stillberatung, Forschung & Evaluation etc.) beurteilt. Diese Bewertung basierte auf Grundlagen von Dokumenten, nationaler und internationaler Literatur sowie qualitativen Interviews mit Expert*innen (siehe Kästchen).

Interview mit Expert*innen: Allgemeine Fragen zum Stillen
Für das «Becoming Breastfeeding Friendly»-Verfahren wurden Gesundheitsfachpersonen sowie Vertreter*innen von Behörden und Verbänden und dem Gesundheitswesen mit Bezug zum Stillen interviewt. Insgesamt wurden 20 Interviews auf der Grundlage von sieben allgemeinen Fragen durchgeführt. Fünf dieser Fragen beziehungsweise deren Auswertungen werden im vorliegenden Artikel besprochen:

  • Welche Stellung hat das Stillen heute in der Schweiz?
  • Wie hat sich die politisch-gesellschaftliche Akzeptanz des Stillens in den letzten zehn Jahren verändert?
  • Wo ist die Schweiz zum Thema Sillfreundlichkeit ein Vorbild?
  • Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für die Förderung des Stillens in der Schweiz?
  • Was braucht es, um die Stillfreundlichkeit in der Schweiz zu verbessern?

Gesellschaftliche Einstellung zum Stillen

Expert*innen beschrieben das Stillen in der Schweiz als gesellschaftlich anerkannt. Die Erwartung an Mütter, ihr Kind zu stillen, sei zwar gross, der gesellschaftliche Druck habe jedoch abgenommen. Wenn eine Mutter nicht stillen möchte, werde ihrem Wunsch heute mit Respekt begegnet. Es herrsche aber nach wie vor viel Unwissen in Bezug auf die Wichtigkeit und Bedeutung des Stillens, sowohl bei Laien als auch bei Fachpersonen. Häufig führe dieses Unwissen zu wertenden Bemerkungen, widersprüchlichen, mangelnden oder gar zu Fehlinformationen. Das Thema Stillen betreffe nicht nur Frauen, sondern die ganze Gesellschaft. Auch wenn die mediale Präsenz des Themas zugenommen habe, wünschten sich einige Expert*innen mehr fachlich fundierte Aufklärung und mehr politische Unterstützung.

Politisch-gesellschaftliche Akzeptanz

Die Einschätzungen zur Veränderung der politisch-gesellschaftlichen Akzeptanz des Stillens in den letzten zehn Jahren fielen unterschiedlich aus. Eine interviewte Person betonte, dass ein zunehmendes politisches Engagement von Müttern sichtbar sei. So komme es beispielsweise vor, dass Mütter mit ihrem gestillten Kind im Bundeshaus präsent seien und dadurch eine Vorbildfunktion einnehmen würden. Auf gesetzlicher Ebene wurden Strukturen geschaffen, welche das Stillen am Arbeitsplatz ermöglichen, was zeige, dass die Wichtigkeit anerkannt wurde. Zudem unterstütze der Bund die Organisation Stillförderung Schweiz finanziell. Nichtsdestotrotz wurde kritisiert, dass es teilweise an stillfreundlicher Infrastruktur mangelt, wie etwa bei der Bereitstellung stillfreundlicher Räume. So unterstreicht eine Expertin im Interview: «Was nach wie vor das Problem ist, ist der Arbeitsplatz. Ich weiss von Frauen, welche das WC angeboten bekommen haben, um dort abzupumpen. Und das ist aktuell. Das war nicht vor 17 Jahren.»[1] Zudem gibt es Berufe, in denen es nicht möglich sei, sich dem Rhythmus des Kindes beim Stillen respektive dem Abpumpen anzupassen. Eine Interviewteilnehmende kritisierte, dass nur unzureichend auf die Bedürfnisse stillender Mütter eingegangen werde.

Die Schweiz als Vorbild?

Die befragten Expert*innen hoben einige Aspekte der Stillfreundlichkeit in der Schweiz als vorbildlich hervor. Dazu zählten ein gut ausgebautes Unterstützungssystem nach der Geburt, insbesondere durch die ambulante Wochenbettbetreuung und die Stillberatung. Diese Angebote wurden als niederschwellig und einfach zugänglich eingestuft. Sowohl die Finanzierung der Wochenbettbetreuung über die Grundversicherung als auch die Finanzierung der Mütter- und Väterberater*innen über die Gemeinden wurden hervorgehoben. Im Hinblick auf die Dauer des Mutterschaftsurlaubes sowie das Fehlen einer Elternzeit wurde die Schweiz im europäischen Vergleich nicht als Vorbild betrachtet. Erwerbstätige Mütter wiesen in der Swiss Infant Feeding Study (SWIFS) eine kürzere Stilldauer auf (Dratva et al., 2014). Weiter wurden die langen Abstände (zehn Jahre) zwischen den «SWIFS»-Studien in der Schweiz bemängelt. Dies führt zu einer langen Phase ohne aktuelle Daten.

