Kunststoffe können schwerwiegende Folgen für die menschliche Gesundheit und für die Umwelt haben. Neugeborene und Kleinkinder sind besonders gefährdet, da ihr Immunsystem besonders anfällig für schädliche Chemikalien ist. In einer Welt voller Plastik spielen Hebammen daher eine zentrale Rolle beim Schutz der gesunden kindlichen Entwicklung und bei der Gesundheitsförderung für Mensch und Umwelt.
Text: Tannys Helfer, Sylvie Anne Genier, Katharina Thurnheer, Sonja Schönberg
Kunststoff- und Einwegartikel sind aus Gesundheitseinrichtungen kaum mehr wegzudenken. Dieser übermässige Einsatz von Plastik und Einwegprodukten schlägt sich in einer starken globalen Umweltbelastung nieder; von der Gewinnung der nötigen Rohstoffe über deren Verarbeitung bis zur Entsorgung der Endprodukte. So führt beispielsweise der häufige Einsatz von Einwegartikeln in der Geburtshilfe zu hohem Ressourcenverbrauch und einer erheblichen, vermeidbaren Abfallmenge (Greif et al., 2026).

Gesundheitsrisiken durch Kunststoffe
Immer mehr Studien weisen auf die möglichen gesundheitlichen Risiken bestimmter Kunststoffarten hin (Health Care Without Harm Europe, 2021, 2024). Einwegmaterialien bestehen beispielsweise zu einem wesentlichen Anteil aus Kunststoffen, die häufig problematische Zusatzstoffe wie Weichmacher enthalten (Health Care Without Harm Europe, 2021). Auch werden zunehmend Mikro- und Nanoplastik in menschlichem Gewebe nachgewiesen (Landrigan et al., 2025). Welche Materialien verwendet werden und wie sie in die Arbeitsabläufe der Gesundheitsfachpersonen eingebettet sind, hängt von den Richtlinien und etablierten Praktiken in Gesundheitseinrichtungen ab. Dieses Zusammenspiel beeinflusst in der Geburtshilfe, in welchem Ausmass Babys und Familien gesundheitsschädlichen Substanzen ausgesetzt werden. Die Reduktion des Kunststoffverbrauchs in der Geburtshilfe gewinnt daher nicht nur aus ökologischer, sondern auch aus gesundheitlicher Sicht an Bedeutung. Entsprechend betont die Europäische Gesellschaft für Perinatalmedizin die Relevanz ökologisch nachhaltiger Geburtshilfe (Peltenburg et al., 2025).
Gesundheitsförderung durch Hebammen
Hebammen kommt eine Schlüsselrolle zu: Sie begleiten Familien in der vulnerablen Lebensphase der Präkonzeption und Perinatalzeit. Zu ihren Kernkompetenzen gehören die Gesundheitsförderung und Prävention auf individueller und gesellschaftlicher Ebene (ICM Essential Competencies for Midwifery Practice, 2024). Durch fundierte Beratung und eigenes Handeln können sie eine Vorbildfunktion im Umgang mit Kunststoffen und Einwegartikeln übernehmen und die Verwendung sicherer und umweltschonenderAlternativen fördern.
Refuse, Rethink, Redesign, Reuse
Das Instrument «refuse, rethink, redesign, reuse» zielt auf die grundsätzliche Notwendigkeit von Produkten ab – etwa durch Verzicht oder Wiederverwendung, wie zum Beispiel die mehrfache Nutzung von Stoffunterlagen oder saugfähigen Mehrwegmatten anstatt Einwegunterlagen oder die gezielte Anpassung von Instrumentensets an den effektiven Verbrauch.
«Reduce»: Es greift, wenn Produkte unvermeidbar sind, und reduziert deren Einsatz auf das Notwendige, etwa durch bewussteren Umgang mit Handschuhen.
«Repair»: Esfördert die Wiederaufbereitung, beispielsweise durch die Reparatur von Geräten wie Milchpumpen oder Kardiotokographie-Geräten, oder den Einsatz von Mehrweginstrumenten.
«Reprocessing»: Es konzentriert sich im Unterschied zu Vermeidung und Wiederverwendung auf die Wiederaufwertung, bei der Produkte – von denen einige ressourcenintensiv sind – in ihre einzelnen Bestandteile zersetzt und in neuer Form weiterverwertet werden. Die Europäische Gesellschaft für Perinatalmedizin verweist beispielsweise auf die Ökobilanz von Instrumenten und Materialien: Mehrweg-Geburtensets haben nach drei Einsätzen eine tiefere Umweltbelastung als vergleichbare Einwegsets (Peltenburg et al., 2025). Mit demRecycling beginnt die Abfallphase.

