Halbiertes oder doppeltes Risiko? Medizinische Zahlen richtig lesen

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Halbiertes oder doppeltes Risiko? Medizinische Zahlen richtig lesen
31.05.2026
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Anne Steiner,
Hebamme und Leitung Qualität und Innovation beim Schweizerischen Hebammenverband.

Wer schwanger ist, wird plötzlich mit Zahlen konfrontiert: Blutdruck, Wachstumskurven, Wahrscheinlichkeiten, Messwerte und Risikoangaben gehören plötzlich zum Alltag − und können sehr verunsichern. Dabei sollen Statistiken in der Medizin helfen, Situationen besser einzuschätzen und Entscheidungen zu unterstützen. Wie kann das gelingen, ohne dass Eltern Angst bekommen?

Zahlen gehören zur Geburtshilfe und sind ein wichtiger Teil medizinischer Aufklärung. Verständlich werden sie jedoch erst durch Sprache, Kontext und eine tragende Beziehung.

Gut oder schlecht, selten oder oft: Auf welchem Ohr höre ich?

Wenn in der medizinischen Aufklärung Sätze wie «das Risiko ist gering», «das kommt selten vor» oder «meist ist alles in Ordnung» verwendet werden, bleiben sie, auch wenn gut gemeint, für Patientinnen und Patienten ungenau und schwer greifbar. Begriffe wie «selten» oder «oft» werden unterschiedlich aufgefasst: Für manche bedeutet «selten» «fast nie», für andere klingt es so, als könnte es jederzeit passieren. Studien zeigen, dass solche ungenauen Risikobegriffe unterschiedlich interpretiert werden, was dazu führt, dass sich viele Eltern in der Zeit der Schwangerschaft eher verunsichert als orientiert fühlen. Erst konkrete Zahlen und eine Einordnung machen verständlich, was wirklich gemeint ist und wie ein Risiko im Gesamtzusammenhang zu verstehen ist.

Orientierung statt Gewissheit

In der Schweiz und in vergleichbaren Ländern mit sehr guter medizinischer Versorgung ist das Risiko für einen unerwarteten kindlichen Tod in der späteren Schwangerschaft sehr gering. Statistisch betrifft eine Totgeburt etwa 4 von 1 000 Geburten, das entspricht rund 0,4 Prozent. Anders gesagt enden von 1 000 Schwangerschaften etwa 996 mit einer Lebendgeburt, und bei ungefähr 4 Schwangerschaften kommt es zu einem kindlichen Todesfall, häufig ohne zuvor erkennbare Warnzeichen. Diese Zahlen beschreiben Häufigkeiten in grossen Gruppen; sie erlauben jedoch keine Vorhersage für den Verlauf einer einzelnen Schwangerschaft.
Gleichzeitig soll anerkannt werden, dass selbst bei achtsamer Begleitung und guter medizinischer Betreuung nicht jeder Ausgang beeinflussbar ist. Schwangerschaft und Geburt bleiben natürliche Prozesse, in denen sich Fürsorge und Wissen mit Momenten verbinden, die sich menschlicher Kontrolle entziehen. Diese Erkenntnis kann Eltern entlasten, ohne ihnen Verantwortung oder Selbstbestimmung zu nehmen.

Gute Aufklärung zielt deshalb nicht darauf ab, maximale Sicherheit zu versprechen, sondern Orientierung zu geben – durch verständliche Zahlen, ehrliche Einordnung und die Stärkung von Vertrauen in den eigenen Weg durch Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Stillzeit.

