Emotionaler Balanceakt: Hebammen bei Spätabbrüchen

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Emotionaler Balanceakt: Hebammen bei Spätabbrüchen
07.09.2026
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Autor*in(nen)

Bild von Larissa Ben,
Larissa Ben,
Hebamme BSc, tätig im Gebärsaal des Kantonsspitals Winterthur.
Bild von Lynn Küffer,
Lynn Küffer,
Hebammenstudentin im Bachelorstudiengang Hebamme (BSc) an der Berner Fachhochschule, aktuell im Zusatzmodul B.
Bild von Martina Rüegg,
Martina Rüegg,
Hebamme MSc, Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Leiterin der Gruppe Gesellschaft und Gesundheit im BSc-Studiengang Hebamme, Berner Fachhochschule.

Ein später Schwangerschaftsabbruch erfolgt häufig aufgrund fetaler Anomalien oder einer schweren mütterlichen psychischen Notlage. Neben der medizinischen Versorgung ist die  emotionale Begleitung betroffener Paare zentral – eine Aufgabe, die massgeblich von Hebammen getragen wird. Im Rahmen einer Bachelor-Thesis (Ben & Küffer, 2025) wurden fünf Hebammen zu ihren Erfahrungen mit späten Schwangerschaftsabbrüchen befragt. Die Ergebnisse liefern wertvolle Erkenntnisse für den Berufsalltag.

Text: Larissa Ben, Lynn Küffer, Martina Rüegg

In der Schweiz werden jährlich rund 10000 Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen; weniger als fünf Prozent erfolgen nach der 12. Schwangerschaftswoche, betreffen jedoch jedes Jahr mehrere Hundert Frauen (Bundesamt für Statistik, 2024). Es handelt sich dabei um späte Schwangerschaftsabbrüche. Aktuelle Entwicklungen deuten auf eine künftige Zunahme von Spätabbrüchen hin (SGGG, 2022), wobei der Fortschritt in der Pränataldiagnostik als zentraler Treiber gilt. Präzisere Untersuchungsmethoden ermöglichen die frühzeitige Erkennung fetaler Auffälligkeiten und erfordern von werdenden Eltern zunehmend komplexe Entscheidungen (Tanner, 2011).

Wenn die Begleitung belastet  

Hebammen sehen sich dementsprechend zunehmend mit der Begleitung später Schwangerschaftsabbrüche konfrontiert, die laut der Nationalen Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin [NEK] (2018) für Fachpersonen mit erheblichen emotionalen und ethischen Belastungen verbunden ist. Wiederholter moralischer Distress kann zu verminderter Pflegequalität, emotionaler Distanzierung gegenüber Klient*innen und geringerer beruflicher Zufriedenheit führen (Nathaniel, 2006; Pauly et al., 2012).

Um diesen Belastungen standzuhalten, sind sowohl individuelle Bewältigungsstrategien als auch unterstützende Arbeitsbedingungen unerlässlich. Im Rahmen einer Bachelor-Thesis (Ben & Küffer, 2025) wurden fünf Hebammen zu ihren Erfahrungen mit späten Schwangerschaftsabbrüchen befragt. Die semistrukturierten Interviews untersuchten ihr emotionales Erleben, ihren persönlichen Umgang mit diesen Situationen sowie Strategien, die eine professionelle und selbstwirksame Betreuung unterstützen.

Zwischen beruflichem Ethos und individueller Überzeugung

Für die befragten Hebammen bewegt sich die Begleitung eines späten Schwangerschaftsabbruchs im Spannungsfeld zwischen professionellem Auftrag und persönlicher Überzeugung. Die individuelle Haltung, die durch biografische Erfahrungen, Wertvorstellungen und das eigene Berufsverständnis geprägt ist, beeinflusst massgeblich, wie die Betreuung eines Spätabbruchs wahrgenommen und emotional verarbeitet wird.

Während einige der Befragten die elterliche Autonomie konsequent in den Mittelpunkt stellen, reflektieren andere den Entscheid zum Abbruch kritisch im Lichte eigener Wertvorstellungen. Das Spannungsfeld zeigt sich hier in der moralischen Gewichtung: Wird die Selbstbestimmung der Eltern absolut gesetzt, treten die Rechte des ungeborenen Kindes zwangsläufig in den Hintergrund (Vinggaard Christensen et al., 2013). Die Literatur zeigt, dass die Akzeptanz eines Spätabbruchs auch davon abhängt, in welchem Ausmass fetale Anomalien vorliegen und welche Lebensqualität dem Kind prognostiziert wird (Roets et al., 2021).

