Prävention: Resilienz und Supervision in der Hebammenarbeit

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Prävention: Resilienz und Supervision in der Hebammenarbeit
02.12.2025
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Dr. phil. Kathrin Degen,
eidg. anerkannte Psychotherapeutin und Supervisorin. Therapeutische Leitung Gynäkopsychiatrie Thurgau, Kreuzlingen. Schwerpunkte: Peripartale Psychotherapie und psychische Frauengesundheit.

Hebammenarbeit ist sinnstiftend, aber auch psychisch fordernd. Chronischer Stress, emotionale Nähe und strukturelle Engpässe können zu Erschöpfung führen. Aus psychologischer Sicht wirken Resilienz und regelmässige Supervision präventiv: Sie fördern Selbstwirksamkeit, Emotionsregulation und Teamkohärenz. Entscheidende Faktoren, um Hebammen langfristig im Beruf zu halten.

Der Hebammenberuf vereint fachliche Verantwortung, emotionale Präsenz und hohen Zeitdruck. Viele Hebammen berichten von Erschöpfung, Frustration oder dem Gefühl, nicht so arbeiten zu können, wie sie es sich wünschen. Neben organisatorischen Hürden wie Schichtdienst, Personalmangel und ökonomischem Druck belasten vor allem die emotionalen Anforderungen: das Miterleben schwieriger Geburten, die Begleitung von Leid und der Anspruch, empathisch und zugleich professionell zu bleiben.

Psychologisch lassen sich diese Belastungen in drei zentrale Bereiche einordnen, wie sie auch in der Forschung zu Gesundheitsberufen beschrieben werden:

  • chronischen Arbeitsstress, mit dem Risiko für ein Burnout (Suleiman-Martos et al., 2020);
  • sekundäre Traumatisierung durch die Mitbetroffenheit an den Erfahrungen anderer;
  • moralische Belastungen, die entstehen, wenn eigene Werte im Berufsalltag nicht verwirklicht werden können (Kendall-Tackett et al., 2022).

Wenn solche Belastungen über längere Zeit anhalten und keine ausreichenden Möglichkeiten zur Erholung oder Reflexion vorhanden sind, kann daraus ein Zustand chronischer Erschöpfung entstehen, der als Burn-out bezeichnet wird. Aus arbeitspsychologischer Sicht wird Burn-out nicht als individuelle Schwäche, sondern als Reaktion auf dauerhaft überfordernde Arbeitsbedingungen verstanden, die ein Ungleichgewicht zwischen äusseren Anforderungen und inneren Ressourcen hervorrufen (Maslach & Leiter, 2016). Prävention sollte daher nicht nur auf individuelle Belastbarkeit zielen, sondern auf eine bessere Balance zwischen Anforderungen, Ressourcen und Möglichkeiten zur Reflexion.

Resilienz als psychologischer Schutzfaktor

Resilienz beschreibt die Fähigkeit, mit Belastungen flexibel umzugehen und sich nach Krisen psychisch zu erholen. Sie ist kein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal, sondern ein dynamischer Prozess, der sich über die Zeit entwickeln und gezielt fördern lässt.
Nach aktuellen theoretischen Modellen wird Resilienz als Zusammenspiel individueller, sozialer und situativer Faktoren verstanden, das eine erfolgreiche Anpassung an belastende Umstände ermöglicht (Vella & Pai, 2019). Zentrale psychologische Mechanismen sind Emotionsregulation, kognitive Neubewertung und soziale Unterstützung. Emotionsregulation bezeichnet die Fähigkeit, eigene Gefühle wahrzunehmen und so zu steuern, dass man auch in belastenden Situationen handlungsfähig bleibt. Kognitive Neubewertung beschreibt den Prozess, schwierige Erfahrungen oder Rückschläge neu zu interpretieren und ihnen eine andere Bedeutung zu geben, etwa indem man sie als Lernmoment statt als persönliches Versagen betrachtet. Diese Prozesse fördern die Fähigkeit, Belastungen einzuordnen und innerlich stabil zu bleiben. Programme, die gezielt auf diese Mechanismen abzielen, erhöhen nachweislich die psychische Widerstandsfähigkeit und sind mit einer Reduktion von Stress und Burnout assoziiert (Liu et al., 2025; Anger et al., 2024).
Für Fachpersonen im Gesundheitswesen ist zudem Selbstmitgefühl von besonderer Bedeutung. Es beschreibt eine achtsame, wohlwollende Haltung gegenüber sich selbst und wirkt als Schutzfaktor gegenüber beruflichem Stress, Mitgefühlsmüdigkeit und Burnout (Crego et al., 2022).

