Schweizerischer Hebammenkongress 2026: Die Zeit ist jetzt!

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Schweizerischer Hebammenkongress 2026: Die Zeit ist jetzt!
07.07.2026
Bildquellen: SHV / Antje Kroll-Witzer

Autor*in(nen)

Bild von Esther Grosjean
Esther Grosjean
Redaktorin «Obstetrica»

Kein Aufschub, kein Vielleicht: «Die Zeit ist jetzt.» Am 27. und 28. Mai kamen im Trafo Baden rund 520 Hebammen aus der ganzen Schweiz zum Schweizerischen Hebammenkongress zusammen. Eineinhalb Tage lang ging es um Public Health und Hebammenarbeit, um konkrete Praxis und grosse Fragen. Und darum, miteinander im Dialog zu bleiben.

«Das diesjährige Motto ist kein theoretisches Konstrukt, es ist ein Handlungsauftrag», sagt Petra Graf, Präsidentin des Schweizerischen Hebammenverbandes, zur Eröffnung. Damit ist der Ton gesetzt. Unter dem Motto «Empowered midwives, empowered families: Die Zeit ist jetzt» richtet der Kongress den Blick auf eine Gegenwart, die von Hebammen viel verlangt: fachliche Sicherheit, interprofessionelles Denken, technologische Offenheit und eine Haltung, die Frauen und Familien stärkt, ohne dass sich Hebammen dabei allein gelassen fühlen.

Ein Kongress und viele Themen

Sommerliche Temperaturen begleiten die Ankunft der Besucher*innen. Einige gönnen sich als Erstes einen Kaffee, andere flanieren durch die Industrieausstellung über zwei Stockwerke oder eilen direkt in den grossen Saal. Auf der Bühne steht ein Tischchen bereit, an dem die Referentinnen und Referenten Platz nehmen. Zwischen den Stuhlreihen warten zwei Mikrofone auf Fragen, Inputs und Anekdoten aus dem Publikum.

An eineinhalb Tagen umfasste das Programm 16 Referate, 12 Workshops, zwei Weiterbildungen, einen Posterwettbewerb und einen stimmungsvollen Ausklang im Casino Baden am Abend des ersten Kongresstages. Früh zeigte sich, was diesen Kongress trägt: nicht nur die Referate, sondern auch die Reaktionen und Fragen darauf.

Public Health wird konkret

Beim Referat zu den perinatalen Determinanten kardiovaskulärer Risiken zeigt sich eine Teilnehmerin betroffen: «Ich wusste nicht, dass die Mortalität so hoch ist. Was können Hebammen tun?» Die Referentin Carolin Lerchenmüller verweist auf eine Lücke, die Hebammen schliessen können: im Wochenbett den Blutdruck kontrollieren, besonders nach Präeklampsie oder ähnlicher Vorgeschichte (siehe dazu auch Artikel zur Gendermedizin).

Auch an anderer Stelle wurde deutlich, dass Public Health dort konkret wird, wo Versorgungslücken sichtbar werden.

Es ist Zeit zu handeln: Die Präsidentin des Schweizerischen Hebammenverbandes Petra Graf eröffnet den Kongress
2026 mit klaren Worten, die Orientierung geben und verbinden.
Es kann losgehen: der Welcome Desk am Morgen des ersten Kongresstages im Trafo Baden
Die Industrieausstellung zwischen Stofftaschen, Fachfragen und zufälligen Begegnungen

Im Mittelpunkt der Diskussion über Milchbanken standen der Mangel an entsprechenden Einrichtungen und die Frage, wie eine Regulierung aussehen könnte, falls man erwägen würde, Spenden auch für Empfänger ausserhalb der Frühgeborenenversorgung zu öffnen. «Ich bin gegen die Geschäftemacherei mit Muttermilch», sagt eine Hebamme empört. «Sie wird zu hohen Preisen gehandelt – auch an Männer, die sie wegen der Steroide trinken. Ich verstehe nicht, dass wir es in einem Land wie der Schweiz nicht schaffen, Spenden von Muttermilch zu ermöglichen.» Gefordert wurde ein regulierter Markt.

