Schlafsymposium in Zürich – Aktuelles zu frühkindlichem Schlaf

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Schlafsymposium in Zürich – Aktuelles zu frühkindlichem Schlaf
21.09.2025
Bildquellen: istock, familystart zürich

Autor*in(nen)

Bild von Denise Schürch Hunziker,
Denise Schürch Hunziker,
lic. oec. HSG, Geschäftsführerin Familystart Zürich.
Bild von Anna Rebekka Erdin,
Anna Rebekka Erdin,
Hebamme in eigener fachlicher Verantwortung, MSc ETH, Vorstandsmitglied Familystart Zürich.

Der Schlaf von Neugeborenen ist ein zutiefst persönliches und emotional aufgeladenes Thema. Eltern erinnern sich oft an die bleierne Müdigkeit dieser intensiven Zeit – sie beginnt im Wochenbett und reicht weit darüber hinaus. Das diesjährige Schlafsymposium in Zürich hatte zum Ziel, unterschiedliche Haltungen aufzuzeigen, Austausch zu ermöglichen und praxisnahe Impulse für die Begleitung junger Familien zu bieten.

Anna Rebekka Erdin, Moderatorin des Schlafsymposiums in Zürich, Hebamme und Mutter, ist überzeugt: «Neugeborene kann man nicht verwöhnen – sie brauchen Nähe, Geborgenheit und Sicherheit.» Gleichzeitig ist das Wohl der Eltern zentral. Hebammen und andere Fachpersonen werden häufig um Rat gebeten, wenn es um den Schlaf von Babys geht. Doch den einen richtigen Weg gibt es nicht; jedes Kind ist anders, und jede Familie bringt ihre eigene Dynamik mit.

Podiumsdiskussion am diesjährigen Schlafsymposium in Zürich.

Entwicklung des Schlafs 

Oskar Jenni, Professor für Entwicklungspädiatrie und Co-Leiter Abteilung Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich, gab in seinem Vortrag einen Einblick in die faszinierende Entwicklung des Schlafs in den ersten Monaten des menschlichen Lebens. Dabei wird der Schlaf von zwei Prozessen gesteuert: dem Schlafdruck, der zu einem langen und tiefen Schlaf nach einer längeren Wachphase führt, und der inneren Uhr, die sich durch Licht, Geräusche und Routinen beeinflussen lässt. Bei Neugeborenen ist diese Regulation noch unreif – lange Wachphasen bedeuten nicht automatisch langen Schlaf. Erst im Alter von circa zwei Monaten beginnt die Schlaf-Wach-Regulation zu reifen. Es ist somit normal, dass ein Neugeborenes in der Nacht oft aufwacht. Dieses Schlafverhalten kann für die Eltern anstrengend sein. Wichtig zu wissen ist, dass solche «Schlafprobleme» bei gesunden Kindern meist Teil der Entwicklung sind und keine Störung bedeuten. Eltern können in dieser ersten Zeit dahingehen unterstützt werden, dass sie dem Tagesablauf eine Struktur geben und das Schlaf- und Essverhaltens ihres Neugeborenen protokollieren.

Bei Neugeborenen ist die Regulation von Schlaf- Wachrhythmus noch unreif – lange Wachphasen bedeuten nicht automatisch langen Schlaf.

Die bindungsorientierte Schlafberatung nach 1001kindernacht

Sibylle Lüpold, Still- und Schlafberaterin, stellte den von ihr entwickelten Ansatz von 1001kindernacht vor. Ziel ist es, eine entspannte Schlafsituation durch Nähe, Sicherheit und Vertrauen zu schaffen. Breastsleeping, das sichere nächtliche Stillen im gemeinsamen Bett, ist eine natürliche, seit Urzeiten praktizierte Schlafform. Mutter und Kind bleiben in feinem Kontakt – über Atmung, Temperatur und Bewegung. Dies fördert die Ausschüttung von Wohlfühlhormonen wie Oxytocin und senkt Stress. Mutter und Kind profitieren: mehr Schlaf durch Schlaf-Wach-Synchronisation, häufigeres Stillen, bessere Milchbildung und längere Stillbeziehungen. Aufgrund der erhöhten Interaktion profitiert auch die Mutter-Kind-Beziehung.

