Kelda Weeks ist Pflegefachfrau, Hebamme und Stillberaterin und gibt am Spital Morges Kurse zur Vorbereitung aufs Stillen für werdende Eltern. Jedes Jahr begleitet sie viele Familien zu Beginn dieses oft idealisierten, aber manchmal verunsichernden Abenteuers. Kann man sich wirklich aufs Stillen vorbereiten? Zwischen verbreiteten Vorstellungen und der Realität im Alltag ordnet sie ein.
Übersetzung des Artikels aus dem Französischen, Ersterscheinung in der Elternausgabe 3/2026
Stillen gilt oft als etwas Natürliches, beinahe Instinktives. Nach der Geburt erleben viele Mütter jedoch, dass die Realität vielschichtiger ist: Stillen ist ein Lernprozess – für das Baby ebenso wie für die Eltern. Lässt sich dieser Prozess vorbereiten? Was kann man im Vorfeld bedenken, und was bleibt unvorhersehbar? Die folgenden Hinweise können dabei helfen, diesem besonderen Abenteuer mit mehr Ruhe und Vertrauen zu begegnen.
«Stillen ist natürlich, da gibt es nichts vorzubereiten.»
Eher falsch. Ja, Stillen ist ein natürlicher Prozess. Aber es ist weder angeboren noch automatisch.
In unserer Gesellschaft begegnen uns authentische Bilder vom Stillen im Alltag nur selten. Umso mehr sind viele Mütter überrascht, wie anspruchsvoll Stillen sein kann und wie viel Zeit es braucht, bis sich eine gewisse Routine einstellt. Auf die Geburt bereiten sich viele ganz selbstverständlich vor – auf das Stillen hingegen deutlich weniger. Dabei prägt es gerade in den ersten Tagen und Wochen mit einem Baby einen grossen Teil des Alltags. Sich darauf vorzubereiten, kann bedeuten:
- andere Frauen beim Stillen zu beobachten und sich mit ihnen auszutauschen,
- einen Vorbereitungskurs zu besuchen,
- zuverlässige Ressourcen zu lesen oder anzuschauen.
Vor allem entsteht so ein realistischeres Bild davon, was einen erwartet: Ja, es kann alles gut laufen, aber es können auch Schwierigkeiten auftreten.

«Auch mit Vorbereitung lässt sich nicht voraussehen, wie das Stillen verlaufen wird.»
Richtig … aber. Jede Stillbeziehung ist einzigartig. Nicht alles lässt sich im Voraus abschätzen – etwa das Saugverhalten des Babys, seine Gewichtsentwicklung, ein möglicher Aufenthalt in der Neonatologie oder andere unerwartete Umstände. Bestimmtes Wissen kann den Einstieg jedoch deutlich erleichtern: zu wissen, dass Neugeborene im Durchschnitt achtmal oder häufiger pro Tag trinken, zu verstehen, was Stillen nach Bedarf bedeutet und wie die Milchbildung funktioniert, oder frühe Hungerzeichen erkennen zu können.
Hilfreich ist auch, sich auf intensive Phasen einzustellen – zum Beispiel auf die sogenannte «Hexennacht», die zweite oder dritte Lebensnacht des Babys, die oft von Unruhe geprägt ist. Kurz gesagt: Wer mit einem flexiblen, offenen Vorhaben in die Stillzeit startet, schafft meist die besten Voraussetzungen für einen gelasseneren Anfang.
Wichtig zu wissen: Stillen muss nicht nach einem einzigen Muster ablaufen. Manche Mütter entscheiden sich für ausschliessliches Stillen, andere für eine Kombination aus Stillen und Säuglingsmilchnahrung. Wieder andere pumpen Muttermilch ab und geben sie mit dem Schoppen – das sogenannte Pumpstillen.
«Ich bin nicht sicher, ob ich stillen möchte – ich lasse es auf mich zukommen.»
Das ist absolut legitim. Wichtig ist zu wissen: Stillen muss nicht einem einzigen Modell folgen. Manche Mütter entscheiden sich für ausschliessliches Stillen, andere für eine Kombination aus Stillen und Säuglingsmilchnahrung. Wieder andere pumpen Muttermilch ab und geben sie mit dem Schoppen – das sogenannte Pumpstillen.
Viele Frauen starten mit einer bestimmten Vorstellung und passen ihren Weg später an ihre Erfahrungen, ihr Befinden und die Bedürfnisse ihres Babys an. Auch das ist völlig in Ordnung. Schon einzelne Stillmahlzeiten können positive Effekte haben, unter anderem auf das Mikrobiom des Babys.
