Rassismus ist auch in der Schweizer Geburtshilfe präsent, jedoch kaum erforscht und häufig tabuisiert. Fünf Hebammen machen rassistische Diskriminierungsprozesse und Versorgungsdefizite sichtbar und zeigen, warum eine antirassistische Geburtshilfe dringend notwendig ist.
Rassismus und rassistische Diskriminierung sind im Bereich der reproduktiven Gesundheit in Ländern wie den USA oder Grossbritannien bereits Gegenstand der Forschung. Studien zeigen, dass Schwarze Gebärende im Vergleich zu weissen (Erklärungen zu den Schreibweisen siehe Kästchen) ein signifikant höheres maternales Morbiditäts- und ein drei bis vierfach erhöhtes Mortalitätsrisiko aufweisen (Felker et al., 2024; Kern-Goldberger et al., 2024). Laut US-Statistik war die Sterblichkeit bei Schwarzen Neugeborenen in den Jahren 2022 und 2023 doppelt so hoch wie bei weissen (CDC, 2024). Solche Ungleichheiten lassen sich laut Studien auf Rassismus und rassistische Diskriminierung zurückführen. In der Schweiz fehlt es bislang an Untersuchungen zu den Auswirkungen von Rassismus in der Geburtshilfe (Wegelin et al., 2024).
In der Bachelorthesis von Duss und Schaulin (2025) wurde untersucht, inwiefern sich rassistische Ungleichheitsverhältnisse und Diskriminierungsprozesse in der Schweizer Geburtshilfe zeigen. In semi-strukturierten Interviews wurden weisse und rassifizierte Hebammen (n=5) zu ihren Wahrnehmungen befragt.
Die befragten Hebammen berichteten von internalisierten rassistischen Stereotypen und Vorurteilen bei sich selbst und anderen.
Stereotype und Vorurteile
Die befragten Hebammen berichteten von internalisierten rassistischen Stereotypen und Vorurteilen bei sich selbst und anderen. Beispielsweise würden Klient*innen aufgrund von Merkmalen wie Nationalität, Religion, Sprache, Aussehen oder Name von Fachpersonen als fremd oder anders wahrgenommen. Etwa das Tragen eines Kopftuchs oder ein nicht-schweizerisch klingender Name führen zu Vorurteilen über die Persönlichkeit oder Sprachfähigkeit der Klient*innen. Diese Mechanismen können dazu führen, dass Fachpersonen abschätzig oder pauschalisierend über rassifizierte Klient*innen sprechen. Eine Hebamme drückte es so aus: «Ich merke, dass ich selbst voreingenommen bin, auch gegenüber dem Partner, weil ich annehme, dass er sich nicht so gut um die Partnerin kümmern wird wie ein ‹Herr Schweizer›. Natürlich versuche ich, diese Gedanken zu unterdrücken, aber ich spüre: Sie sind da. Auch gegenüber bestimmten Verhaltensweisen von Familien nehme ich manchmal eine innere Aversion wahr. Sie ist sicher falsch, aber sie ist nicht NICHT da.»
«Ich merke, dass ich bei einem nicht-schweizerisch klingenden Namen selbst voreingenommen bin, auch gegenüber dem Partner, weil ich annehme, dass er sich nicht so gut um die Partnerin kümmern wird wie ein ‹Herr Schweizer›.»
Befragte Hebamme
Abwertung und Übergriffe
Die Befragten erleben, dass rassifizierte Klient*innen häufiger bevormundet, manipuliert, übergangen und nicht ernst genommen werden. Sie haben den Eindruck, dass ihnen teils die intellektuelle Kapazität, selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen, abgesprochen wird.
Sie nehmen ausserdem wahr, dass Fachpersonen rassifizierten Gebärenden eine gewisse Schmerztoleranz absprechen. Mehrfach wurde das sogenannte «Mittelmeersyndrom» erwähnt, ein rassistisches Stereotyp, das Menschen aus dem Mittelmeerraum eine übertriebene Schmerzreaktion zuschreibt. Solche Zuschreibung könne zu Unterbehandlung führen und dazu beitragen, dass kritische Situationen verkannt werden.