Herausforderungen in der Betreuung

Bei der hebammenspezifischen Betreuung eines späten Schwangerschaftsabbruchs ist der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung zu den betroffenen Paaren besonders wichtig. Die Interviews zeigen jedoch, dass der Beziehungsaufbau deutlich schwerer ist, wenn Paare emotional distanziert und schwer erreichbar sind. Bradfield et al. (2019) beschreiben das daraus resultierende Gefühl, der eigenen professionellen Rolle nicht gerecht zu werden, als besonders unbefriedigend. Hinzu kommt, wie die befragten Hebammen betonten, dass strukturelle Rahmenbedingungen diesem Anspruch entgegenstehen: Zeitdruck und parallele Betreuungssituationen führen zu einer weiteren Belastung für die Hebammen.

Emotionale Vielschichtigkeit

Die emotionale Dimension ist vielschichtig und reicht von unmittelbaren Reaktionen bis hin zu langfristigen Nachwirkungen. Hebammen berichten über Trauer, Angst, Mitgefühl, Hilflosigkeit, aber auch Schuldgefühle und Ärger. Obwohl Hebammen den Entscheid für einen Schwangerschaftsabbruch nicht selbst treffen und in der Regel nur am Rand in den Entscheidungsprozess eingebunden sind, kann die aktive Begleitung der Betroffenen ein subjektives Gefühl der Mitschuld hervorrufen. Eine Hebamme schildert dies wie folgt:

«Das ist oft sehr herausfordernd, da man als Fachperson das Gefühl hat, mitverantwortlich zu sein, wenn das Kind schliesslich verstirbt, insbesondere weil man die entsprechenden Medikamente verabreicht.»

Bemerkenswert ist jedoch, dass neben diesen belastenden Erfahrungen auch positive Aspekte beschrieben werden. Gerade in emotional hochbelasteten Situationen gewinnen solche Momente an Bedeutung und können zur professionellen Erfüllung beitragen. Laut Armour et al. (2021) erleben viele Hebammen es als sinnstiftend, das verstorbene Kind würdevoll zu umsorgen, Erinnerungsstücke zu schaffen und die Eltern beim Abschied zu begleiten. Eine Interviewteilnehmerin beschreibt dies so:

«Die Paare zeigen eine grosse Dankbarkeit, oft schon allein dafür, dass man da ist, sie kontinuierlich betreut und sich Zeit für sie nimmt. Das ist sehr schön. Viele von ihnen bleiben mir in Erinnerung, weil es etwas Besonderes war, sie auf diesem Weg begleiten zu dürfen.»

Bewältigungsstrategien und institutionelle Unterstützung

Angesichts der hohen emotionalen Anforderungen sind nach Aussage der befragten Hebammen funktionierende Bewältigungsstrategien essenziell, um die eigene psychische Gesundheit aufrechtzuerhalten. Besonders hoch gewertet wird der Austausch innerhalb des Hebammenteams, sei er informell oder auch im Rahmen einer Supervision oder Intervision.

Das Team stellt nicht nur beim Teilen des Erlebten eine Ressource dar, sondern auch bei der Verteilung  der Arbeitslast (Mauri et al., 2015). Durch eine teaminterne Rotation der Betreuung von Spätabbrüchen beispielsweise fällt die Belastung für Einzelpersonen geringer aus (Parker et al., 2014). Dies zeigt auch die Befragung: Eine Balance zwischen aufbauenden und belastenden Ereignissen kann die emotionale Belastung reduzieren.

«Dass ich nicht auf einer Station tätig bin, auf der man täglich mit solchen Situationen konfrontiert ist, sondern überwiegend auch schöne und glückliche Momente begleiten darf, hilft mir sehr. Dadurch gelingt es mir, immer wieder auch intensiv traurige Geschichten zu übernehmen.»

Ressourcen im Berufsalltag

Auch strukturelle Rahmenbedingungen sind entscheidend für das Gelingen: klare Leitlinien zur Trauerbegleitung, gezielte Weiterbildungsangebote und der Zugang zu psychologischer Unterstützung können Hebammen entlasten und ihre Handlungssicherheit stärken.

Auf individueller Ebene entwickeln viele der befragten Hebammen eigene Strategien, etwa durch eine bewusste Gestaltung der Freizeit oder den Rückzug in ruhige Ausgleichsräume. Gleichzeitig zeigt sich, dass die zunehmende Berufserfahrung eine wichtige Ressource darstellt, um einen konstruktiven Umgang mit emotional belastenden Situationen zu entwickeln.

«Für mich als Hebamme ist es ein Prozess, der sich über etwa 20 Jahre entwickelt hat. Zu Beginn war er stark von Unsicherheit und Angst geprägt, doch das hat sich im Laufe der Jahre deutlich gelegt.»

