In schwierigen Momenten präsent sein: Kommunikation als Kernkompetenz von Hebammen

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In schwierigen Momenten präsent sein: Kommunikation als Kernkompetenz von Hebammen
06.11.2025
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Bild von Deborah Hefti,
Deborah Hefti,
Kommunikationstrainerin an der Berner Fachhochschule.

Hebammen sind in ihrem Berufsleben auch mit schwierigen Momenten konfrontiert. Im Kommunikationstraining der Berner Fachhochschule lernen sie, in solchen Fällen präsent zu sein und professionell und einfühlsam zu begleiten.

Bevor sie die Klinke zu Frau O.s Einzelzimmer hinunterdrückt, atmet die Hebamme einmal tief durch. Dann betritt sie den Raum. Frau O. sitzt im Bett und blickt ins Leere. Am Vortag hat sie ihr zweites Kind in der 37. Woche tot geboren. Die Geburt war eingeleitet worden, nachdem das Herz des kleinen Mädchens aufgehört hatte zu schlagen. Nun will Frau O. heim, zu ihrem Mann und dem älteren Sohn. Das Neugeborene möchte sie mitnehmen. Die Hebamme ist gekommen, um den Austritt mit ihr zu besprechen und stellt sich vor.

Kommunikationstraining: Szenarien aus dem Berufsleben

Die oben beschriebene Situation ist ein Szenario aus einem Kommunikationstraining an der Berner Fachhochschule. Frau O. wird von einer Schauspielerin gespielt, das Kind ist eine Puppe, die Hebamme eine Studierende im zweiten Jahr ihres Bachelors-Studiums. Mit im Raum ist eine zweite Studierende, welche die Interaktion ihrer Kollegin und der Schauspielerin als Beobachterin mitverfolgt. Eine Kamera filmt, damit der Gesprächsverlauf im Nachhinein angeschaut und besprochen werden kann. Als «herausforderndes, aber lehrreiches Format» bezeichnet Studentin Bianca Wülser dieses Lernsetting.

Nachgespielte Situation: Die Hebamme setzt sich zu Frau O., die ihre Tochter tot geboren hat.

Kommunizieren in komplexen Situationen

Dieses Fallbeispiel steht im Kontext von Kommunizieren in komplexen Situationen und Umgang mit Stress», erklärt Sandra Meyer, Dozentin im Bachelor-Studiengang Hebamme. «Die Studierenden müssen die Begegnung gestalten mit dieser Frau, die sich in einem Ausnahmezustand befindet. Das ist anspruchsvoll.» Am meisten Überwindung habe sie die Kontaktaufnahme beim Betreten des Zimmers gekostet, meint Studentin Fabienne Meier. Ihre Dozentin kann das nachvollziehen: «Es passiert viel in diesen ersten Sekunden. Hereinkommen, die Stimmung wahrnehmen. Entscheiden, wie nahe heran gehe ich, wie laut spreche ich. Setz ich mich oder bleib ich stehen – all das muss aktiv gestaltet werden.»

Die Hebamme zieht einen Hocker zum Bett, setzt sich hin. «Wie geht es Ihnen?», fragt sie. Frau O. gibt zunächst keine Antwort. Dann sagt sie leise: «Es ist wie ein böser Traum.» Sie verstummt wieder. Für eine Weile ist es still. Das Baby liegt in eine Decke gehüllt im Beistellbettchen. «Was für ein hübsches Gesichtchen sie hat», sagt die Hebamme. Frau O. nickt, betrachtet ihr totes Kind. «Hat sie schon einen Namen?» «Tamara», antwortet die Mutter. Und sagt kaum hörbar: «Wir hatten uns so auf sie gefreut.» Frau O. streichelt die kleine Wange mit einem Finger. «Es ist wahnsinnig traurig, dass es nicht so gekommen ist, wie Sie es sich vorgestellt haben», sagt die Hebamme. Frau O. weint.

Anteilnahme und Abgrenzung

Empathische Anteilnahme ist essenziell. Gleichzeitig sei es wichtig, Distanz zu wahren, um handlungsfähig zu bleiben, sagt Corrina Morrissey, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der BFH. «Das Wichtigste ist, dass man als Fachperson weiss, wie man sich wieder erden kann», meint Studentin Simona Casty. Für ihre Kollegin Fabienne Meier ist dies ein Aspekt von Professionalität: Wege zu finden, in einer solchen Situation bei sich zu bleiben − etwa durch eine bewusste Verbindung zum eigenen Körper − und sie im Nachhinein zu verarbeiten.

Die Hebamme hilft Frau O., ihr Töchterchen aus dem Beistellbettchen zu heben und macht mit Kissen und Decke eine Art Nest um Mutter und Kind. Eine Zeit lang sagt niemand etwas.

Zuhören als Kernkompetenz

Die Angst, etwas falsch zu machen, beschäftigt die Studierenden. «Was, wenn ich etwas Dummes sage? Etwas, das bei der Betroffenen vielleicht noch jahrelang nachklingt?» Dieses Risiko bestehe, meint Sandra Meyer. Die betroffenen Personen seien hochverletzlich. Deshalb sei Zuhören enorm wichtig. Es gehe darum, den Betroffenen einen Raum zu bieten für ihren Schmerz. «Wir können und dürfen den Schmerz nicht wegnehmen. Er gehört den Betroffenen und ist für ihre Entwicklung wichtig.» Eine häufige Reaktion von Fachleuten sei es, in Aktionismus zu verfallen, fügt ihre Kollegin Corrina Morrissey an. Doch das sei kontraproduktiv. «Verlangsamen. Dinge beim Namen nennen. Die schmerzhafte Realität anerkennen, wie sie ist. Gefühle aushalten», das sei gefordert. Diese Verhaltensweisen erlauben, eine Verbindung zum Gegenüber aufzubauen und sich auf das einzuschwingen, was es im Moment beschäftigt. Das schafft die Voraussetzung dafür, dass sich Menschen gesehen und gehört fühlen und sich im Gespräch öffnen.

