Verkürzte Aufenthaltsdauern, rückläufige Geburtenzahlen und steigender finanzieller Druck prägen die stationäre Geburtshilfe. Gleichzeitig wächst der Wunsch nach gleichgestellter Elternschaft und einer Betreuung, die die individuellen Bedürfnisse der Familien ins Zentrum stellt. Diese Entwicklungen machen deutlich: Die stationäre Wochenbettversorgung steht an einem Wendepunkt. Bestehende Strukturen müssen überprüft und neu ausgerichtet werden, familienzentriert und bedürfnisorientiert. Genau hier setzt das Praxisentwicklungsprojekt «Familie im Zentrum» an.
Die Geburt eines Kindes markiert einen tiefgreifenden Wendepunkt im Leben eines Paares. Routinen, Rollen und Sicherheit geraten ins Wanken und müssen sich neu ordnen. Das frühe Wochenbett ist dabei eine besonders sensible Zeit. Hier werden entscheidende Weichen für die langfristige körperliche, seelische und soziale Gesundheit der gesamten Familie gestellt. Gesundheitsförderung, so zeigt sich klar, beginnt am Lebensanfang.
Stationäre Wochenbettbetreuung
Die heutige stationäre Wochenbettbetreuung ist das Ergebnis einer langen historischen Entwicklung: vom häuslichen Wochenbett über den zehntägigen Klinikaufenthalt bis hin zu den zunehmend verkürzten Aufenthaltsdauern. Gleichzeitig verschärft sich der finanzielle Druck in der Geburtshilfe: Die Geburtenzahlen sind rückläufig – eine Entwicklung, die sich direkt auf den Ertrag geburtshilflicher Abteilungen auswirkt und strukturelle Anpassungen zunehmend notwendig macht. Wenn der stationäre Aufenthalt heute durchschnittlich nur noch rund 2,5 Tage dauert, stellt sich unweigerlich die Frage: Was zählt in dieser begrenzten Zeit für Familien wirklich? Welche Unterstützung benötigen Eltern? Hinzu kommt ein verändertes gesellschaftliches Verständnis von Elternschaft. Während die seelischen Anpassungsleistungen der Mutter weitgehend konstant bleiben, haben sich Rollenbilder, insbesondere von Vätern, stark verändert. Der Wunsch nach Elternschaft auf Augenhöhe ist deutlich spürbar, spiegelt sich in der stationären Versorgung aber bislang nur teilweise.
Projekt «Familie im Zentrum»
Gemäss der Weltgesundheitsorganisation umfasst qualitativ hochwertige stationäre Wochenbettbetreuung weit mehr als klinische Interventionen. Sie entsteht in einem Gefüge aus Prozessen, Strategien und institutionellen Strukturen, die den Alltag auf den Stationen prägen. Es ist daher notwendig, die bestehenden Versorgungsstrukturen kritisch zu hinterfragen. Hier setzt das Praxisentwicklungsprojekt «Familie im Zentrum» an. Ziel war es, bis Ende 2025 eine integrierte, effiziente und familienorientierte Versorgung im stationären Wochenbett zu etablieren. Das im Rahmen einer Masterarbeit entwickelte Projekt zeigt exemplarisch auf, wie ein modernes Wochenbett gestaltet werden kann, das sowohl den Bedürfnissen heutiger Familien gerecht wird als auch die Ressourcen des Gesundheitssystems verantwortungsvoll nutzt.
Im Zentrum stand die Frage, wo weniger Überwachung mehr Ruhe, Erholung und individuelle Betreuung ermöglicht und wo eine engmaschige Begleitung weiterhin unverzichtbar bleibt.
Der Weg zu einem stärkenden Wochenbett
Ein zentrales Leitmotiv des Projekts lautet: «Ein physiologisch verlaufendes Wochenbett ist ein gesunder Abschnitt in der Biografie einer gesunden Frau.» Die Betreuung orientiert sich an der Wahrung physiologischer Prozesse und einer hochwertigen Versorgung mit minimalen Interventionen. Fachpersonen schaffen einen geschützten Rahmen, in dem Mutter und Kind ihren eigenen Rhythmus finden können – eine Haltung der «gekonnten Nicht‑Intervention».