Perspektiven für die Praxis

Die Begleitung später Schwangerschaftsabbrüche ist eine hochkomplexe Betreuungssituation, die gefestigte fachliche Kompetenzen, Erfahrung sowie Raum für die Reflexion der eigenen Rolle und Betroffenheit erfordert. Neben besseren strukturellen Rahmenbedingungen, insbesondere weniger Zeitdruck sowie der Möglichkeit, eine Eins-zu-eins-Betreuung zu gewähren, wünschen sich Hebammen eine stärkere Einbindung in Aufklärungs- und Entscheidungsprozesse.

Durch ihre kontinuierliche Begleitung und die damit verbundene aktive Beteiligung könnte das subjektive Gefühl von Mitschuld reduziert werden. Zugleich kann eine frühzeitige Einbindung die emotionale Verarbeitung der erlebten Situation erleichtern, da die Hebammen den Entscheidungsprozess transparenter nachvollziehen und besser in ihre professionelle Rolle integrieren können. Darüber hinaus kann eine solche Einbindung die Qualität der Entscheidungsfindung verbessern und gleichzeitig die Kontinuität der Betreuung stärken.

Entwicklung spezialisierter Rollen

Als möglicher zukunftsweisender Ansatz, der auch der wiederholt genannten unzureichenden fachlichen Vorbereitung Rechnung trägt, wird daher die Entwicklung spezialisierter Rollen diskutiert. Dabei handelt es sich um Hebammen, die sich gezielt auf die Begleitung später Schwangerschaftsabbrüche ausrichten und in diesem Bereich vertiefte fachliche sowie psychosoziale Kompetenzen aufbauen. Eine solche Spezialisierung könnte sowohl das Hebammenteam entlasten als auch die Qualität der Betreuung verbessern und somit einen Mehrwert für die betroffenen Familien schaffen.


Literatur

  • Armour, S., Gilkison, A., & Hunter, M. (2021) Midwives holding the space for women undergoing termination of pregnancy: A qualitative inquiry. Women and Birth, 34(6); e616–e623. https://doi.org/10.1016/j.wombi.2020.12.008
  • Bradfield, Z., Hauck, Y., Duggan, R., & Kelly, M. (2019) Midwives’ perceptions of being ‘with woman’: A phenomenological study. BMC Pregnancy and Childbirth; 19(1), 363. https://doi.org/10.1186/s12884-019-2548-4
  • Bundesamt für Statistik (Hrsg.). (2024) Statistik des Schwangerschaftsabbruch.
  • Mauri, P. A., Ceriotti, E., Soldi, M., & Guerrini Contini, N. N. (2015) Italian midwives’ experiences of late termination of pregnancy. A phenomenological–hermeneutic study. Nursing & Health Sciences; 17(2), 243–249. https://doi.org/10.1111/nhs.12180
  • Nathaniel, A. K. (2006) Moral reckoning in nursing. Western Journal of Nursing Research; 28(4), 419–438. https://doi.org/10.1177/0193945905284727
  • Nationale Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin [NEK]. (2018) Zur Praxis des Abbruchs im späteren Verlauf der Schwangerschaft – Ethische Erwägungen und Empfehlungen (Nr. 30/2018). https://doi.org/10.4414/saez.2019.17681
  • Parker, A., Swanson, H., & Frunchak, V. (2014) Needs of labor and delivery nurses caring for women undergoing pregnancy termination. Journal of Obstetric, Gynecologic, & Neonatal Nursing; 43(4), 478–487. https://doi.org/10.1111/1552-6909.12475
  • Pauly, B. M., Varcoe, C., & Storch, J. (2012) Framing the issues: Moral distress in health care. HEC Forum, 24(1), 1–11. https://doi.org/10.1007/s10730-012-9176-y
  • Roets, E., Dierickx, S., Deliens, L., Chambaere, K., Dombrecht, L., Roelens, K., & Beernaert, K. (2021) Healthcare professionals’ attitudes towards termination of pregnancy at viable stage. Acta Obstetricia et Gynecologica Scandinavica, 100(1), 74–83. https://doi.org/10.1111/aogs.13967
  • Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe [SGGG]. (2022) Guideline: Empfehlung später Schwangerschaftsabbruch nach der 12. Woche. Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe.
  • Tanner, S. (2011) Ethische Problemstellungen bei pränataler Diagnostik und spätem Schwangerschaftsabbruch aus unterschiedlicher Indikation: Eine explorative Interviewstudie zur Wahrnehmung von Konfliktsituationen aus der Perspektive von Ärztinnen, Ärzten und Hebammen [Thesis, University of Basel]. https://doi.org/10.5451/unibas-006071516
  • Vinggaard Christensen, A., Christiansen, A. H., & Petersson, B. (2013) Faced with a dilemma: Danish midwives’ experiences with and attitudes towards late termination of pregnancy. Scandinavian Journal of Caring Sciences, 27(4), 913–920. https://doi.org/10.1111/scs.12004

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