«Vielleicht habe ich mich überanstrengt, als ich noch das Zimmer strich», sagt Frau O. plötzlich in den Raum hinein. «Vielleicht war das einfach zu viel.» Die Hebamme antwortet mit Bedacht. «Es ist nachvollziehbar, dass Sie diese Gedanken und Gefühle haben. Sie fragen sich, ob Sie Tamaras Tod hätten verhindern können. Aus medizinischer Sicht ist aller Wahrscheinlichkeit nach ein Knoten in der Nabelschnur dafür verantwortlich, dass Tamara gestorben ist. Das ist nichts, was Sie hätten beeinflussen oder verursachen können.»

Kommunikation als wichtiger Schlüssel

«Als Geburtstrauma-Therapeutin sehe ich, dass Frauen diejenigen Situationen als traumatisierend erleben, in denen sie sich nicht verstanden und alleine fühlen», erzählt Corrina Morrissey. «Das sind Zustände, die wir mit Kommunikation beeinflussen können. Deshalb sind kommunikative Fähigkeiten so zentral.»
Fabienne Meier erinnert sich an ihre Erfahrung im Kommunikationstraining: «Nach dem Beziehungsaufbau merkte ich, wie ich Schritt für Schritt auf einen guten Weg kam. Ich konnte auf Frau O. eingehen und spürte, wie sie sich aus ihrer Erstarrung löste. Ich musste das Gespräch aber auch aktiv leiten, denn sie selbst war orientierungslos.»

Die Hebamme kommt auf die Situation nach dem Klinikaustritt zu sprechen: «Ich wollte mit Ihnen noch über die Wochenbettbetreuung reden. Konnten Sie vor der Geburt schon eine Hebamme organisieren?» Frau O. schüttelt den Kopf. «Möchten Sie selbst jemanden finden oder sollen wir das für Sie übernehmen?» «Ich bin froh, wenn Sie das machen.»

Zwischen proaktiver Leitung und Einfühlung

Wichtige Themen müssen zur Sprache gebracht werden. Dies bedingt jedoch, dass zunächst eine vertrauensvolle Verbindung aufgebaut wird, damit dies nicht als übergriffig erlebt wird. Ein positiver Gesprächsverlauf lebt vom dynamischen Wechselspiel zwischen Einfühlung und proaktiver Leitung. Ein anspruchsvoller Balanceakt. Um diesen zu meistern, sind Gesprächstechniken hilfreich. Studentin Bianca Wülser ist sicher: «Schon mit einem kleinen Repertoire an Gesprächstechniken, kann man viel bewirken.» Zu den wichtigsten Techniken gehören das Stellen von offenen, halboffenen oder geschlossenen Fragen, das Spiegeln von Körpersignalen, das Wiederholen oder Paraphrasieren von Äusserungen des Gegenübers, das Verbalisieren und Validieren von Emotionen, das Zusammenfassen und – ganz wichtig – das Warten und Schweigen.

Gesprächstechniken richtig einsetzen

Die Anwendung von Gesprächstechniken sei zunächst anstrengend und fühle sich künstlich an, erzählt Studentin Claudia Franziscus. Doch mit der Zeit beginne man, die Techniken zu verinnerlichen. Und doch bleiben solche Gespräche anspruchsvoll − auch für berufserfahrene Hebammen. Auch sie hinterfrage ihr Handeln nach solchen Situationen, meint Corinna Morrissey. «In unserer Arbeit gilt: ‹Do no harm!› Das gilt auch für die Kommunikation.» Austausch mit anderen und Selbstreflexion seien deshalb wichtig, sowie eine kontinuierliche Überprüfung der internen Abläufe: Ist das Situationsmanagement bei Kindsverlust adäquat oder braucht es eine Verbesserung? Das Lernen in Bezug auf Kommunikation höre nie auf, findet Sandra Meyer.
Die angehenden Hebammen haben Respekt, aber keine Angst vor herausfordernden Gesprächen. Sie fühlen sich gut vorbereitet. Fabienne Meier ist überzeugt: «Gerade in so schwierigen Situationen – wir Hebammen können so viel Gutes bewirken!»

«Kann ich jetzt gerade noch etwas für Sie tun, Frau O.?», fragt die Hebamme. Frau O. überlegt. «Nein, ich glaube nicht.» «Dann gehe ich jetzt und wir sehen uns nochmals, bevor Sie nach Hause gehen, ja?» «Ist gut», entgegnet Frau O. «Danke.» Die Hebamme verlässt das Zimmer, macht sachte die Tür hinter sich zu. Im Korridor atmet sie einmal tief durch. Und setzt ihre Arbeit fort.

Kommunikationstraining: Interaktionen üben
In den 70-minütigen Kommunikationstrainings wenden die Studierenden theoretische Kommunikationsinhalte in der Interaktion mit Klient*innen an, die von Schauspieler*innen gespielt werden. Die als Kommunikationstrainer*innen geschulten Schauspielenden leiten das anschliessende Reflexionsgespräch und geben eine beobachtungsbasierte Rückmeldung aus Klient*innen-Sicht.

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