Hebammenausbildung: Drei Erfahrungsberichte

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Hebammenausbildung: Drei Erfahrungsberichte
28.11.2025
Themen: Menschen, Bildung
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Esther Grosjean
Leitung Redaktion

Die Studentinnen Bettina Bleuler, Francesca Agresta und Victoria Wirth sind schon fast ausgebildete Hebammen – nur noch wenige Monate, dann werden sie in die Berufswelt entlassen. Sie sind auf dem Sprung und mittendrin. Ein guter Moment, um innezuhalten. Drei Reflexionen im Überblick.

«Die physiologische Geburt fasziniert mich.»

Bettina Bleuler, Bachelor Hebammenstudentin Zürcher Hochschule der Angewandten Wissenschaften.

Ich bin unglaublich froh um dieses letzte vierte Praktikumsjahr. Man erlebt bewusster mit: Jetzt geht es um den Feinschliff und man schätzt es, wenn man im Praktikum eine Begleitung hat. Gleichzeitig merke ich, dass ich in der Physiologie immer noch viele Lücken habe. Im Praktikum habe ich diesbezüglich vor allem von älteren Hebammen viel lernen können. Die theoretischen Inputs zur Physiologie aus dem ersten Studienjahr gingen in der Zwischenzeit etwas vergessen. Es wäre toll gewesen, auf dieser Grundlage weiter aufzubauen, die hormonellen Abläufe zu vertiefen und immer wieder gemeinsam anzuschauen: «Was ist normal, was nicht?» Die Repetitionsvorlesung zur Physiologie in der Geburtshilfe im letzten Schulsemester mit einer tollen und engagierten Dozentin gehörte zu den besten im ganzen Jahr. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte man im Lehrplan den medizinischen Themen mehr Platz einräumen können. Wir hatten zwar interprofessionelle Module, aber keine Vorlesungen, die sich mit den inhaltlichen Themen der anderen Fachgebiete befassten. Ich habe meine Bachelorarbeit über die Rektusdiastase geschrieben – bei den Physiotherapeuten und Physiotherapeutinnen hätte ich viel dazulernen und von ihrem Wissen profitieren können. Nach meinem Abschluss arbeite ich ab dem 1. Juli für drei Monate in Bremen in der Geburtsklinik, in der ich mein fünftes Praktikum absolviert habe. Darauf fliege ich mit einem One-way-Ticket nach Tansania. Als Volunteer werde ich für drei Monate in einem Birth Center in Arusha, einer grösseren Stadt, weitere Erfahrungen sammeln. Ich freue mich darauf, mich weiter im Hebammenhandwerk zu vertiefen.

«Auch wir jungen Menschen haben Freude am Beruf»

Victoria Wirth, (23), Bachelor Hebammenstudentin Zürcher Hochschule der Angewandten Wissenschaften.

Die Organisation meines letzten Praktikums war schwierig, weder die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften noch die Berner Fachhochschule konnten mir eins in der Schweiz zuteilen. Dann kam die Nachricht. «Es gibt einen Platz für dich, aber im Ausland. In Berlin.» So bin ich nach Deutschland gegangen und war sehr froh, dass es sich um ein Geburtshaus handelte. Das Konzept eines Geburtshauses ist in Deutschland sehr ähnlich, wie in der Schweiz. So bekam ich trotzdem einen vergleichbaren Einblick in die ausserklinische Geburtshilfe. Ich hatte im Geburtshaus eine sehr gute Zeit. Die Geburtsvorbereitungskurse waren spannend und es war ein Erlebnis, in Berlin zu wohnen und die Grossstadt kennenzulernen.

Das Praktikum steht und fällt mit der Berufsbildnerin und den Hebammen, mit denen man zusammenarbeitet. Das Klima im Team ist zentral. Man merkt gleich, ob die Kolleginnen wohlwollend und daran interessiert sind, die neue Generation einzubeziehen. Ich finde es wichtig, dass auch wir als kompetent eingeschätzt werden. Und vor allem haben auch wir jungen Menschen Freude am Beruf. Manche Hebammen steigen aus dem Beruf aus, weil ihnen die Schichtarbeit oder die hohe Verantwortung zu sehr zusetzt. Eine gute Zusammenarbeit und ein respektvoller Umgang sind daher sehr wichtig. Grossen Respekt habe ich vor Klagen, wie ich das in Berlin im Geburtshaus erlebt habe. Seit 10 Jahren befindet sich eine Hebamme in einem Rechtsstreit. Wenn sie verliert, sitzt sie auf 10 Jahren Anwaltskosten, die Versicherung würde kaum alles abdecken. Es würde sie ruinieren. Aber solche Gedanken muss man wegschieben, das darf nicht im Vordergrund stehen. Nach dem Abschluss packe ich fürs Erste meine Koffer und gehe ein halbes Jahr auf Reisen und erfülle mir so, einen lang ersehnten Traum. Im Januar 2024 möchte ich meine erste Stelle antreten, am besten in einem grösseren Haus, wo mehrere Hebammen gleichzeitig Dienst haben.

«Ich freue mich auf die Arbeit, habe aber auch Respekt»

Im ersten Semester mussten wir, bedingt durch Unerfahrenheit und Neuling im Studium, viele Organe und viel Medizinisches auswendig lernen. Im Rückblick und nach den Erfahrungen im Praktikum finde ich, dass wir der Physiologie mehr Einheitssequenzen hätten einräumen können. In der Praxis arbeiten wir ohnehin alle interdisziplinär, da kann man sich gegenseitig unterstützen. Grossen Respekt habe ich vor der Verantwortung. Es hat mich fasziniert, wie Hebammen bei Geburten genau erkannten: «Wir sind in der Physiologie. Es ist alles ok und noch nicht pathologisch.» Oder aber: «Es ist bereits pathologisch.» Es ist eine grosse Herausforderung, in allen Situationen die Geduld zu bewahren und manches einfach mal auszuhalten. Man darf auf keinen Fall blind in die Pathologie hineinlaufen, gleichzeitig muss man immer auf der Hut sein und merken, wenn etwas vom Normbereich abweicht. Trotz der Nähe braucht es die Distanz zum Geschehen. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Arbeit in die Knochen geht. Es ist aber sicher auch personenabhängig, wie jemand die Verantwortung, den Stress und die Schichtarbeit erlebt. Ich freue mich auf die Arbeit, habe aber auch Respekt: Respekt für das, was mich erwartet, weil jeder Arbeitstag wieder anders aussieht. Ich freue mich jedoch, mein Wissen einzusetzen und gleichzeitig zu erweitern. Am Ende einer physiologischen Geburt ist man stolz, beim Wunder des Lebens dabei gewesen zu sein und dem Paar eine Unterstützung in der neuen Rolle als Familie geboten zu haben.  Ich gönne mir keine lange Pause: Am 26. Juni schliesse ich auf dem Wochenbett ab und starte am 17. Juli mit der Arbeit im Spital Männerdorf.

Francesca Agresta, Bachelor Hebammenstudentin Zürcher Hochschule der Angewandten Wissenschaften.

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