Präventive Wirkung von Supervision

Supervision bietet einen strukturierten und geschützten Rahmen, um berufliche Erfahrungen zu reflektieren und emotional zu verarbeiten. In der Hebammenarbeit schafft sie die Möglichkeit, Unsicherheiten, Belastungen und schwierige Situationen in Worte zu fassen. Ziel ist weniger die unmittelbare Problemlösung als vielmehr das Verstehen und Integrieren des Erlebten. Diese Form der Reflexion wirkt psychisch stabilisierend und beugt langfristiger Überforderung vor.
Psychologisch betrachtet unterstützt Supervision metakognitive Prozesse: Belastende Erfahrungen werden benannt, wodurch emotionale Distanz und neue Perspektiven entstehen. Sie ermöglicht emotionale Entlastung durch das Teilen von Erfahrungen, stärkt die Selbstwirksamkeit, indem sie Handlungsspielräume sichtbar macht, und fördert durch regelmässige gemeinsame Reflexion Teamkohärenz und soziale Unterstützung – zentrale Schutzfaktoren gegen Stress und Burnout.

Empirische Befunde belegen diese Effekte: Eine systematische Übersichtsarbeit zeigt, dass klinische Supervision mit geringerer Burnout-Symptomatik und höherer Arbeitszufriedenheit verbunden ist (Martin et al., 2021). Erste Ergebnisse einer aktuellen Studie deuten darauf hin, dass kontinuierliche Gruppensupervision dazu beitragen kann, Erschöpfung und berufsbezogenen Stress bei Hebammen zu reduzieren (Catling & Kasaye, 2025).

Entscheidend dafür ist die Qualität. Supervision entfaltet ihre Wirkung nur, wenn sie regelmässig, frei von Bewertung und fachlich geleitet stattfindet. Wird sie zur Pflichtübung oder ohne psychologischen Fokus umgesetzt, verliert sie ihren präventiven Charakter.

Sekundäre Traumatisierung und moralische Belastung

Das Miterleben schwieriger oder traumatischer Geburten kann bei Hebammen zu sekundärem traumatischem Stress führen.  Dabei handelt es sich um eine Form indirekter Traumatisierung, die entsteht, wenn Fachpersonen die Erfahrungen anderer emotional miterleben (Kendall-Tackett et al., 2022). Typische Symptome sind intrusive Erinnerungen, Schlafstörungen, emotionale Erschöpfung oder der Rückzug aus der Arbeit. Diese Reaktionen sind nachvollziehbar und zeigen, dass Empathie in helfenden Berufen nicht nur eine Ressource, sondern auch eine Quelle von Verletzlichkeit sein kann.

Auch moralische Belastungen können psychisch nachwirken, etwa wenn Fachpersonen erleben, dass sie trotz bester Absicht nicht so handeln können, wie es ihren ethischen Überzeugungen entspricht. Solche Situationen können Gefühle von Schuld, Scham oder moralischer Verletzung auslösen und langfristig zu Rückzug oder Zynismus führen.