Herausforderung und Verbesserungspotenzial

Expert*innen mit direktem Kontakt zu Stillenden erkannten, dass diese häufig mit strukturellen, beruflichen und sozialen Hindernissen konfrontiert seien, die eine längere Stillzeit erschweren oder verunmöglichen. «Wir sehen die Ansätze zur Verbesserung der Stillfreundlichkeit in den Rahmenbedingungen … Zum einen sehen wir das in der Gesetzgebung, dass Stillen langfristig möglich ist, aber auch in der Infrastruktur und den Ressourcen», sagte eine Person im Interview aus.[2]

Darüber hinaus betonten Interviewteilnehmende, dass Mütter über unzureichende Kenntnisse zum Arbeitsrecht im Zusammenhang mit dem Stillen verfügen oder diese Rechte aufgrund fehlender Infrastruktur nicht wahrnehmen könnten. Auf politischer Ebene, im Bereich Gesundheitsförderung und Prävention werden zunehmend Einsparungen vorgenommen, was sich nachteilig auf die Stillförderung auswirke. Erschwerend käme hinzu, dass die Säuglingsnahrungsindustrie eine starke Lobby darstelle, welche der Stillförderung entgegenwirke.

Die Verbesserung der Stillfreundlichkeit erfordere nach Einschätzung mehrerer Expert*innen eine stärkere Unterstützung von Familien. Es wurden mehr Aufklärungskampagnen zum Stillen gefordert. Die gesamte Bevölkerung müsse für das Thema sensibilisiert werden, um die Schweiz insgesamt stillfreundlicher zu gestalten. Weiter regten Expert*innen an, den Austausch zwischen werdenden und stillenden Müttern auszubauen, etwa durch die Einrichtung von Stillforen oder Stillgruppen bereits während der Schwangerschaft, um damit der sozialen Isolation vieler Mütter entgegenzuwirken.

Eine Interviewte wies darauf hin, dass das Thema Stillförderung in der Schweiz aufgrund des Föderalismus in jedem Kanton unterschiedlich gehandhabt werde, was eine erhebliche Herausforderung darstelle. Eine nationale Stillstrategie, das heisst eine Kommunikationsstrategie für die Sensibilisierung des Themas sowie die Vermittlung von evidenzbasiertem Wissen, sei beinahe unmöglich. Um dem Föderalismus entgegenzuwirken, sprach sich eine Expertin für die Förderung der interprofessionellen Zusammenarbeit zwischen Kinderärztinnen und -ärzte, Hebammen, Still- und Laktationsberater*innen und Mütter- und Väterberater*innen aus. Der Aus- und Weiterbildung von Gesundheitsfachpersonal, insbesondere von Kinderärztinnen und -ärzten, müsse ein höherer Stellenwert eingeräumt werden. Dadurch könnte die Unterstützung für Stillende verbessert werden.  «Ich habe das Gefühl, im Medizinstudium kommt das Thema Stillen zu kurz. Am meisten zeigt sich das bei den Kinderärzten. Ich denke sie sind geübt im Einschätzen des Gewichtes, aber wie das im Zusammenhang steht mit dem Stillmanagement ist ganz schwierig», war eine Aussage in den Interviews[3].

Massnahmen zur Stillförderung sind notwendig

Die Ergebnisse dieser Interviews fliessen in die Beurteilung der Stillfreundlichkeit der Schweiz im Rahmen des BBF-Projekts ein. Aktuell werden in diesem Projekt Lücken identifiziert und Handlungsmassnahmen abgeleitet, welche ab Frühling 2026 in einem Bericht verbreitet und anschliessend umgesetzt werden sollten.


[1] Interview 5, der Expert*innen-Interviews

[2] Interview 3, der Expert*innen-Interviews

[3] Interview 6, der Expert*innen-Interviews

Literatur
Juvalta, S., Gross, K., Grylka, S., Kalb, V. & Dratva, J. (2024) SWIFS – «Swiss Infant Feeding Study».
Eine nationale Studie zur Ernährung von Säuglingen im ersten Lebensjahr. www.blv.admin.ch
World Breastfeeding Trend Initiative (WBTi.) (2020) Evaluierung für die Schweiz 2020.
https://lalecheleague.ch
World Health Organization (2025) Breastfeeding. www.who.int

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