Die Zahl sagt nicht alles aus

Aus der Sicht von Eltern ist es besonders wichtig zu wissen, dass medizinische Zahlen keine Vorhersagen für die eigene Schwangerschaft oder Geburt darstellen. Sie beschreiben Erfahrungen aus grossen Gruppen und sagen nichts darüber aus, was im konkreten Einzelfall geschehen wird. Solche Zahlen bedeuten nicht: «Das könnte uns passieren», sondern vielmehr: «Das kommt insgesamt sehr selten vor.» Für die überwältigende Mehrheit der Familien gilt, dass Schwangerschaften gut verlaufen und Kinder gesund zur Welt kommen. Gleichzeitig soll anerkannt werden, dass selbst bei achtsamer Begleitung und guter medizinischer Betreuung nicht jeder Ausgang beeinflussbar ist. Schwangerschaft und Geburt bleiben natürliche Prozesse, in denen sich Fürsorge und Wissen mit Momenten verbinden, die sich menschlicher Kontrolle entziehen.

Statt von einer «50 prozentigen Risikoreduktion» zu sprechen, ist es hilfreicher zu erklären, dass sich ein Risiko zum Beispiel von etwa 4 von 1000 Geburten auf 2 von 1000 Geburten verringert.

Prozentangaben richtig einordnen

Für werdende Eltern klingen relative Prozentangaben wie «Diese Massnahme halbiert das Risiko» oder «Ohne eine Einleitung verdoppelt sich das Risiko, dass Ihr Kind sterben könnte» besonders eindrücklich. Solche Aussagen sagen jedoch wenig darüber aus, wie gross das Risiko tatsächlich ist. In der Geburtshilfe handelt es sich dabei zudem meist um sehr kleine Zahlen. Verständlicher ist deshalb eine absolute Beschreibung mit konkreten Häufigkeiten. Statt von einer «50‑prozentigen Risikoreduktion» zu sprechen, ist es hilfreicher zu erklären, dass sich ein Risiko zum Beispiel von etwa 4 von 1 000 Geburten auf 2 von 1 000 Geburten verringert. Erst diese Einordnung macht deutlich, wie selten (oder häufig) ein Ereignis tatsächlich vorkommt und ermöglicht es Eltern, Nutzen und Tragweite einer Massnahme realistisch und ohne unnötige Angst einzuordnen.

Praxis: Zahlen als Ratgeber für Entscheidungen

Manche Situationen können Eltern in der Schwangerschaft besonders verunsichern. Zum Beispiel wenn der errechnete Geburtstermin überschritten ist oder wenn bei Untersuchungen etwas festgestellt wird, das medizinisch relevant sein könnte. Gute Aufklärung zeichnet sich dann dadurch aus, dass sie klar erklärt, was dahintersteckt, wie gross ein Risiko wirklich ist und welche Handlungsmöglichkeiten es gibt.

Beispiel: Wenn das Baby auf sich warten lässt

Viele Eltern erleben es: Der errechnete Geburtstermin kommt, und das Baby bleibt noch im Bauch. Zunächst ist wichtig zu wissen: Eine Geburt nach dem errechneten Termin ist häufig. In der Schweiz betrifft sie etwa 40 von 100 Schwangerschaften. Allein das Überschreiten des errechneten Termins ist also noch kein Krankheitszeichen.

Mit zunehmender Verlängerung der Schwangerschaft kann die Plazenta, die das Baby versorgt, mit der Zeit weniger leistungsfähig werden. Das betrifft nur einen kleinen Teil der Schwangerschaften, kann aber schwerwiegende Folgen haben. Eine verständliche Aufklärung über den natürlichen Alterungsprozess der Plazenta macht genau das sichtbar, indem sie Zahlen schrittweise und gut vergleichbar erklärt.

  • Um die 37. Schwangerschaftswoche (36 0/7 – 36 6/7 SSW) ist etwa 1 von 1 000 Kindern von einer Totgeburt betroffen;
  • Rund um den errechneten Termin (40 0/7) sind es etwa 1,5 von 1 000 Kindern;
  • Nach der 42. Schwangerschaftswoche (ab 41 6/7 SSW) etwa 2 von 1000 Kindern;
  • Nach der 43. Schwangerschaftswoche (ab 42 6/7 SSW) erhöht sich das Risiko auf bis zu 11,5 von 1 000 Kindern.

