Die öffentliche Debatte über Rassismus führt auch im Gesundheitssystem zu mehr Aufmerksamkeit für das Thema, das zunehmend in den Fokus der Public-Health-Forschung rückt. Eine Pilotstudie untersuchte, wie im geburtshilflichen Setting mit Rassismus umgegangen wird, welche Haltungen dazu bestehen und wie eine rassismuskritische Praxis in der Geburtshilfe gestärkt werden kann.
Text: Milena Wegelin, Lea Graf, Paola Origlia Ikhilor, Isabelle Zinn

Rassismus ist in der Geburtshilfe präsent. Gleichzeitig fällt es Fachpersonen oftmals schwer, diesen zu benennen und einen Umgang damit zu finden. Genau darauf verweist auch die mit dem Ethikpreis der katholischen Kirchen des Kantons Zürich ausgezeichnete Bachelorarbeit, die Rassismus in der Geburtshilfe als den «Elefanten im Raum» beschreibt (Schaulin, Duss & Origlia, 2026) (siehe dazu auch den Artikel «Rassismus in der Geburtshilfe – ein Elefant im Raum» in der obstetrica.ch)
Verunsicherung im Umgang mit Rassismus in der Geburtshilfe
Eine explorative Pilotstudie an der Berner Fachhochschule (siehe Kästchen unten) untersuchte Rassismus im geburtshilflichen Setting aus unterschiedlichen Perspektiven.
Die in der Pilotstudie identifizierten Erscheinungsformen von Rassismus in der Geburtshilfe decken sich weitgehend mit den von Duss und Schaulin (2025) erläuterten Manifestationen von Rassismus, die auch in der aktuellen wissenschaftlichen Grundlagenliteratur verankert sind (Ngassop et al., 2024; Blandenier et al., 2025a; Blandenier et al., 2025b).
Die Verunsicherung beim Thema Rassismus hängt offenbar mit der verbreiteten Vorstellung zusammen, rassistisch diskriminierende Handlungen erfolgten grundsätzlich absichtlich und aufgrund einer rassistischen Haltung.
Ebenfalls weisen die Ergebnisse der Pilotstudie deutlich darauf hin, dass das Thema Rassismus von grosser Unsicherheit geprägt ist und dass das Verbalisieren entsprechender Erfahrungen oder Beobachtungen häufig schwerfällt. Diese Verunsicherung hängt offenbar mit der verbreiteten Vorstellung zusammen, rassistisch diskriminierende Handlungen erfolgten grundsätzlich absichtlich und aufgrund einer rassistischen Haltung. Dadurch wird das Thema eng mit Vorstellungen von Scham, Tabu und Schuldzuweisung verknüpft. Gesellschaftlich verankerte und historisch gewachsene rassistische Stereotype beeinflussen unser Handeln jedoch auch unbewusst. Diese Erkenntnis liegt dem Konzept des strukturellen Rassismus (Mugglin, Efioynai-Mäder & Ruedin, 2022) zugrunde.
Historisch verankerter Rassismus in der Geburtshilfe
Die historische Forschung zeigt, dass Rassismus die Entwicklung der Gynäkologie und Geburtshilfe sowohl in den USA als auch in Europa massgeblich geprägt hat. Während die Geschichte der US-amerikanischen Reproduktionsmedizin eng mit der Ausbeutung versklavter Schwarzer Frauen verbunden ist (Coopers Owens, 2017), wirkten rassistische Ideologien und koloniale Machtverhältnisse auch in Europa auf medizinisches Wissen und geburtshilfliche Praktiken ein (Baryoh, 2024).
Diese historischen Kontinuitäten prägen die perinatale Versorgung bis heute, indem stereotype Vorstellungen über rassifizierte Körper sowie institutionelle Routinen zu Ungleichbehandlung und Benachteiligung beitragen (van der Waal et al., 2026).
Rassismus im Gesundheitswesen wird oft verdrängt, verharmlost oder durch den Verweis auf die Situation in den USA externalisiert.
Rassismus wird verdrängt
Im europäischen Kontext bleiben die oben genannten Dynamiken häufig unsichtbar. Rassismus im Gesundheitswesen wird oft verdrängt, verharmlost oder durch den Verweis auf die Situation in den USA externalisiert. Dies erschwert eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen kolonialen und rassistischen Geschichte Europas sowie deren Fortwirken im Gesundheitswesen (ebd.).
Mit dieser Perspektive sind viele Fachpersonen in der perinatalen Versorgung bislang wenig vertraut. Die Interviews der Pilotstudie zeigen denn auch unterschiedliche Haltungen gegenüber Rassismus – sie reichen von einer grundsätzlichen Reflexionsbereitschaft über Indifferenz bis hin zu emotionalen Abwehrreaktionen im Sinne einer «white fragility» (Ogette, 2020).
Reflexionsräume schaffen und einen Umgang mit Rassismus finden
Um in einem ersten Schritt eine vertiefte Reflexion über Rassismus zu ermöglichen, ist es notwendig, ein Verständnis von strukturellem Rassismus als greifbares Konzept zu etablieren (Wegelin, Graf, Origlia & Zinn, 2026). Eine klare institutionelle Haltung kann weiter dazu beitragen, Vorbehalte gegenüber dem Thema zu reduzieren, Abwehr und Unsicherheiten anzusprechen und einen gemeinsamen Reflexionsprozess in Gang zu setzen. Davon ausgehend braucht es im Arbeitsalltag Räume für eine strukturierte Auseinandersetzung zur Thematik.
