Hebamme mit fast 50: Welches Modell passt jetzt?

/
/
Hebamme mit fast 50: Welches Modell passt jetzt?
15.04.2026
Themen: Menschen
Bildquellen: Jediaelle Gehrig, J&Fcreation

Autor*in(nen)

Bild von Jeanne Rey,
Jeanne Rey,
Redaktorin SHV

Céline Audemard ist Mutter von zwei Kindern im Alter von 18 und 16 Jahren und lebt mit ihrem Mann, ihrem Hund, einem Hahn und zehn Hühnern auf dem Land im Kanton Fribourg. Sie arbeitet als Hebamme im «Hôtel des patientes» des Centre hospitalier universitaire vaudois und zudem als Hebamme in eigener fachlicher Verantwortung und betreut Frauen zu Hause sowie in einer interdisziplinären Praxis. Als Beirätin für die «Obstetrica» verfolgt sie die Entwicklungen ihres Berufs mit grosser Neugier und Engagement.
Mit fast 50 Jahren stellt sie sich zunehmend die Frage nach dem Sinn ihrer Arbeit – in einem Umfeld, das von wachsender Bürokratie und strengeren Regulierungen geprägt ist. Gleichzeitig rückt die eigene Pensionierung näher. Im Gespräch mit der «Obstetrica» teilt sie ihre Zweifel, aber auch die Wege, die sie sucht, um ihrer Tätigkeit neuen Schwung zu verleihen.

Vom Wunsch nach Nähe zum Beruf

«Ich hatte genug von den Geburtsfabriken» – so beschreibt Céline ihren Einstieg in den Beruf. Nach ihrer Ausbildung in Clermont-Ferrand kam sie 1999 nach Freiburg, angezogen von kleineren, menschlicheren Strukturen als in den grossen französischen Universitätskliniken. Schon als Kind war sie von Geburtsgeschichten fasziniert. Ihr Berufswunsch war klar, auch wenn ihr Fokus zunächst weniger auf den Babys lag, sondern auf den Frauen.

Der Beweggrund, Hebamme zu werden, waren für Céline Audemard «die Frauen».

In der Klinik Sainte-Anne war Céline sieben Jahre in der Geburtsabteilung und in der Geburtsvorbereitung tätig. «Wir konnten unseren Beruf unter guten Bedingungen ausüben, in einem guten Team mit den Gynäkologinnen und Gynäkologen und mit Anerkennung für unsere Arbeit.» Es folgten zehn weitere Jahre im Spital Daler, ebenfalls im Gebärsaal.


In eigener fachlicher Verantwortung

Im Jahr 2005 heiratet Céline und wünscht sich Kinder. Doch sie kann sich nicht vorstellen, die Mutterschaft mit einer 80- oder 100-prozentigen Anstellung im Spital zu vereinbaren: «Nur wenige schaffen das mit kleinen Kindern!» Also wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit und gründete ihre eigene Praxis, L’espace naissance in Romont, zunächst mit einem Arbeitspensum von 10 bis 20 Prozent – kurz darauf kam ihr erstes Kind zur Welt. Heute sind es rund 50 Prozent. Seit ihren Anfängen in der selbstständigen Tätigkeit hat sich die Praxis stark weiterentwickelt: 2005 gab es im gesamten Kanton Freiburg zehn Hebammen, inzwischen sind es 70. «Die enorme Entwicklung in den letzten 20 Jahren besteht darin, dass alle Frauen die Maternité mit einer Hebamme verlassen, die die Betreuung zu Hause übernimmt.» Seit 2015 haben Frauen in der Schweiz Anspruch auf zehn Hebammenbesuche innerhalb von 56 Tagen nach der Geburt – 15 bei Kaiserschnitten – sowie auf drei Stillberatungen. Vor dieser Änderung mussten die postpartalen Besuche innerhalb der ersten zehn Tage nach der Entbindung stattfinden. Der Schwerpunkt der Tätigkeit hat sich daher auf diese Nachsorge und die Geburtsvorbereitung verlagert. Céline teilt ihre Tätigkeit zwischen Geburtsvorbereitung (auch im Schwimmbad), Beckenbodentraining und der postpartalen Nachsorge zu Hause auf. Hier kann man sich mehr Zeit für die Pflege und die Beziehung zu den Familien nehmen.