Zwischen Intuition und Algorithmus

Künstliche Intelligenz (KI) ist im Gesundheitswesen angekommen: als Tutorin, als Unterstützung in der Diagnostik, als Teil künftiger Public-Health-Strategien, so Katja Geiger in ihrem Referat zur KI. Mit dem Einsatz von KI stellen sich neue Fragen. Wer trägt Verantwortung? Wie verändert KI die CTG-Interpretation? Und wie begegnen Hebammen Klientinnen, die mit Wissen kommen, das sie von KI-Systemen erhalten haben? Eine Frage zum Schluss reicht damit auch weit über den Hebammenalltag hinaus: Denken wir mehr oder weniger, wenn wir KI nutzen?

Begleiten heisst auch: nicht allein bleiben

Der Kongress zeigt nicht nur, was Familien brauchen. Er zeigt auch, was Hebammen brauchen, um begleiten zu können. «Die Eltern wollen bei Schwangerschaftskontrollen nur eins hören: dass es dem Kind gut geht. Leider ist das nicht immer der Fall», fasst Felicia Burckhardt, Hebammenexpertin, im Referat zur spitalinternen Anlaufstelle Windspiel am Kantonsspital Baden die Realität zusammen.

Auf die Frage aus dem Publikum, wie sie es schafft, sich bei sehr schwierigen Themen wie zum Beispiel einem Fetozid abzugrenzen, antwortet Felicia: «Intervisionen können helfen, Erlebtes zu verarbeiten.» Damit wurde auch deutlich: Gute Begleitung braucht nicht nur Fachwissen, sondern auch Räume, in denen Hebammen selbst gehalten werden.

Unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Instrumente

Veränderung zeigt sich aber nicht nur in technischen Fragen, sondern auch in der Art, wie Geburtshilfe verstanden und praktiziert wird. «Der Forceps kann magisch sein», schwärmt die in Genf, an den Hôpitaux universitaires de Genève, praktizierende Ärztin Caroline Daelemans in ihrem Referat zur Physiologie im Gebärsaal.

Der Satz macht hörbar, dass geburtshilfliche Instrumente nicht überall dieselbe Geschichte haben. In der Deutschschweiz werden sie seltener eingesetzt. Für Daelemans ist dieser kulturelle Unterschied auch mit Blick auf die Kaiserschnittrate interessant: «Instrumente nicht zu verwenden, bedeutet mehr Kaiserschnitte» (siehe dazu auch das Interview mit Dr. Manon Vouga zur Sectiorate in der Schweiz, «Obstetrica» 1/2026)

Die Genfer Ärztin Caroline Daelemans teilt am Kongress ihre Erfahrungen mit Beckenendlagengeburten und nimmt nimmt per Simultanübersetzung
eine Frage aus dem Publikum entgegen.
Manchmal ist Zeit für Pause!
Dina Hediger von Frühchen & Neokinder Schweiz (vorne im Bild) erinnerte aus eigener Erfahrung daran, wie verletzlich der Übergang nach einer Frühgeburt sein kann: «Ich war nur eine Neo-Mama, eine Mutter zuhause war ich noch nicht.»

Die Generationenfrage

Nicht zuletzt führt die Generationenfrage mitten in den Wandel. «Die Kaffeemaschine ist für viele die wichtigste Maschine. Die Jungen trinken aber keinen Kaffee mehr.» Das Statement einer Besucherin bringt grosse Themen leichtfüssig auf den Punkt: Arbeitskultur, Tempo, Sprache, Erwartungen.

Vieles hat sich verändert. Der Wissens- und Erfahrungsschatz der Älteren trifft auf neue Impulse, Leichtigkeit und andere Prioritäten der Jüngeren. Die beiden Referenten, Vertreter der Generationen Z (1997–2012) und X (1965–1980), bringen Lösungsansätze ein und zeigen, wie unterschiedlich Arbeit, Kommunikation und Verbindlichkeit verstanden werden können (siehe dazu auch Artikel Generationenübergreifende Zusammenarbeit). Eines zählt hier vielleicht noch mehr als sonst: Es führt kein Weg daran vorbei, miteinander zu reden.

Die Zeit ist jetzt!

Das Motto «Die Zeit ist jetzt» klingt am Ende weniger wie ein Slogan als wie eine gemeinsame Verabredung. Im nächsten Jahr folgt eine Neuerung: 2027 findet der Schweizerische Hebammenkongress erstmals getrennt auf Französisch und Deutsch unter der gemeinsamen Bezeichnung «Focus Obstetrica» statt (zur neuen Namensgebung siehe auch Kurznews hier). So sollen regionale Themen stärker vertieft werden, bevor 2028 in Fribourg wieder alle Landesteile zu gemeinsamen Themen zusammenkommen.

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