Mehr als 3000 Hebammen aus aller Welt trafen sich im Juni 2026 in Lissabon zum 34. Kongress der International Confederation of Midwives (ICM). Bereits im Vorfeld diskutierten Delegierte aus 117 Ländern am ICM Triennial Committee Meeting die strategischen Prioritäten des Verbands. Mit dabei waren SHV-Präsidentin Petra Graf sowie die Hebammenstudentinnen Natalia Zapiórkowska-Blumer (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften) und Camille Scheidegger (Haute école de santé de Genève) als Beobachterinnen. Natalia Zapiórkowska-Blumer berichtet von ihren Eindrücken und Erfahrungen am ICM Triennial Committee Meeting.
Neben der Präsidentin des Schweizerischen Hebammenverbandes Petra Graf durften Camille und ich als Beobachterinnen am Meeting teilnehmen. Alle Beobachter*innen wurden im Vorfeld durch die Delegierten bestätigt und begleiteten die Sitzung, um Transparenz und korrekte Abstimmungsprozesse sicherzustellen.
Tag 1: Berichte und Wahlen
Der erste Sitzungstag stand im Zeichen von Berichten und Verbandsangelegenheiten. Vorgestellt wurden der Jahresbericht 2025, der Finanzbericht sowie der Triennial Report 2024–2026. Zu den wichtigsten Erfolgen gehörten das Wachstum des Midwives Data Hub, die Kampagne «One Million More Midwives», eine stärkere Medienpräsenz, Leadership-Programme sowie Unterstützungsprojekte in verschiedenen Ländern.
Die Herausforderungen weltweit reichen von komplexen Gesundheitssystemen in Europa bis hin zu Finanzierungs- und Personalengpässen in vielen afrikanischen Ländern.
Anschliessend präsentierten die Regionalvorstandsmitglieder ihre Berichte aus den sechs Weltregionen. Dabei wurde deutlich, wie unterschiedlich die Herausforderungen weltweit sind – von komplexen Gesundheitssystemen in Europa bis hin zu Finanzierungs- und Personalengpässen in vielen afrikanischen Ländern.
Nach der Genehmigung der Berichte wurden die Kandidatinnen und Kandidaten für die künftige ICM-Präsidentschaft und die Regionalvorstände vorgestellt.


Tag 2: Wahlen, Mitgliedschaften und zukünftige Kongressorte
Der zweite Sitzungstag begann mit den Wahlen, die von der Independent Electoral Commission durchgeführt wurden.
Anschliessend wurde über die Suspendierung von fünf Mitgliedsverbänden aus Marokko, den Philippinen, Costa Rica, Guyana und Peru beraten und abgestimmt. Für alle fünf Verbände wurde eine sechsmonatige Suspendierung beschlossen. Sollten die festgelegten Bedingungen innerhalb dieser Frist nicht erfüllt werden, wird die Mitgliedschaft beendet. Gründe dafür waren ausstehende Mitgliedsbeiträge beziehungsweise im Fall von Peru Verstösse gegen den Verhaltenskodex der Mitgliedsorganisationen.
Auckland (Neuseeland) und Kigali (Ruanda) wurden als führende Bewerbungen für den Austragungsort 2032 des ICM-Kongresses ausgewählt.
Bewerbung für den Austragungsort 2032
Ein weiterer Programmpunkt des Tages war die Präsentation der Bewerbungen für die Austragung des ICM-Kongresses 2032. Die vier Kandidatenstädte Vancouver, Rotterdam, Auckland und Kigali stellten ihre Konzepte in multimedialen Präsentationen vor.
Die anschliessende Abstimmung ergab Auckland (Neuseeland) und Kigali (Ruanda) als die beiden führenden Bewerbungen. Der ICM-Vorstand wird diese nun eingehend prüfen und dabei unter anderem Organisationskosten, Erreichbarkeit, Visabestimmungen sowie die finanzielle Zugänglichkeit für die Mitgliedsländer berücksichtigen, bevor die endgültige Entscheidung getroffen wird.
Darüber hinaus wurden mehrere zentrale ICM-Dokumente und Positionspapiere zur Abstimmung gebracht, darunter: «Global Competencies for Midwifery Leadership», «Chief Midwife», «Women’s Right to a Birth Companion». Die Dokumente sind auf der Website des ICM verfügbar.
Indigene Hebammen fordern Dialog
Zu den eindrücklichsten Momenten des Committee Meetings gehörte die Intervention indigener Hebammen aus Kanada. Sie äusserten ihre Enttäuschung und Besorgnis über die Entscheidung des ICM, das Positionspapier zur Zusammenarbeit zwischen indigenen und nicht-indigenen Hebammen zurückzuziehen.
Das Thema blieb auch während des Kongresses präsent. In einer Plenarsitzung protestierten indigene Hebammen aus Kanada, den USA, Norwegen, Neuseeland und weiteren Ländern gemeinsam gegen die Entscheidung des ICM. Zahlreiche Kongressteilnehmende verliessen daraufhin aus Solidarität die Veranstaltung und schlossen sich dem Protest an.
Zu den eindrücklichsten Momenten des Committee Meetings gehörte die Intervention indigener Hebammen aus Kanada.

Indigene Hebammen protestieren gegen ihren Ausschluss aus der Hebammengemeinschaft.
Diese Ereignisse machten deutlich, dass Interessenvertretung, Solidarität und respektvolle Partnerschaft zentrale Werte der Hebammenarbeit bleiben. Am 17. Juni veröffentlichte das ICM eine Stellungnahme zur vorübergehenden Aussetzung des Positionspapiers zur Zusammenarbeit zwischen indigenen und nicht-indigenen Hebammen. Auch dieses Dokument kann auf dem ICM Website gelesen werden
Tag 3: Die Zukunft gestalten
Der Vormittag des dritten Sitzungstages war den Strategic Directions 2027–2029 gewidmet. In Workshops und Arbeitsgruppen diskutierten die Delegierten Herausforderungen, Prioritäten und mögliche Lösungsansätze für hebammenrelevante Themen auf regionaler und nationaler Ebene.
Am Nachmittag präsentierten Vertreterinnen der Vereinigten Arabischen Emirate ihre Pläne für den nächsten ICM-Kongress, der 2029 in Abu Dhabi stattfinden wird.
Den Abschluss des Committee Meetings bildete die offizielle Kongresshymne 2026 «Together» («One Million More Midwives») von Abelone, begleitet von einer gemeinsamen Tanzperformance.
Persönliche Reflexion
Die Teilnahme am ICM Triennial Committee Meeting als Beobachterin bot eine einzigartige Gelegenheit, die demokratischen Prozesse, die internationale Zusammenarbeit und das starke Engagement innerhalb unseres Berufsstandes aus nächster Nähe mitzuerleben.
Besonders inspirierend war es zu sehen, wie Hebammen aus allen Teilen der Welt zusammenkommen, um gemeinsame Herausforderungen anzugehen und gleichzeitig die unterschiedlichen Realitäten ihrer jeweiligen Länder anzuerkennen.
Die Erfahrung hat mir einmal mehr gezeigt, wie wichtig internationale Zusammenarbeit, Leadership und Solidarität für die Weiterentwicklung der Hebammenarbeit weltweit sind. Ich habe Lissabon voller Inspiration verlassen – und freue mich schon jetzt auf den nächsten ICM-Kongress.
Wir sehen uns in Abu Dhabi 2029!