Diese Zahlen für die Kindersterblichkeit zeigen zwei Dinge: Das Risiko steigt mit der Dauer der Schwangerschaft langsam an und insgesamt ist das Risiko sehr klein.

Gute Aufklärung spricht deshalb nicht nur über Risiken, sondern ordnet sie ein: Die Mehrheit der Babys wird auch nach dem Termin gesund geboren. Kontrollen (CTG, Ultraschall, Fruchtwasserbeurteilung) dienen dazu, Anzeichen einer alternden Plazenta früh zu erkennen. Eine Geburtseinleitung kann das Risiko weiter senken, ist aber eine Empfehlung, keine Verpflichtung. Zudem garantiert eine Einleitung keine komplikationsfreie Geburt. So verstehen Eltern, warum eine Einleitung vorgeschlagen wird, ohne das Gefühl zu haben, sich «richtig» entscheiden zu müssen.

Beispiel: Wenn die Mutter Streptokokken-B-Trägerin ist

Der Befund Streptokokken B kann für Eltern zunächst beängstigend klingen. Streptokokken sind Bakterien, die bei vielen Frauen ganz natürlich im Vaginalbereich vorkommen und für die Schwangere selbst in der Regel harmlos sind. Für Neugeborene können sie jedoch in seltenen Fällen zu schweren Infektionen führen.

Eine gute Aufklärung beginnt mit der Einordnung:

  • Nicht jede Frau hat Streptokokken B;
  • Nicht jedes Kind einer betroffenen Mutter erkrankt;
  • Und selbst ohne Behandlung tritt eine Infektion selten auf.
  • Ohne Antibiotika während der Geburt erkranken etwa 6 von 1 000 Neugeborenen an einer Streptokokken‑B-Infektion;
  • Erhält die Mutter mindestens vier Stunden vor der Geburt Antibiotika, sinkt dieses Risiko auf etwa 0,2 von 1 000 Kindern.

Erst durch diese Gegenüberstellung wird deutlich, dass das Risiko insgesamt niedrig ist und die vorbeugende Massnahme, das heisst die Gabe von Antibiotika vor der Geburt, das Risiko nochmals sehr stark senkt. Auch sensible Informationen werden bei guter Aufklärung nicht verschwiegen, sondern behutsam eingeordnet. So wird erklärt, dass von den wenigen Kindern, die erkranken, manche einen schweren Verlauf entwickeln. Gleichzeitig wird aufgezeigt, dass das Sterberisiko der Kinder durch die Antibiotikagabe während der Geburt um ein Vielfaches reduziert werden kann. Eltern können so nachvollziehen, warum ein Abstrich empfohlen wird und weshalb eine vorbeugende Behandlung mit Antibiotika während der Geburt sinnvoll sein kann.

Was können Zahlen bei guter Aufklärung?  

Die beiden Situationen oben veranschaulichen, worum es bei guter Aufklärung geht:

  • Zahlen werden konkret, vergleichbar und bezogen auf 1 000 Kinder genannt;
  • Risiken werden nicht dramatisiert, aber auch nicht beschönigt;
  • Eltern behalten ihre Entscheidungsfreiheit;
  • Empfehlungen werden begründet – nicht befohlen.

So entsteht Vertrauen. Zahlen können Zusammenhänge erklären, ersetzen aber nicht das Gespräch. Unsicherheit gehört zu Schwangerschaft und Geburt ganz selbstverständlich dazu. Ebenso darf Nachfragen jederzeit Platz haben. Gute Aufklärung lebt vom gemeinsamen Verstehen. Zahlen können dabei unterstützen, denn sie sind Werkzeuge zur Orientierung, keine Urteile über eine einzelne Schwangerschaft oder Familie. Fragen wie «Wie selten ist das wirklich?», «Was bedeutet das konkret für uns?» oder «Was würde man merken, wenn sich etwas verändert?» helfen vielen Eltern, Informationen besser einzuordnen und Sicherheit im eigenen Entscheidungsprozess zu gewinnen.

Literatur

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