Schnellere Interventionen
Fachpersonen scheinen bei rassifizierten Klient*innen häufiger und schneller zu Interventionen zu greifen. Die Hebammen haben den Eindruck, dass Sectioindikationen eher gestellt werden und alternative Methoden wie Körperarbeit seltener angeboten werden. Zudem berichteten sie von Übergriffen im Zusammenhang mit Rassismus: abwertende Äusserungen, diskriminierende Gestik und Mimik sowie körperliche Gewalt.
Die Hebammen schilderten Fälle, in denen Klient*innen nicht wussten, weshalb sie operiert wurden.
Sprachbarriere als Katalysator
Die fünf befragten Hebammen nehmen wahr, dass Sprachbarrieren eben genannte Dynamiken verstärken. Sie berichteten von unzureichender Aufklärung und medizinischen Eingriffen ohne Einwilligung. Sie schilderten Fälle, in denen Klient*innen nicht wussten, weshalb sie operiert wurden.
Sprachbarrieren stellen eine grosse Herausforderung dar – besonders in Stresssituationen, wo sie häufig zum Beziehungsabbruch zwischen Hebamme und Klient*in führen. Eine Hebamme schilderte Folgendes: «Wenn ich nicht mit ihr sprechen kann, interveniere ich schneller. Ich kann nicht sagen: ‹Jetzt kannst du selbst deine Brust halten.› Sie versteht mich nicht. Ich werde ungeduldig – und statt zu erklären, mache ich es einfach selbst. Das ist eigentlich total übergriffig.» Übersetzungsangebote wurden als unzureichend bewertet, ein Ausdruck von struktureller rassistischer Diskriminierung.
Ein Elefant im Raum
Die Hebammen finden es schwierig, Rassismus im Team zu thematisieren. Sie empfinden rassistische Äusserungen von Kolleg*innen als belastend. Wenn sie das Gespräch darüber suchen, stossen sie meist auf Abwehr oder Unverständnis. Häufig falle die Aussage: «Wenn es nicht böse gemeint ist, ist es nicht rassistisch.» Dies verdeutlicht, dass viele Rassismus nur als aktiv böswilliges Fehlverhalten verstehen und die strukturelle Dimension von Rassismus nicht erkennen.
Die Hebammen finden es schwierig, Rassismus im Team zu thematisieren.
Diese Abwehrhaltung wird in der kritischen Rassismusforschung als «white fragility» (weisse Zerbrechlichkeit) bezeichnet: Viele weisse Menschen empfinden Kritik an rassistischem Verhalten als persönlichen Angriff und reagieren mit Wut oder Unverständnis (Bönkost, 2023).
Aus Angst vor Ablehnung oder Konflikten zögern die Befragten häufig, rassistisches Verhalten anzusprechen. Damit diskriminierende Strukturen hinterfragt und langfristig verändert werden können, muss Kritik jedoch angstfrei möglich sein, indem Fehler als Lernchancen verstanden werden. Eine offene Fehler- und Feedbackkultur wird daher als zentrale Voraussetzung für Veränderung gesehen.

Hilflosigkeit im Umgang mit Rassismus
Die befragten Hebammen empfinden Schuld, Scham und Hilflosigkeit im Umgang mit Rassismus. Sie fühlen sich unzureichend über einen antirassistischen Sprachgebrauch oder diskriminierungssensible Arbeitsweisen informiert. In Überforderungssituationen bemerken sie, wie sie Rassismus ignorieren oder überspielen und so selbst zu Diskriminierung beitragen.
Selbstreflexion und Eingeständnis
Trotz bestehender Hürden sehen die Hebammen in ihrer Profession das Potential antirassistischer Arbeit: Selbstreflexion und Eingeständnis sehen sie dafür als zentrale Voraussetzung. Antirassismus als Haltung zu verstehen, ist anspruchsvolle, transformative Arbeit, zugleich aber eine berufliche moralische Pflicht, wie Solomon et al. (2021) für das Gesundheitswesen betonen.
Vorurteile können verlernt werden
Rassismus schadet der peripartalen Gesundheit und verletzt reproduktive Rechte. Deshalb müssen Hebammen ihre eigenen lebensweltlichen Prägungen und Vorurteile reflektieren, um Stereotypisierung aktiv zu verlernen. Ansätze wie Anti-Bias-Trainings oder transkategoriale Kompetenz untersützen dabei, Diskriminierung intersektional zu verstehen und abzubauen.
