Kein Aufschub, kein Vielleicht: «Die Zeit ist jetzt.» Am 27. und 28. Mai kamen im Trafo Baden rund 520 Hebammen aus der ganzen Schweiz zum Schweizerischen Hebammenkongress zusammen. Eineinhalb Tage lang ging es um Public Health und Hebammenarbeit, um konkrete Praxis und grosse Fragen. Und darum, miteinander im Dialog zu bleiben.
«Das diesjährige Motto ist kein theoretisches Konstrukt, es ist ein Handlungsauftrag», sagt Petra Graf, Präsidentin des Schweizerischen Hebammenverbandes, zur Eröffnung. Damit ist der Ton gesetzt. Unter dem Motto «Empowered midwives, empowered families: Die Zeit ist jetzt» richtet der Kongress den Blick auf eine Gegenwart, die von Hebammen viel verlangt: fachliche Sicherheit, interprofessionelles Denken, technologische Offenheit und eine Haltung, die Frauen und Familien stärkt, ohne dass sich Hebammen dabei allein gelassen fühlen.
Ein Kongress und viele Themen
Sommerliche Temperaturen begleiten die Ankunft der Besucher*innen. Einige gönnen sich als Erstes einen Kaffee, andere flanieren durch die Industrieausstellung über zwei Stockwerke oder eilen direkt in den grossen Saal. Auf der Bühne steht ein Tischchen bereit, an dem die Referentinnen und Referenten Platz nehmen. Zwischen den Stuhlreihen warten zwei Mikrofone auf Fragen, Inputs und Anekdoten aus dem Publikum.
An eineinhalb Tagen umfasste das Programm 16 Referate, 12 Workshops, zwei Weiterbildungen, einen Posterwettbewerb und einen stimmungsvollen Ausklang im Casino Baden am Abend des ersten Kongresstages. Früh zeigte sich, was diesen Kongress trägt: nicht nur die Referate, sondern auch die Reaktionen und Fragen darauf.
Dossier zu Public Health
Die Juli-Ausgabe der «Obstetrica» stellt das Thema «Public Health und Hebammenarbeit» in den Mittelpunkt. Das Dossier knüpft an den thematischen Auftakt des Kongresses an und vertieft zentrale Fragen, die dort zur Sprache kamen. Die Artikel sind unter Dossier verfügbar.
Public Health wird konkret
Beim Referat zu den perinatalen Determinanten kardiovaskulärer Risiken zeigt sich eine Teilnehmerin betroffen: «Ich wusste nicht, dass die Mortalität so hoch ist. Was können Hebammen tun?» Die Referentin Carolin Lerchenmüller verweist auf eine Lücke, die Hebammen schliessen können: im Wochenbett den Blutdruck kontrollieren, besonders nach Präeklampsie oder ähnlicher Vorgeschichte (siehe dazu auch Artikel zur Gendermedizin).
Auch an anderer Stelle wurde deutlich, dass Public Health dort konkret wird, wo Versorgungslücken sichtbar werden.

2026 mit klaren Worten, die Orientierung geben und verbinden.
Gastsektion Beide Basel
Die Gastsektion Beide Basel rückte am Hebammenkongress die Pionierinnen der Geburtshilfe ins Zentrum. Unter dem Titel «Von Tür zu Tür – Pionierarbeit der Hebammen unserer Sektion» zeichneten sie im vorgestellten Kurzfilm die Geschichte von Hebammen nach, die Geburtshäuser aufbauten, neue Versorgungsmodelle entwickelten und sich für Familien einsetzten. Zur Sprache kamen unter anderem Geburtshäuser, Familystart, SORGSAM, das Bindungshaus Basel (siehe dazu auch den Artikel zum Bindungshaus in der Ausgabe 5/2025) sowie ganz allgemein der Ansatz, dass Frauen den Geburtsort selbst wählen können sollten.
Die Hebammen erzählen im Filmporträt auch von Rückschlägen. Dennoch blieb Basel eine Region mit starker Tradition freischaffender Hebammen und innovativer Modelle.
Am fröhlichen Stand der Basler Hebammen konnte man sich ablichten lassen – und das Bild gleich nach Hause nehmen. Die Accessoires lagen im Koffer bereit: Was darf es sein – ein Storch, ein Becken, eine Babypuppe, ein Hut? Fotografiert wurde vor einer blühenden Kirschbaumkulisse.
Den Filmbeitrag der Sektion Beide Basel hier schauen