Vier Betreuungsschwerpunkte
Aus der Literatur lassen sich vier zentrale Betreuungsschwerpunkte ableiten: Stillen, Selbstpflege, emotionale Veränderungen sowie der Umgang mit dem Neugeborenen. Übergeordnet prägt eine frauenzentrierte Haltung das gesamte Versorgungskonzept. Sie basiert auf einer bestätigenden, stärkenden und unterstützenden Präsenz sowie einem tiefen Verständnis für die individuelle Situation der Frau (Sposato & Miller, 2024). Betreuung wird dabei als gemeinsamer Prozess verstanden: Fachpersonen begleiten, stärken und informieren, ohne Entscheidungen zu übernehmen.

Integrative Versorgung – Balance zwischen Ruhe und Sicherheit
Im Projekt zeigte sich rasch, dass viele Interventionen im Wochenbett ohne klare Indikation und häufig aus Routine erfolgen. Dies führte zur Entwicklung eines neuen Betreuungsstandards. Im Zentrum stand die Frage, wo weniger Überwachung mehr Ruhe, Erholung und individuelle Betreuung ermöglicht und wo eine engmaschige Begleitung weiterhin unverzichtbar bleibt. Die Einführung des Betreuungsstandards führte spürbar zu mehr Ruhe in den Zimmern. Eine Wöchnerin fasste es treffend zusammen: «Im Gegensatz zum letzten Wochenbett war es diesmal deutlich erholsamer und es gab mehr Ruhe im Zimmer.»
Strukturen, die Ruhe ermöglichen
Um den Betreuungsstandard wirksam umzusetzen und die Betreuung individuell zu gestalten, ist fachliche Spezialisierung zentral. Das Personal wird deshalb fachspezifisch eingesetzt. Um dies zu ermöglichen, werden die Stationen fachlich getrennt und eine eigene Familienstation aufgebaut, ein zentrales Thema im Teilprojekt Personalstrategie. Auch standardisierte Abläufe wurden kritisch geprüft. Reinigung, Room Service oder pflegerische Tätigkeiten führten zu einer Kumulation von Zimmergängen und häufigen Unterbrechungen. Die Tagesstruktur wurde detailliert analysiert, um unnötige Unterbrechungen auf allen Ebenen zu reduzieren und mehr Ruhe zu ermöglichen. Erste Anpassungen zeigen Wirkung, der Prozess ist jedoch noch nicht abgeschlossen.
Ein wesentlicher Projekterfolg ist die Ausweitung der Stillberatung auf sieben Tage pro Woche.
Stillen: konsistente Unterstützung
Das Stillen spielt eine zentrale Rolle, da konsistente, fachlich fundierte Unterstützung die Stillbeziehung stärkt und Entwicklungsrisiken reduziert (Goldshtein et al., 2025). Widersprüchliche Hinweise oder starre Vorgaben hingegen verunsichern Eltern (Maly‑Motta, 2024). Ein wesentlicher Projekterfolg ist deshalb die Ausweitung der Stillberatung auf sieben Tage pro Woche. Die Stillberaterinnen arbeiten direkt im Pflegeteam mit und stärken so die Qualität und Konsistenz der Betreuung nachhaltig.
Durch standardisierte Schulungsinstrumente werden nun einheitliches und evidenzbasiertes Wissen im Team sichergestellt. Das Stillberatungsteam des Spitals Frauenfeld spürt den Wechsel deutlich: «Seit wir Fachpersonen täglich auf der Station sind, haben wir mehr Zeit für die Paare. Wir können viel direkter unterstützen und arbeiten im interprofessionellen Team enger zusammen. Das Stillen bekommt mehr Gewicht und wir schaffen es, das Fachwissen im ganzen Team zu stärken.»
Vom Patientenbild zur Familienperspektive
Die Literatur zeigt klar: Familien müssen im Wochenbett als Einheit wahrgenommen werden. Trotz des gemeinsamen Erlebens von Schwangerschaft und Geburt werden Eltern im klinischen Alltag im Wochenbett oft asymmetrisch behandelt – die Frau als Patientin, der Partner oder die Partnerin als Begleitperson. «We feel like one, they see us as two» beschreibt diese Diskrepanz treffend (Ellberg et al., 2010). Eine gleichwertige Einbindung beider Eltern stärkt Sicherheit, Bindung und psychische Gesundheit und fördert die kindliche Entwicklung (Bell & Andersson, 2016). Dafür sind passende Strukturen essenziell, um ein wirksames Präventionsnetzwerk zu etablieren (Maly‑Motta, 2024).