Unterstützung beim Ein- und Durchschlafenlernen

Schlafberaterin Rahel Meier zeigte auf, wie Eltern den Schlaf ihres Babys unterstützen können, und betont, dass die Schlafentwicklung individuell ist. Fünf Stunden Schlaf gelten bereits als «durchschlafen». Ein nächtlicher Stillimpuls («Mitternachtssnack») zwischen 22 und 24 Uhr fördert längere Schlafphasen. Entscheidend sind eine klare Unterscheidung von Tag und Nacht, das Vermeiden von Einschlafstillen sowie gezieltes Fördern von Selbstberuhigung. Um das Einschlafen zu lernen, sind nachts (0 bis 5 Uhr) Alternativen zum Stillen gefragt. Die Babys können akustisch mit ruhigem Reden, durch Körperkontakt und Nähe (vom Papa) wieder in den Schlaf begleitet werden.

Fünf Stunden Schlaf gelten bereits als «durchschlafen».

Schreibabysprechstunde: transdisziplinäre Zusammenarbeit

Egon Garstick, eidg. anerkannter Psychotherapeut, berichtete aus der Schreibbabysprechstunde. Die Eltern, die dieses Angebot in Anspruch nehmen, sind erschöpft und verunsichert. Zunächst wird das Baby vom Kinderarzt medizinisch untersucht, um körperliche Ursachen auszuschliessen und Ängste der Eltern zu reduzieren. Parallel erfolgt eine psychotherapeutische Begleitung. Themen wie Schlafanamnese, Tagesstruktur, zum Beispiel feste Essenszeiten, und der Unterschied zwischen dem imaginären und realen Kind stehen im Fokus. Eltern werden unterstützt, ambivalente Gefühle zu tolerieren – auch negative Emotionen sind erlaubt. Kinderarzt und Psychotherapeut versuchen mit den Eltern gemeinsam, das Baby besser zu verstehen. Es wird nach einem Ort zu Hause gesucht, wo schöne Interaktionen möglich sind, − denn befriedigende Momente tagsüber retten die Nacht.

Eltern werden in der Schreibbabysprechstunde dabei unterstützt, ambivalente Gefühle zu tolerieren – auch negative Emotionen sind erlaubt.

Fallvorstellung aus der Mütter-Väterberatung

Romy Ferrario, Beraterin Frühe Kindheit, stellte ein Fallbeispiel aus ihrer Tätigkeit in der Mütter- und Väterberatung vor. Die prozesshafte Begleitung zeigte, wie hilfreich das Führen eines Protokolls zu Schlaf- und Essenszeiten sein kann, um Muster zu erkennen und das Durchschlafen zu fördern. Der Schlaf des Kindes ist ein Anliegen vieler Eltern, häufig suchen sie dazu Rat und Unterstützung in der Mütter- und Väterberatung.

Podiumsgespräch

In der abschliessenden Podiumsdiskussion ging es um technische Hilfsmittel (Sensoren, Apps), interdisziplinäre Zusammenarbeit, kulturelle Unterschiede und Fragen rund um den plötzlichen Kindstod. Dabei wurde deutlich, dass es verschiedene Wege zur Unterstützung kindlicher Schlafentwicklung gibt. Eltern benötigen bei herausfordernden Schlafsituationen viel Geduld, um ihr Kind in diesem natürlichen Prozess zu begleiten. Fachpersonen können helfen, überhöhte Ideale zu relativieren und praktikable Strategien zu finden. Guter Schlaf aller Familienmitglieder stärkt das Familienklima und beugt Risiken wie Kindswohlgefährdung vor. Zwei wichtige Informationen dürfen den Eltern mit auf den Weg gegeben werden: In der frühen Lebensphase handelt es sich meist nicht um medizinische Schlafstörungen. Und häufiges Schreien und nächtliches Erwachen sind in der Regel entwicklungsbedingt und gesundheitlich unbedenklich.

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