Kunststoffe und Gesundheit von Neugeborenen
Neugeborene sind besonders vulnerabel gegenüber Schadstoffen aus plastikbasierten und chemisch behandelten Produkten. Ihr Körper und ihr Immunsystem befinden sich noch in der der Entwicklung. Zu den Quellen solcher Schadstoffe zählen beispielsweise Windeln, Nahrung aus Plastikbehältern oder Kanülen und Beatmungsmasken auf Neonatologie-Abteilungen. Studien belegen, dass Mikroplastik bereits in Lunge, Plazenta, Mekonium und Muttermilch nachgewiesen wurde (Amato-Lourenço et al., 2021; Ragusa et al., 2021; Zurub et al., 2024).
Die Reduktion des Kunststoffverbrauchs in der Geburtshilfe gewinnt nicht nur aus ökologischer, sondern auch aus gesundheitlicher Sicht an Bedeutung.
Eine auf Stuhlproben basierende Studie legt nahe, dass Säuglinge höheren Konzentrationen von Mikroplastik ausgesetzt sind als Erwachsene (Zhang et al., 2021). Zudem werden aus Kunststoffen endokrine Disruptoren freigesetzt, die mit gesundheitsschädlichen Folgen in Verbindung gebracht werden (Trasande et al., 2025). Mikroplastik kann auf die Schleimhaut der Lunge und des Darms wirken und dadurch zu Funktionseinschränkungen führen.

Kreislaufstrategie in der Perinatalzeit
Das Kreislaufwirtschaftsmodell (Circular Economy Model) bietet Lösungen für das Kunststoffproblem im Gesundheitswesen. Abfallvermeidung, lange Nutzungsdauer und Wiederverwertung von Produkten stehen dabei im Mittelpunkt. Dadurch können sowohl der Verbrauch natürlicher Ressourcen als auch die Umweltbelastung reduziert werden.
Stillen ist die ressourcenschonendste und zugleich sicherste Methode der Säuglingsernährung.
Health Care Without Harm (HCWH) Europe bietet ein Instrument (siehe Abbildung ), das Kreislaufstrategien spezifisch im Gesundheitssektor unterstützt − unter anderem beim Umstieg von Einweg- auf Mehrwegprodukte (Health Care Without Harm Europe, 2021, 2024).
Wichtige Hebammenarbeit
Die Reduktion von Plastik in der Gesundheitsversorgung ist ein wichtiger Bestandteil einer umweltschonenden und gesundheitsfördernden Hebammenarbeit. Indem Hebammen Umwelt- und Gesundheitsaspekte in ihr Handeln integrieren, leisten sie einen konkreten Beitrag dazu, ein Umfeld zu schaffen, in dem Menschen heute und in Zukunft gesund und in Würde geboren werden können (Schweizerischer Hebammenverband, 2022).
Gesundheitsrisiken durch Kunststoffe in der Säuglingsversorgung reduzieren
In der Elternedukation und der täglichen Neugeborenenpflege bestehen zentrale Ansatzpunkte zur Reduktion der Umweltbelastung und Plastikexposition. Die Förderung des Stillens steht dabei besonders im Fokus, da dies sowohl die ressourcenschonendste (Cos‐Busquets et al., 2025) als auch die meist sicherste Methode der Ernährung des Kindes ist. Strukturelle Rahmenbedingungen wie der begrenzte Mutterschaftsschutz in der Schweiz erschweren jedoch die Umsetzung der empfohlenen Stilldauer von sechs Monaten (Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e. V., Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e. V., Deutsche Gesellschaft für Hebammenwissenschaft e. V, 2026; World Health Organization, 2026).
Wird Flaschennahrung genutzt, kann durch die Wahl von Glasflaschen die Plastikexposition reduziert werden. Auch in der Ausscheidungspflege bieten sich umweltfreundlichere Alternativen zu Einwegwindeln: Waschbare Windeln oder Abhalten können den Ressourcenverbrauch deutlich senken. Letzteres wird aufgrund der Beugehaltung zudem als förderlich für physiologische Ausscheidungsprozesse des Kindes angesehen. Studien weisen zunehmend auf ökologische und potenzielle gesundheitliche Zusammenhänge der unterschiedlichen Methoden der Ausscheidungspflege hin (Hindmarsh & Davis, 2026).