Wer unsicher ist, kann sich bereits vor der Geburt Zeit nehmen, die eigenen Wünsche, Erwartungen und Grenzen zu klären – etwa im Gespräch mit der Partnerin oder dem Partner. Auch der Austausch mit anderen Eltern kann hilfreich sein, weil er konkrete Einblicke in unterschiedliche Stillwege ermöglicht. Ein Stillvorbereitungskurs kann zudem dabei unterstützen, verschiedene Möglichkeiten, Vorteile und mögliche Herausforderungen besser einzuordnen.
Waren frühere Stillerfahrungen belastend oder schwierig, kann ein Gespräch mit einer Fachperson besonders wertvoll sein. So lassen sich Ängste, offene Fragen und persönliche Bedürfnisse frühzeitig besprechen.
Einige häufige Herausforderungen
Für das Baby ist Saugen ein Lernprozess: Bisher wurde es fortlaufend ernährt. Nun muss es lernen, Saugen, Atmen und Schlucken zu koordinieren. Auch für die Mutter kann der Stillstart herausfordernd sein. Die emotionale Intensität überrascht manche Frauen: Zweifel, Müdigkeit oder Fragen zur eigenen Fähigkeit, ihr Kind zu ernähren, können auftreten. Körperlich kann es zu Schmerzen oder wunden Brustwarzen kommen, auch wenn dies nicht die Norm ist. Wichtige Ressourcen in dieser Zeit sind:
– die Partnerin oder der Partner mit einer unterstützenden Rolle;
– Fachpersonen wie Hebammen, Pflegefachpersonen oder Stillberater*innen;
– Zeit und Geduld
Stillen entwickelt sich Schritt für Schritt. Es braucht Energie – doch diese Investition lohnt sich.
«Wenn ich stille, muss ich viel Material kaufen.»
Falsch. Das Wichtigste ist … sehr einfach. Die einzigen «unverzichtbaren» Dinge sind ein Stillkissen, damit man sich bequem einrichten kann (übrigens bereits während der Schwangerschaft), und einige Still-BHs, eine Grösse grösser. Alle anderen Hilfsmittel (Stilleinlagen, Milchpumpe usw.) hängen vom Bedarf ab und sind nicht zwingend nötig!
Es ist oft sinnvoller abzuwarten, wie das Stillen startet, bevor investiert wird. Im Umfeld kann man zum Beispiel nachfragen, ob jemand Silberhütchen zur Behandlung wunder Brustwarzen hat, die manche Frauen als wohltuend empfinden.»

«Es ist sinnvoll, den Wiedereinstieg in den Beruf vorauszuplanen.»
Richtig. Idealerweise beginnt man etwa einen Monat vorher, sich mit dem Wiedereinstieg auseinanderzusetzen.
In der Schweiz werden drei Stillberatungen übernommen. Diese können helfen, das Abpumpen von Muttermilch zu organisieren, eine passende Milchpumpe zu wählen, den Schoppen einzuführen, die Aufbewahrung der Milch zu planen und die Abstimmung mit der Kita oder der Betreuungsperson vorzubereiten. Auch ein frühzeitiges Gespräch mit der Arbeitgeberin oder dem Arbeitgeber kann die Situation erleichtern. Häufig sind Anpassungen möglich.
«Wenn ich stille, werde ich mich allein um das Baby kümmern.»
Falsch. Stillen ist Teamarbeit! Auch wenn die Mutter das Baby ernährt, spielt der Partner oder die Partnerin eine zentrale Rolle: mit emotionaler Unterstützung, praktischer Hilfe (Wickeln, Tragen, Einschlafen begleiten, Haushalt organisieren) und Entlastung. Die Bindung zum Baby entsteht nicht nur über die Ernährung, sondern über alle alltäglichen Interaktionen … So wird man gewissermassen zu einem «Stillpaar».
Fünf Tipps zum Mitnehmen
Fünf Tipps zum Mitnehmen für einen guten Start.
– Sich während der Schwangerschaft informieren, wenn möglich als Paar
– Von Geburt an Haut-zu-Haut-Kontakt ermöglichen
– Das Baby und seine Signale beobachten
– Akzeptieren, dass sich alles Schritt für Schritt entwickelt
Bei Unsicherheiten rasch Hilfe holen Stillen ist auch ein Beziehungsmoment: Das Baby ernährt sich nicht nur, es kommuniziert, beruhigt sich und verbindet sich.