Vor diesem Hintergrund wurden auch die Zimmerstrukturen angepasst. Da Familienzimmer bislang für viele junge Familien kaum finanzierbar waren, entstand ein neues Angebot. Es bezieht den Partner oder die Partnerin als zentrale Ressource im Wochenbett ein und nähert das stationäre Setting damit stärker an die ambulante Versorgung an. Es wäre wünschenswert, dass das Familienzimmer insbesondere für Erstgebärende zum Standard werden wird.
Evaluation und Ausblick
Die Mitarbeitendenbefragung zeigt eine klare Verbesserung der Arbeitszufriedenheit sowie einen messbaren Zuwachs an fachlicher Kompetenz bei den Mitarbeitenden. Auch die Zufriedenheit mit den neuen Strukturen ist gestiegen. Das Familienzimmer-Angebot wird von einem Drittel bis rund der Hälfte der Familien genutzt und sehr positiv bewertet. Partner*innen werden dabei für das Pflegepersonal als entlastende Ressource erlebt.
Die Autorin zieht ein klares Fazit: «Das Projekt ‹Familie im Zentrum› legt einen tragfähigen Grundstein für einen umfassenden Wandel. Die Masterarbeit markiert den Beginn eines mehrstufigen Entwicklungsprozesses, in dem die erarbeiteten Ansätze weiter konkretisiert und nachhaltig verankert werden sollen – mit dem Ziel, Familien einen vertrauensvollen und geborgenen Übergang in den neuen Lebensabschnitt zu ermöglichen.»
Von der Evidenz zur Praxis
Die Literaturrecherche bildete den ersten Meilenstein des Projekts. Im Januar 2025 startete eine interdisziplinäre Projektgruppe mit der Umsetzung. Von Beginn an war klar: Alle beteiligten Akteurinnen und Akteure müssen mitgenommen werden: das Pflege- und Ärzteteam, die Hotellerie sowie zahlreiche weitere Berufsgruppen, die das Wochenbett täglich mitgestalten. Nur wenn alle Perspektiven gehört und einbezogen werden, kann aus evidenzbasiertem Wissen eine tragfähige, gelebte Praxis entstehen.
Autorin
Chantal Metzger
Literatur
Borchard, C.& Kirchner, S. (2022) Bedeutung der Elternschaft. In Wochenbettbetreuung (5. Auflage, S. 42–60). Thieme.
Brady, S., Gibbons, K. S. & Bogossian, F. (2024) Defining woman-centred care: A concept analysis. Midwifery; 131, 103954. https://doi.org/10.1016/j.midw.2024.103954
Ellberg, L., Högberg, U. & Lindh, V. (2010) ‘We feel like one, they see us as two’: New parents’ discontent with postnatal care. Midwifery; 26(4), 463–468. https://doi.org/10.1016/j.midw.2008.10.006
Goldshtein, I., Sadaka, Y., Amit, G., Kasir, N., Bourgeron, T., Warrier, V., Akiva, P., Avgil Tsadok, M. & Zimmerman, D. R. (2025) Breastfeeding Duration and Child Development. JAMA Network Open; 8(3), e251540. https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2025.1540
Maly-Motta, H. (2024) A roller coaster of emotions: A content analysis of experiences and evaluations of hospitalization after birth. Midwifery; 135, 104049. https://doi.org/10.1016/j.midw.2024.104049
Sendas, M. V. & Freitas, M. J. (2024) The needs of women in the postpartum period: A scoping review. Midwifery; 136, 104098. https://doi.org/10.1016/j.midw.2024.104098
Sposato, M. F. & Miller, W. R. (2024) Concept Analysis of Woman-Centered Care: Implications for Postpartum Care. MCN. The American Journal of Maternal Child Nursing; 49(6), 314–323. https://doi.org/10.1097/NMC.0000000000001045
WHO (2022) WHO Recommendations on Maternal and Newborn Care for a Positive Postnatal Experience (1st ed.). World Health Organization.
Wiklund, I., Wiklund, J., Pettersson, V. & Boström, A.-M. (2018) New parents’ experience of information and sense of security related to postnatal care: A systematic review. Sexual & Reproductive Healthcare; 17, 35–42. https://doi.org/10.1016/j.srhc.2018.06.001