Stillförderung als Public-Health-Strategie – eine gesellschaftliche Verantwortung

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Stillförderung als Public-Health-Strategie – eine gesellschaftliche Verantwortung
07.07.2026
Bildquellen: SHV / Antje Kroll-Witzer

Autor*in(nen)

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Esther Grosjean
Redaktorin «Obstetrica»

Wo steht die Schweiz bei der Stillförderung? Diese Frage stellte Anja Hurni, Hebamme MSc und Still- und Laktationsberaterin IBCLC, am Schweizerischen Hebammenkongress im Block «Public Health and Midwifery». Ihre Antwort: Es gibt Fortschritte – und Lücken, die sich nicht allein mit individueller Beratung schliessen lassen. Ein Überblick.

Stillförderung endet nicht bei der Beratung von Mutter und Kind. Wer Stillraten verbessern will, muss auf Versorgung, Gesetzgebung, Arbeitswelt, Bildung, Finanzierung, Forschung, Werbung und politischen Willen blicken.

Genau dort wird Stillen zur Public-Health-Frage: Nicht nur individuelles Verhalten entscheidet, sondern die Bedingungen, unter denen Frauen stillen können oder daran gehindert werden. Aus Stillförderung wird damit eine strukturelle Aufgabe: Welche Rahmenbedingungen ermöglichen Stillen, welche erschweren es?

Stillen ist auch Strukturpolitik


Mit der Diskussion zu den Rahmenbedingungen rückt auch die Frage in den Vordergrund, wer die Verantwortung für die Stillraten in Familien trägt. Für erfolgreiches Stillen reicht es nicht nur aus, dass eine Mutter gut beraten und motiviert ist. Ob über eine längere Zeit erfolgreich gestillt werden kann, hängt auch von den vorhandenen Rahmenbedingungen ab. Dazu gehören gesetzliche Grundlagen, leicht zugängliche Fachberatung, Schutz vor kommerziellen Interessen, stillfreundliche Arbeitsplätze und Strategien, die ineinandergreifen.

Public Health versus medizinischer (individueller) Ansatz
Nach Anja Hurni, Schweizerischer Hebammenkongress

Daten zeigen: Es wird länger gestillt


Neu hinzu kommen die Daten der Swiss Infant Feeding Study 2024. Im Vergleich zu 2014 zeigen sie eine erfreuliche Entwicklung: Säuglinge wurden 2024 länger gestillt. Der Stillbeginn liegt bei 97 Prozent. Doch die Zahlen zeigen auch, wo es brüchig wird. So hängt frühes Abstillen unter anderem mit zu wenig Milch oder Erschöpfung zusammen, aber auch mit dem Arbeitsbeginn.

Berufstätige Frauen stillen im Median bis 17,4 Wochen, nicht berufstätige bis 21,8 Wochen voll. Spätestens hier wird der Wiedereinstieg in den Beruf zu einem Public-Health-Thema und der Arbeitsplatz zu einem Prüfstein dafür, wie ernst Stillförderung genommen wird.

Nur 56,3 Prozent der Befragten hatten Zugang zu einem geeigneten Raum zum Stillen am Arbeitsplatz.

20 Prozent der Befragten empfanden es als unangenehm, am Arbeitsplatz zu stillen oder abzupumpen. Die Gründe dafür liegen auf der Hand, denn nur 56,3 Prozent hatten Zugang zu einem geeigneten Raum. Umgekehrt berichteten 84 Prozent von einer Möglichkeit, abgepumpte Milch zu kühlen.

Wer sich unbehaglich fühlt, keinen Raum zur Verfügung hat oder nicht weiss, wo die Milch gekühlt werden kann, stillt mit erhöhter Wahrscheinlichkeit früher ab. Es geht bei der Stillförderung also auch darum, dass Mütter ihre Rechte kennen, Arbeitgeber früh einbezogen werden und Frauen darin gestärkt werden, ihre Ansprüche einzufordern.

Strategien in der Schweiz und im Ausland

Ein strategisch wichtiger Schritt ist das Projekt «Becoming Breastfeeding Friendly Schweiz». Es untersucht zentrale Felder der Stillförderung: Zielsetzung und Koordination, Finanzierung, Gesetzgebung, Interessensvertretung, Werbung, Bildung, Forschung und Evaluation sowie politischer Willen. Ziel ist es, Massnahmen zur Stillförderung in der Schweiz zu entwickeln. Die Ergebnisse sollen Anfang Juli 2026 publiziert werden. Damit könnte die Schweiz eine fundierte Grundlage erhalten, um Stillförderung systematischer und verbindlicher zu gestalten.

In Deutschland orientiert sich die neue S3-Leitlinie zur Stilldauer stärker an der Weltgesundheitsorganisation: Reifgeborene Kinder sollten bis zum vollendeten sechsten Lebensmonat ausschliesslich oder überwiegend gestillt werden; die Gesamtstilldauer soll mindestens zwölf Monate betragen. Für die Schweiz stellt sich damit die Frage, ob die bisherigen Empfehlungen und ihre Umsetzung noch ausreichen oder ob es ebenfalls klarere Botschaften und stärkere Rahmenbedingungen braucht.

Hebammen als Public-Health-Akteurinnen

Die praktische Konsequenz lässt sich knapp fassen: Hebammen brauchen aktuelles Fachwissen, müssen eigene Grenzen kennen, bei Bedarf triagieren, Still- und Laktationsberater*innen einbeziehen und Anschlussbetreuung sichern. «Empowering midwives – empowering women» bringt den Zusammenhang auf den Punkt: Gut gestärkte Hebammen stärken Frauen – und tragen damit nicht nur zur individuellen Stillbeziehung bei, sondern zu einer Public-Health-Strategie, die Stillen ermöglicht statt bloss empfiehlt.

Literatur

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