Antirassismus ist keine rein individuelle Aufgabe, da Rassismus als komplexes System auch institutionell verankert ist.
Wichtig für die Praxis
Eine antirassistische Geburtshilfe braucht das klare Benennen von Rassismus und seinen Folgen sowie kollektive Verantwortung. Antirassismus ist keine rein individuelle Aufgabe, da Rassismus als komplexes System auch institutionell verankert ist. Neben der Sensibilisierung Einzelner sind auch strukturelle Veränderungen nötig – etwa finanzierte Dolmetschdienste, insbesondere auch im ausserklinischen Bereich, Anti-Bias-Trainings für Fach- und Führungspersonen und eine offene Fehler- und Feedbackkultur. Zusätzlich braucht es intersektional ausgerichtete, diskriminierungssensible Forschung.
Rassifizierte Personen müssen einbezogen werden, um eine rassismuskritische Geburtshilfe zu entwickeln und entsprechende Perspektiven systematisch in Praxis, Bildung und Wissenschaft zu verankern.
Aktuell führt die Berner Fachhochschule eine Pilotstudie zu Rassismus in der Geburtshilfe, mit dem Ziel, eine evidenzbasierte Grundlage für eine rassismuskritische geburtshilfliche Praxis zu entwickeln.
Der Artikel basiert auf der Bachelorthesis von Smilla Duss und Gea Schaulin zu Rassismus in der Geburtshilfe an der Berner Fachhochschule Gesundheit.
Definitionen zu Rassismus
Rassismus
Rassismus ist ein historisch gewachsenes gesellschaftliches System, kein individuelles Vorurteil. Menschen werden aufgrund zugeschriebener biologischer oder kultureller Merkmale hierarchisiert, um ungleiche Ressourcenverteilung zu legitimieren. Rassismus wirkt sowohl zwischenmenschlich wie auch strukturell, etwa durch Gesetze und Regeln.
Rassifiziert
«Rassifiziert» bezeichnet Personen, die von rassistischer Diskriminierung betroffen sind oder betroffen sein können.
«Weiss»
«Weiss» bezeichnet eine sozial privilegierte Position, die durch Rassismus entsteht. Die Kursivschreibung macht deutlich, dass es keine biologische Kategorie ist. «Weisse Menschen» meint alle Personen, die nicht rassifiziert werden.
«Schwarz»
«Schwarz» wird grossgeschrieben, um zu zeigen, dass es sich nicht um die Farbe, sondern um eine politische Selbstbezeichnung handelt. Sie wird von Menschen genutzt, die Rassismus erfahren. Diese Erfahrungen können mit Hautfarbe zusammenhängen, müssen es aber nicht.
Literatur
CDC. (2024) Infant Mortality. Maternal Infant Health. https://www.cdc.gov/maternal-infant-health/infant-mortality/index.html
Duss, S. & Schaulin, G. (2025) Rassismus in der Geburtshilfe: Interviews mit Hebammen. Unveröffentlichte Bachelorthesis; Berner Fachhochschule Gesundheit.
Felker, A., Patel, R., Kotnis, R., Kenyon, S. & Knight, M. (2024) Saving Lives, Improving Mothers’ Care Compiled Report—Lessons learned to inform maternity care from the UK and Ireland Confidential Enquiries into Maternal Deaths and Morbidity 2020–22. MBRRACE-UK.
Kern-Goldberger, A. R., Madden, N., Baptiste, C., Friedman, A. & Gyamfi-Bannerman, C. (2024) Maternal and Neonatal Morbidities by Race in College-Educated Women. AJP Reports; 14(1), e57–e61. https://doi.org/10.1055/s-0043-1778000
Solomon, S. R., Atalay, A. J. & Osman, N. Y. (2021) Diversity Is Not Enough: Advancing a Framework for Antiracism in Medical Education. Academic Medicine; 96(11), 1513–1517. https://doi.org/10.1097/ACM.0000000000004251
Wegelin, M., Perler, L., Abdin, N., Sieber, C., Huber, L. & Cignacco, E. (2024) Reproduktive Gesundheit – die Perspektive geflüchteter Frauen in der Schweiz. https://doi.org/10.24451/arbor.21735