«Der Blick der Babys berührt mich sehr, und sie strahlen alle etwas ganz Eigenes aus – das ist erstaunlich!»

Zwischen Spital und neuen Modellen

Trotz Selbstständigkeit blieb Céline dem Spital verbunden: 2017 schloss sich Céline dem Hebammenpool des Centre Hospitalier Universitaire Vaudois an, und als ihr angeboten wurde, an der Eröffnung des «Hôtel des patients» mitzuwirken – einer innovativen Einrichtung, die es ermöglicht, Patientinnen in komfortablen Familienzimmern ausserhalb der Spitalmauern unterzubringen, jedoch unter der Aufsicht eines Pflegeteams –, nahm sie das Angebot begeistert an: «Es ist ein wirklich interessantes Modell, das der Familie Autonomie ermöglicht. Es ist auch ein dezentraler Standort, der den Hebammen ebenfalls mehr Autonomie bietet. Wir waren anfangs ein kleines Team und ich bin dankbar, dass ich diese Form der Arbeit kennengelernt habe.» Das «Hôtel des patients» steht allen Patientinnen offen, die bestimmte gesundheitliche Kriterien erfüllen, und bietet seine Dienste im Wochenbett, während der Schwangerschaft und in der Gynäkologie an. Es verfügt über insgesamt zwölf Plätze, davon bis zu acht im Wochenbett.

«Natürlich vermisse ich den Kreisssaal, ich denke manchmal daran zurück – aber ich glaube, ich vermisse ihn in einer Form, wie sie heute kaum noch praktiziert wird. Ich habe 20 Jahre lang in regionalen Geburtskliniken gearbeitet; damals hatten wir noch eine gute Personalausstattung und konnten für die Paare da sein, die Wehen wirklich begleiten und dabei eine gewisse Eigenständigkeit geniessen. Heute gibt es in den grösseren Spitälern viel Personal, das sich dort tummelt, die Betreuung ist zunehmend aufgeteilt, vom Empfang der Paare bis zur Rückkehr auf das Zimmer, sodass wir sie nicht während der gesamten Geburt begleiten. Es gibt auch einen Autonomieverlust, zwischen der Anwesenheit einer zuständigen Hebamme, der man Rechenschaft ablegen muss, und der zentralisierten Überwachung, die den Eindruck vermitteln kann, «beobachtet» zu werden – diese Praxis passte weniger zu mir.» Hinzu kommen die körperliche Erschöpfung und die Nächte. Céline ist sich sicher, dann aufgehört zu haben, als es für sie richtig war: «Ich habe meine Arbeit bis zum Schluss mit viel Freude gemacht und dann aufgehört.»

«Das Modell ‹l`Hôtel des patients› (CHUV) erlaubt den Hebammen mehr Autonomie.»


Zwischen Sinnsuche und Realität

Heute arbeitet Céline immer noch zu 50 Prozent im «Hôtel des patients», aber auch hier hat sich die Arbeit verändert: «Die Digitalisierung im Gesundheitswesen führt dazu, dass wir viel mehr Zeit vor dem Bildschirm verbringen. Da wir nicht in den Räumlichkeiten des Krankenhauses sind, gibt es kein Verwaltungspersonal, und wir müssen diese Arbeit zusätzlich übernehmen, dazu noch einen Teil der Pflegeaufgaben – alles auf Kosten der Zeit, die wir mit den Familien verbringen.» Die Arbeit mit einem IT-System, das nicht immer intuitiv ist und sich bis vor Kurzem noch in der Einführungsphase befand, ist ein Stressfaktor, zum Beispiel, wenn man in der Akte einer Patientin eine Überwachung eintragen muss, die ein zentraler Bestandteil der Versorgung in der Geburtsstation ist. Hinzu kommt der Personalmangel, der die Arbeitsabläufe zusätzlich erschwert: «Die Zeitarbeitskräfte haben keinen Zugriff auf unsere Arbeitsanwendungen oder die Apotheken», bedauert Céline. «Natürlich melden wir die Probleme weiter, aber es dauert oft ziemlich lange, bis die Lösungen umgesetzt sind.»

