Berufsbezeichnungen sind mehr als nur Namen: Sie prägen, wie ein Beruf wahrgenommen wird, welche Identität mit ihm verbunden ist und wer sich darin wiederfindet.
Vor diesem Hintergrund wird auch die englische Berufsbezeichnung «Midwife» für Hebamme zunehmend unter dem Aspekt der Geschlechtergerechtigkeit diskutiert. Die Hebammenwissenschaftler*innen John Pendleton und Sally Pezaro schlagen in ihrem Artikel im Journal Birth vor, den Begriff «Midwife» durch «Lead Perinatal Practitioner» zu ersetzen. Der neue Begriff soll geschlechtsneutraler und inklusiver sein.
Auf diesen Vorschlag reagierten Yvonne Meyer und Céline Lemay, beide im Bereich der Hebammenwissenschaft tätig, mit einem inzwischen ebenfalls im Journal Birth erschienenen Leserbrief («Letter to the Editor»).
Die Debatte ist auch für den französischsprachigen Raum relevant, wo der Begriff sage-femme für Hebamme wiederholt infrage gestellt und maïeuticien/maïeuticienne als Alternative vorgeschlagen wird.
Meyer und Lemay sehen in der Umbenennung folgende Risiken:
- Die spezifischen Kompetenzen und die Identität des Hebammenberufs könnten unsichtbar werden.
- Ein wenig spezifischer Titel könnte auch von anderen Gesundheitsprofessionen beansprucht werden und die öffentliche Sichtbarkeit des Berufs schwächen.
- Der Begriff «perinatal» verengt den Blick auf die Zeit rund um die Geburt und kann die Rolle von Hebammen in der allgemeinen reproduktiven Gesundheit von Frauen ausblenden.
- Falsche Vorstellungen: Auch das Wort «Lead» (in der vorgeschlagenen Berufsbezeichnung «Lead Perinatal Practitioner») schafft in einem von Standardisierung und ärztlicher Dominanz geprägten System nicht automatisch mehr Autorität oder Autonomie.
Um den Leserbrief von Meyer und Lemay im «journal birth» auf Englisch zu lesen, hier – «Letter to the Editor» – klicken.
Um den Originalbeitrag «From midwife to lead perinatal practitioner» im «journal birth»: A utopian vision von Pendleton und Pezaro lesen, hier klicken