Während Rassismus und seine Auswirkungen auf die Gesundheit also zunehmend in den Blick genommen werden (DEZIM, 2023), ist die Frage, wie der Umgang mit Rassismus in der Gesundheitsversorgung konkret gestaltet werden kann, deutlich weniger erforscht (Came & Griffith, 2018).
Auf Basis der Ergebnisse ist davon auszugehen, dass dieser Umgang sowohl in Forschung und der Ausbildung als auch in der Berufspraxis zunächst grundsätzlich erarbeitet werden muss, um Abwehrreaktionen zu verringern und die kollektive Auseinandersetzung zu fördern.
Pilotprojekt: Rassistische Diskriminierung in der Geburtshilfe
Die explorative Pilotstudie an der Berner Fachhochschule ging der Frage nach, wie sich Rassismus im geburtshilflichen Setting artikuliert, welche Haltungen dazu bestehen und wie aus institutioneller Perspektive mit Rassismus umgegangen wird.
Durchgeführt wurde die Pilotstudie in Zusammenarbeit zwischen der angewandten Forschung Geburtshilfe und dem Institut «New Work», um so die Perspektiven sowohl von Mitarbeitenden in der Geburtshilfe als auch von Nutzenden der geburtshilflichen Versorgung zusammenzubringen.
In einer Vorstudie waren semistrukturierte Leitfadeninterviews mit drei weissen Hebammen, einer weissen (Anmerkung zur Schreibweise siehe unten) Gynäkologin, einer rassifizierten, in der perinatalen Versorgung komplementärmedizinisch tätigen Fachperson, einer rassifizierten Nutzerin der Geburtshilfe sowie einer rassifizierten Praktikantin in der Geburtshilfe geführt worden.
Zusätzliche Daten wurden durch ein Fokusgruppengespräch mit drei Hebammenstudierenden erhoben, von denen eine rassifiziert war. Die Daten wurden einer qualitativen Inhaltsanalyse unterzogen.
Anmerkung zur Schreibweise
weiss wird kursiv geschrieben, um die Konstruktion des Begriffs hervorzuheben. Er bezeichnet keine biologische Eigenschaft und damit auch nicht die Hautfarbe, sondern ist eine politische und soziale Position, die mit Privilegien und Dominanz verbunden ist. Zusätzlich dazu, dass der Begriff überhaupt verwendet wird, dient die Schreibweise ebenfalls dazu, die Normalisierung aufzuheben.
Der Begriff weisse Person bezeichnet Menschen ohne Rassismuserfahrung.
Vgl: https://www.amnesty.ch/de/ueber-amnesty/inklusive-sprache/glossar
Literatur
- Baryoh, N. (2024) Koloniale Kontinuitäten in der Gynäkologie und Geburtshilfe. In: Rassismus in der Geburtshilfe und Geburtsgerechtigkeit. Pro Familia Bundesverband.
- Blandenier, É., Ngassop, J. B., Morisod, K., Grazioli, V., Bühler Viredaz, N., Dzi, K., Pahud Vermeulen, B., Bodenmann, P., und Tan, R. (2025a) Racisme dans les soins (partie 2): Biais implicites. Rev Med Suisse; 906, 351–355.
- Blandenier, É., Chollet, M., Morisod, K., Grazioli, V., Dzi, K., Bodenmann, P., und Tan, R. (2025b) Racisme dans les soins (partie 3): Le syndrome méditerranéen. Rev Med Suisse; 923, 1299–1302.
- Came, H., und Griffith, D. (2018) Tackling racism as a «wicked» public health problem: Enabling allies in anti-racism praxis. Social Science & Medicine; The role of Racism in Health Inequalities: Integrating Approaches from Across Disciplines, 199, 181–188.
- Came, H., & Griffith, D. (2018) Tackling racism as a “wicked” public health problem: Enabling allies in anti-racism praxis. Social Science & Medicine, 199, 181–188. https://doi.org/10.1016/j.socscimed.2017.03.028
- Coopers Owens, D. (2017) Medical Bondage: Race, Gender, and the Origins of American Gynecology on JSTOR.
- DeZIM – Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (2023) Rassismus und seine Symptome. Bericht des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors. Berlin.
- Duss, S., und Schaulin, G. (2025) Rassismus in der Geburtshilfe: Interviews mit Hebammen. Berner Fachhochschule Gesundheit.
- Mugglin, L., Efionayi-Mäder, D., und Ruedin, D. (2022) Grundlagenstudie zu strukturellem Rassismus in der Schweiz. Université de Neuchâtel, Institut SFM.
- Ngassop, J. B., Morisod, K., Tan, R., Blandenier, É., Grazioli, V., Bühler Viredaz, N., Pahud Vermeulen, B., Dzi, K., und Bodenmann, P. (2024) Racisme dans les soins (partie 1): Un enjeu d’équité en santé. Rev Med Suisse; 898, 2302–2306.
- Ogette, T. (2020) Exit RACISM. Unrast Verlag.
- Schaulin, G., Duss, S., und Origlia Ikhilor, P. (2026) Rassismus in der Geburtshilfe – ein Elefant im Raum. In Obstetrica. Schweizerischer Hebammenverband.
- van der Waal, R., Helberg-Proctor, A., Davis, D.-A., und Goodarzi, B. (2026) Obstetric racism in Europe: Linguistic racism, exoticization, and uneven reproduction in the Netherlands. Medical Anthropology Quarterly, n/a(n/a), e70053.
- Wegelin, M., Graf, L., Origlia, P., und Zinn, I. (2026) Pilotprojekt zur Frage rassistischer Diskriminierung in der Geburtshilfe. Wie Rassismus thematisieren? FORUM Sexualaufklärung und Familienplanung: Informationsdienst des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), 1, 89–91.