Burnout, berufliche Neuorientierung und Rückkehr ins Krankenhaus

Céline fühlt sich der Arbeit im Krankenhaus nach wie vor sehr verbunden, wegen des Kontakts zur Praxis und der ständigen Aktualisierung ihres Wissens. Doch mit fast 50 Jahren empfindet sie ihre Arbeit im Spital als sinnlos. Der Dialog mit der Personalabteilung ist offen, «aber Tatsache ist, dass sich das Gesundheitssystem verändert, zusätzlich zu den Budgetkürzungen. Als Gesundheitspersonal haben wir keine Wahl, wir müssen dieses neue Modell in der Praxis akzeptieren – oder das Spitalsystem verlassen.»

Um Hebamme zu sein, muss man wirklich bei guter Gesundheit sein, körperlich und geistig.»

Um sich herum sieht sie Hebammen, die sich verausgaben oder einen neuen Weg einschlagen: «Viele sind Hebammen wegen der Begleitung, wegen des Menschlichen – etwas, das sie derzeit nicht mehr finden.» Es gibt jene, die das Spital verlassen, und andere, die – früher eine Seltenheit, heute jedoch zunehmend häufig – dorthin zurückkehren, um die letzten 15 Jahre bis zur Pensionierung zu überstehen, sofern es ihnen überhaupt möglich ist. Und es gibt jene, die den Beruf ganz aufgeben, nicht immer aus freiem Willen.
«Heutzutage ist es schwierig, ein Leben lang im Spital zu arbeiten, mit den Arbeitszeiten, der körperlichen Belastung und der stressbedingten Erschöpfung. Um Hebamme zu sein, muss man wirklich bei guter Gesundheit sein, körperlich und geistig.» Wie soll man die Zeit finden, sich um seine Patientinnen zu kümmern, in einem System, das zudem sehr anspruchsvoll ist, wenn man sich selbst, ein Kind oder einen kranken Angehörigen versorgen muss?

Eine neue Generation

Neugierig, mit scharfem Blick, aber auch kritisch – wie sie selbst zugibt! – beobachtet Céline mit Interesse, wie sich ihr Beruf weiterentwickelt. Vielleicht wird die neue Generation mit ihren neuen Visionen und einer anderen Mentalität Veränderungen mit sich bringen. In der freiberuflichen Praxis sieht sie bereits, wie sich der Beruf wandelt. «Das klassische Bild der Hebamme von vor 20 oder 30 Jahren gibt es so kaum noch: Céline betreute Geburten oft völlig selbstständig und war mit voller Hingabe dabei, sieben Tage die Woche!» Sie stellt fest, dass Hebammen ihrer Verfügbarkeit Grenzen setzen und auch mit ihren inneren Konflikten ringen – für die Familien, die sie betreuen, da zu sein und gleichzeitig Raum für ihr Privatleben zu lassen.

«Ich möchte Hebamme bleiben, weil mir dieser Beruf nach wie vor am Herzen liegt!»
Um die eigene Hebamme zu finden: www.hebammensuche.ch

Management und Qualität

Nun, da ihre Kinder erwachsen sind, geniesst Céline weiterhin die Freiheit der Selbstständigkeit und die – bis zu einem gewissen Grad – flexiblen Arbeitszeiten. Doch sie sehnt sich nach freien Wochenenden; diese sind selten… Zusammen mit zwei Partnerinnen leitet sie zudem eine Praxis mit zwölf Fachkräften im Bereich der Perinatalmedizin, darunter drei Hebammen – eine zeitraubende Aufgabe, sowohl in administrativer als auch in strategischer Hinsicht, die Kompetenzen erfordert, die «on the job» erworben werden müssen. Ganz zu schweigen von den höheren Erwartungen an Hebammen, die in eigener beruflicher Verantwortung tätig sind, was Qualität oder Fortbildung angeht, verbunden mit den in den letzten Jahren eingeführten Vorschriften: «Das sind viel grössere Auflagen als noch vor 20 Jahren. Früher konnte man die Dinge in Ruhe machen, und niemand hat etwas davon mitbekommen.» Heute verlangen die Qualitätsstandards beispielsweise, dass man sich regelmässig weiterbildet und an Qualitätszirkeln teilnimmt. «Es geht darum, sich auszutauschen, nicht alleine in seiner Ecke zu praktizieren, sondern zusammenzuarbeiten. Letztendlich ist das zwar auch positiv, aber es ist eine unbezahlte Arbeitsbelastung.» Hinzu kommen die mit der Tätigkeit verbundenen administrativen und finanziellen Aufgaben sowie digitale Tools (gesicherte E-Mail-Adresse, Rechnungssoftware), die Kosten verursachen. Und schliesslich ein immer wiederkehrendes Thema: die unentgeltliche Koordinationsarbeit im Rahmen der Nachsorge. «Ob es darum geht, einen Notfall zu bewältigen, den Kinderarzt anzurufen oder einen Brief zu schreiben: Der Zeitaufwand für die Nachsorge wird letztlich unterschätzt – und endet nicht an der Haustür der Familien.»