Geburt ausserhalb der Leitlinien – ein aktuelles Thema

Der zweite Kongresstag schloss mit einem ausführlichen, zweiteiligen Block zu respektvoller Geburtshilfe und perinataler Betreuung ausserhalb der Leitlinien. Auf der Bühne diskutierten unter anderem Delia Weber und Sue Brailey, die zusammen mit Paola Origlia den Artikel «Care outside of guidance: Betreuung trotz Ablehnung» in der «Obstetrica» publiziert haben.
Das Thema beschäftigt viele Hebammen in der Praxis weiterhin: Wie kann Begleitung gelingen, wenn Entscheidungen von den Empfehlungen abweichen?
Um den Artikel «Care outside of guidance» zu lesen, hier klicken
Im Mittelpunkt der Diskussion über Milchbanken standen der Mangel an entsprechenden Einrichtungen und die Frage, wie eine Regulierung aussehen könnte, falls man erwägen würde, Spenden auch für Empfänger ausserhalb der Frühgeborenenversorgung zu öffnen. «Ich bin gegen die Geschäftemacherei mit Muttermilch», sagt eine Hebamme empört. «Sie wird zu hohen Preisen gehandelt – auch an Männer, die sie wegen der Steroide trinken. Ich verstehe nicht, dass wir es in einem Land wie der Schweiz nicht schaffen, Spenden von Muttermilch zu ermöglichen.» Gefordert wurde ein regulierter Markt.
Zwischen Intuition und Algorithmus
Künstliche Intelligenz (KI) ist im Gesundheitswesen angekommen: als Tutorin, als Unterstützung in der Diagnostik, als Teil künftiger Public-Health-Strategien, so Katja Geiger in ihrem Referat zur KI. Mit dem Einsatz von KI stellen sich neue Fragen. Wer trägt Verantwortung? Wie verändert KI die CTG-Interpretation? Und wie begegnen Hebammen Klientinnen, die mit Wissen kommen, das sie von KI-Systemen erhalten haben? Eine Frage zum Schluss reicht damit auch weit über den Hebammenalltag hinaus: Denken wir mehr oder weniger, wenn wir KI nutzen?
Begleiten heisst auch: nicht allein bleiben
Der Kongress zeigt nicht nur, was Familien brauchen. Er zeigt auch, was Hebammen brauchen, um begleiten zu können. «Die Eltern wollen bei Schwangerschaftskontrollen nur eins hören: dass es dem Kind gut geht. Leider ist das nicht immer der Fall», fasst Felicia Burckhardt, Hebammenexpertin, im Referat zur spitalinternen Anlaufstelle Windspiel am Kantonsspital Baden die Realität zusammen.
Auf die Frage aus dem Publikum, wie sie es schafft, sich bei sehr schwierigen Themen wie zum Beispiel einem Fetozid abzugrenzen, antwortet Felicia: «Intervisionen können helfen, Erlebtes zu verarbeiten.» Damit wurde auch deutlich: Gute Begleitung braucht nicht nur Fachwissen, sondern auch Räume, in denen Hebammen selbst gehalten werden.
Unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Instrumente
Veränderung zeigt sich aber nicht nur in technischen Fragen, sondern auch in der Art, wie Geburtshilfe verstanden und praktiziert wird. «Der Forceps kann magisch sein», schwärmt die in Genf, an den Hôpitaux universitaires de Genève, praktizierende Ärztin Caroline Daelemans in ihrem Referat zur Physiologie im Gebärsaal.
Der Satz macht hörbar, dass geburtshilfliche Instrumente nicht überall dieselbe Geschichte haben. In der Deutschschweiz werden sie seltener eingesetzt. Für Daelemans ist dieser kulturelle Unterschied auch mit Blick auf die Kaiserschnittrate interessant: «Instrumente nicht zu verwenden, bedeutet mehr Kaiserschnitte» (siehe dazu auch das Interview mit Dr. Manon Vouga zur Sectiorate in der Schweiz, «Obstetrica» 1/2026)

Die Gewinner*innen des Posterwettbewerbs
18 verschiedene Poster in drei Kategorien wurden in diesem Jahr am Schweizerischen Hebammenkongress ausgestellt. Die Jury setzte sich aus Giulia Gaifami, Emilienne Celetta, Vanessa leutenegger, Adrien Bruno und Tamara Bonc zusammen. Sie bewertete die Poster nach vorgängig definierten Kriterien. Caterina Montagnoli, Koordinatorin des Posterwettbewerbs, gab die Preisträger*innen am Ende des Kongresses bekannt.
In der Kategorie Poster einer Hebamme mit Masterabschluss (Masterthesis) wurden
Laureline Bloch und Sandrine Richard für ihr Poster «Les débuts du travail de l’accouchement en Suisse romande, une étude qualitative sur les savoirs et pratiques de lieux de naissance» mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Das Preisgeld von 1000 CHF wurde von der Fondation pour le Perfectionnement et la recherche en Gynécologie et obstétrique gestiftet. Den zweiten Platz belegte Stefanie Antonia Nunez mit dem Poster «Die Dynamik des Kinderwunsches: Entwicklung und erste Validierung eines Instruments zur Erfassung der Reproduktionsmotivation bei Frauen in der Fertilitätsbehandlung». Sie erhielt ein Preisgeld von 500 CHF, gestiftet von der Maiores Stiftung.
In der Kategorie Hebammenforschung wurden drei Preise vergeben. Den ersten Platz belegten gleichauf Emilienne Celetta mit dem Poster «Birth experience and first month postpartum recovery: a crosssectional analysis of the Swiss SoCratES cohort» und Antonia Müller mit dem Poster «What remains unseen: the gap between documented and selfreported mental health in women receiving maternity care in Switzerland?». Den dritten Platz erhielten Avril Cibois, Gaia Tavola und Léna Antoine für ihr Poster «Quel est l’effet de l’acide tranexamique comparé aux protocoles standards pour la réduction des pertes sanguines et de ses marqueurs biologiques chez les femmes ayant accouché par voie vaginale?». Die Preisgelder von je 1000 CHF für die beiden ersten Plätze wurden von SWICA gestiftet, der Preis von 500 CHF für den zweiten Platz von der Maiores Stiftung.
In der Kategorie Hebammenprojekt mit Evaluation erhielt Stéphanie Pfister Boulenaz für ihr Poster «Experience and Benefits of Postpartum Psychosocial Counseling Sessions» den von SWICA gestifteten Preis von 1000 CHF.
Einige der Arbeiten werden in den kommenden Monaten in der «obstetrica» veröffentlicht werden – Fortsetzung folgt!
Um die prämierten Poster einzusehen, hier klicken