Das «Born Green Generation»-Projekt
Das «Born Green Generation»-Projekt – eine Initiative von HCWH Europe – setzt sich zum Ziel, eine ökologisch nachhaltige, schadstofffreie Gesundheitsversorgung zu fördern (Born Green Generation – Delivering toxic-free healthcare). Das Projekt zeigt auf, wie sich mit Strategien der Kreislaufwirtschaft sowohl die menschliche Gesundheit als auch die natürliche Umwelt schützen lassen. Dafür braucht es griffige Richtlinien und Anpassungen der alltäglichen Praktiken in Gesundheitseinrichtungen sowie Gesundheitsfachpersonen, die durch ihr Handeln zur Patient*innensicherheit und zum Umweltschutz beitragen. Das Born Green Generation-Projekt setzt dabei speziell auf die Einführung von Kreislaufstrategien im Gesundheitswesen. Der Fokus liegt auf Geburts-, Neugeborenen- und Kinderstationen: Heutige und zukünftige Generationen sollen vor den schädlichen Auswirkungen bestimmter Kunststoffe und Chemikalien geschützt und unnötiger Abfall vermieden werden.
Als Teilprojekt entwickelte die Berner Fachhochschule, Departement Gesundheit, in Zusammenarbeit mit der Universität Malta und HCWH Europe ein Online-Modul für die Ausbildung von Gesundheitsfachpersonen (Born Green Generation – eine giftfreie Gesundheitsversorgung).
Ziel des Moduls ist es, Studierende der Gesundheitsberufe darin zu schulen, umweltschonende Praktiken im Gesundheitswesen umzusetzen und den kulturellen Wandel hin zu mehr ökologischer Nachhaltigkeit zu fördern (www.bfh.ch/de/studium/zusatzzertifikate/bfh-diagonal/born-green/).
Literatur
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https://doi.org/10.1016/j.jhazmat.2021.126124 - Cos-Busquets, J., Cabedo-Ferreiro, R. M., Liutsko, L., Reyes-Lacalle, A., García-Sierra, R., Colldeforns-Vidal, M., Andrade, E. P., Vicente-Hernández, M. M., Gómez-Masvidal, M., Montero-Pons, L., Torán-Monserrat, P., Falguera-Puig, G., Cazorla-Ortiz, G., & GREEN MOTHER Group. (2025) A comprehensive assessment of the environmental impact of different infant feeding types: The observational study. Journal of Advanced Nursing; 81(12):8230-8241.
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- Greif, M., Snyder-Ramos, S., & Dahlem, E. (2026) 5.3 Best-Practice-Beispiele der klinischen Geburtshilfe. In K. Luegmair, S. Wangler, & C. Oberle (Eds), Klimasensible Hebammenpraxis: Beiträge aus der Planetary Health Perspektive (1st edn, pp. 147-156). De Gruyter.
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https://europe.noharm.org/resources/sustainable-waste-management-guide-healthcare-sector - Hindmarsh, C., & Davis, D. (2026) Assisted infant toilet training: A pathway to planetary health? Midwifery; 158:104794.
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- Landrigan, P. J., Dunlop, S., Treskova, M., Raps, H., Symeonides, C., Muncke, J., Spring, M., Stegeman, J., Almroth, B. C., Chiles, T. C., Cropper, M., Deeney, M., Fuller, L., Geyer, R., Karasik, R., Mafira, T., Mangwiro, A., Matias, D. M., Mulders, Y., … Rocklöv, J. (2025) The Lancet Countdown on health and plastics. The Lancet; 406(10507):1044-1062.
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- Ririe, A. K., Fatema, N., Dina, T. J., Devi Kuchipudi, J., Tamanna, P., Libriansyah, L., Akter, T., & Kaderi, N. (2025) Impact of Microplastic Exposure on Human Health: A Systematic Review of Mechanisms, Biomarkers, and Clinical Outcomes. Cureus.
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https://www.hebamme.ch/wp-content/uploads/2022/05/SHV_Leitbild_20042022_DE.pdf - Trasande, L., Đorđević, A. B., & Fernandez, M. O. (2025) The effects of plastic exposures on children’s health and urgent opportunities for prevention. The Lancet Child & Adolescent Health; 9(11):796-807. https://doi.org/10.1016/S2352-4642(25)00212-3
- World Health Organization. (2026) Infant and young child feeding. Verfügbar unter: https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/infant-and-young-child-feeding
- Zhang, J., Wang, L., Trasande, L., & Kannan, K. (2021) Occurrence of polyethylene terephthalate and polycarbonate microplastics in infant and adult feces. Environmental Science & Technology Letters; 8(11):989-994.
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