Sie lobt übrigens das Engagement ihrer jungen, selbstständigen Kolleginnen, die engagiert sind und darauf bedacht, im Beruf aktiv zu bleiben und sich kontinuierlich weiterzubilden, auch wenn ihr Einkommen manchmal gerade einmal die Kosten für die Kinderbetreuung in der Krippe deckt.

«Ich möchte Hebamme bleiben, weil mich dieser Beruf nach wie vor begeistert!», Aber derzeit gibt es keine ideale Ausübung dieses Berufs, da muss man realistisch sein.»
Céline Audemard

Ein ideales Modell?

«Ich möchte Hebamme bleiben, weil mich dieser Beruf nach wie vor begeistert!», betont Céline. «Aber derzeit gibt es keine ideale Ausübung dieses Berufs, da muss man realistisch sein.» Auf die Frage, wie man Hebammen im Beruf halten könne, hat sie zwar keine wirkliche Lösung parat, ist aber überzeugt, dass die Lösung und die Strategien für Spitalhebammen von den Personalabteilungen der Einrichtungen kommen müssen.

Céline hingegen sucht nach neuen Impulsen für ihre Karriere. Als engagierte Hebamme hat sie bereits zahlreiche Wege beschritten, die ihr wie weitere Fähigkeiten im Repertoire dienen. Sie war drei Jahre lang als Ausbildungsleiterin im Vorstand der Sektion Fribourg des Schweizerischen Hebammenverbandes (SHV) tätig und schätzte es, die Kommunikationsmechanismen zwischen der Praxis und der nationalen Ebene der Berufsvertretung zu beobachten.

Seit 2021 gehört sie dem redaktionellen Beirat der Obstetrica an, wo sie an der Gestaltung des redaktionellen Programms mitwirkt. Ausserdem verfasst sie regelmässig Berichte und Rezensionen zu Büchern oder Podcasts, die in der Zeitschrift veröffentlicht werden: «Es ist befriedigend, sich die Zeit zu nehmen, sich in Themen zu vertiefen, für die man sonst keine Zeit hätte; das verschafft ein wenig Abstand.» Sie würde gerne mehr tun und mehr Zeit dafür aufwenden, doch dafür wäre eine Vergütung erforderlich.

Denn die finanziellen Herausforderungen sind sehr real, etwa fünfzehn Jahre vor der Pensionierung: «Für mich wäre es ideal, ein Praxismodell zu finden, das mir hinsichtlich der Arbeitszeitgestaltung zusagt und gleichzeitig ein Gehalt sowie meine zukünftige Rente sicherstellt.

Neue Perspektiven in der Forschung

Zuletzt hat Céline erstmals an einem Forschungsprojekt mitgearbeitet. Im Rahmen der Studie SOCRATES befragte sie junge Eltern im CHUV. Die Verbindung von Praxis und Forschung hat sie überzeugt. Neue Kompetenzen und Weiterbildungen haben ihr Interesse geweckt, doch feste Stellen in der Forschung sind rar und oft an akademische Abschlüsse gebunden. Eine weitere offene Frage auf ihrem Weg – den sie neugierig und engagiert weitergeht.

Das könnte Sie auch noch interessieren:

Hebammenausbildung: Drei Erfahrungsberichte

Die Studentinnen Bettina Bleuler, Francesca Agresta und Victoria Wirth sind schon fast ausgebildete Hebammen – nur noch wenige Monate, dann werden sie in die Berufswelt entlassen. Sie sind auf dem..

28.11.2025

Zukunftstag: Selina zu Besuch beim Schweizerischen Hebammenverband

Am 13. November fand der nationale Zukunftstag statt – ein Tag, an dem Schülerinnen und Schüler einen Einblick in die Arbeitswelt erhalten und verschiedene Berufe aus erster Hand kennenlernen. Die..

13.11.2025