eine Frage aus dem Publikum entgegen.


Die Generationenfrage
Nicht zuletzt führt die Generationenfrage mitten in den Wandel. «Die Kaffeemaschine ist für viele die wichtigste Maschine. Die Jungen trinken aber keinen Kaffee mehr.» Das Statement einer Besucherin bringt grosse Themen leichtfüssig auf den Punkt: Arbeitskultur, Tempo, Sprache, Erwartungen.
Vieles hat sich verändert. Der Wissens- und Erfahrungsschatz der Älteren trifft auf neue Impulse, Leichtigkeit und andere Prioritäten der Jüngeren. Die beiden Referenten, Vertreter der Generationen Z (1997–2012) und X (1965–1980), bringen Lösungsansätze ein und zeigen, wie unterschiedlich Arbeit, Kommunikation und Verbindlichkeit verstanden werden können (siehe dazu auch Artikel Generationenübergreifende Zusammenarbeit). Eines zählt hier vielleicht noch mehr als sonst: Es führt kein Weg daran vorbei, miteinander zu reden.
Ehrungen langjähriger Mitglieder und Ernennung von Ehrenmitgliedern
Sula Anderegg würdigte die langjährigen Mitglieder. Auf der Bühne standen – begleitet von «It wasn’t me» von Shaggy, dem Hit aus dem Jahr ihres ersten Beitritts – Dana Calatti, Sektion Tessin; Pascaline Glauser, Sektion Neuchâtel-Jura; Patricia Hildebrandt, Sektion Freiburg; Susanna Holdener-Murbach, Sektion Schwyz; Sophie Menk, Sektion Waadt; Beatrice Mühlefluh, Sektion Aargau-Solothurn, und Claudete Rodrigues Monteiro, Sektion Zürich und Schaffhausen.
Gemäss den Statutenänderungen, die an der DV 2025 beschlossen wurden, kann der SHV neu Ehrenmitglieder ernennen. Auf Antrag des ZV wählte die PK deshalb die ehemaligen Präsidentinnen Barbara Stocker, Sektion Aargau-Solothurn; Lucia Mikeler Knaack, Sektion Beide Basel; Clara Bucher, Sektion Zürich und Schaffhausen, und Liliane Maury Pasquier, ehemals Sektion Genève, zu Ehrenmitgliedern. Ebenfalls zum Ehrenmitglied ernannt wurde Christine Brändli, die 32 Jahre lang das Sekretariat des SHV geleitet hat und seit 2026 pensioniert ist. Lucia Mikeler Knaack, Clara Bucher und Christine Brändli waren anwesend und wurden mit Applaus bedacht.
Für weitere Informationen zur Delegiertenversammlung und Fotos der Ehrungen hier klicken

Christine Brändli
Die Zeit ist jetzt!
Das Motto «Die Zeit ist jetzt» klingt am Ende weniger wie ein Slogan als wie eine gemeinsame Verabredung. Im nächsten Jahr folgt eine Neuerung: 2027 findet der Schweizerische Hebammenkongress erstmals getrennt auf Französisch und Deutsch unter der gemeinsamen Bezeichnung «Focus Obstetrica» statt (zur neuen Namensgebung siehe auch Kurznews hier). So sollen regionale Themen stärker vertieft werden, bevor 2028 in Fribourg wieder alle Landesteile zu gemeinsamen Themen zusammenkommen.
Lust, die Themen zu vertiefen?
Der Schweizerische Hebammenverband bietet auch dieses Jahr Weiterbildungen im Zusammenhang mit den Kongressthemen 2026 an.
Für weitere Informationen und Anmeldung hier klicken
2027: Zwei Kongresse!
Der Kongress mit dem neuen Namen «Focus Obstetrica» findet am 28. und 29. April 2027 in Morges auf Französisch statt, der deutschsprachige Kongress am 31. August und 1. September 2027 in Baden.
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Um die Powerpoint-Präsentationen der Kongressreferate einsehen und weitere Fotos des Kongresses anschauen zu können, klicken Sie hier.
Für den Bericht der Delegiertenversammlung vom 27. Mai klicken Sie hier.