Supervision bietet hier einen zentralen Schutzraum. Sie unterstützt dabei, zwischen persönlicher Verantwortung und strukturellen Grenzen zu unterscheiden und Schuldgefühle zu relativieren. Durch die gemeinsame Reflexion belastender Erfahrungen unterstützt Supervision eine traumasensible Haltung, in der Emotionen wahrgenommen und eingeordnet werden können, ohne das Gegenüber oder einen selbst zu überfordern. Damit trägt sie wesentlich dazu bei, sekundäre Traumatisierung, Mitgefühlserschöpfung und moralische Verletzungen vorzubeugen.

Prävention als gemeinsame Aufgabe

Resilienzförderung und Supervision sind keine Gegensätze, sondern sich ergänzende Ansätze. Resilienz stärkt die individuelle Fähigkeit zur Selbstregulation, Supervision schafft die Rahmenbedingungen, damit diese Fähigkeiten langfristig erhalten bleiben.
Individuelle Strategien wie kurze Achtsamkeitsübungen, Selbstreflexion nach belastenden Ereignissen oder kollegiale Gespräche können helfen, Spannungen zu regulieren. Nachhaltige Prävention erfordert jedoch auch strukturelle Unterstützung. Dazu gehören feste Supervisionsangebote, ausreichende zeitliche Ressourcen und eine offene Kommunikations- und Fehlerkultur. Führungspersonen tragen eine zentrale Verantwortung, psychische Gesundheit sichtbar zu priorisieren und vorzuleben.

Wenn Resilienz und Supervision systematisch gefördert werden, entsteht eine professionelle Kultur, in der Belastungen nicht verdrängt, sondern reflektiert werden. Das ist die Grundlage, um Hebammen im Beruf zu halten: nicht durch mehr Belastbarkeit, sondern durch mehr psychologische Achtsamkeit und gemeinsames Verantwortungsbewusstsein.

Hinweis

WHO-Definition von Burn-out (ICD-11)

Burn-out ist ein berufsbezogenes Phänomen, das «aus chronischem Stress am Arbeitsplatz resultiert, der nicht erfolgreich bewältigt wurde». Es äussert sich in emotionaler Erschöpfung, innerer Distanz oder Zynismus sowie reduzierter beruflicher Leistungsfähigkeit (World Health Organization [WHO], 2019).


Literatur

Anger, W. K., Patterson, L., Ornelas, I. J., Hargreaves, M., Rohlman, D. S. & Punnett, L. (2024) Addressing health care workers’ mental health: A systematic review.American Journal of Public Health. https://doi.org/10.2105/AJPH.2023.307556
Catling, C. & Kasaye, H. (2025) Sustained Group Clinical Supervision for midwives reduces burnout. Women and Birth; 38, 102001. https://doi.org/10.1016/j.wombi.2025.102001
Crego, A., Yela, J. R., Riesco-Matías, P., Gómez-Martínez, M. Á. & Vicente-Arruebarrena, A. (2022) The benefits of self-compassion in mental health professionals: A systematic review of empirical research.Psychology Research and Behavior Management; 15; 2599–2620. https://doi.org/10.2147/PRBM.S359382
Kendall-Tackett, K. A. & Beck, C. T. (2022) Secondary traumatic stress and moral injury in maternity care providers: A narrative and exploratory review. Frontiers in Global Women’s Health; 3, 835811.
https://doi.org/10.3389/fgwh.2022.835811
Liu, M., Zhang, Y., Wang, Y., Li, J., Zhou, Y. & Chen, X. (2025) Comparative efficacy and acceptability of resilience-focused interventions for nurses: A network meta-analysis.BMC Nursing; 24, 30. https://doi.org/10.1186/s12912-025-03090-0
Martin, P., Kumar, S., Lizarondo, L. & Aromataris, E. (2021) The impact of clinical supervision on healthcare organisational outcomes: A systematic review and meta-analysis. PLOS ONE; 16(10), e0260156. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0260156
Maslach, C. & Leiter, M. P. (2016) Understanding the burnout experience: Recent research and its implications for psychiatry. World Psychiatry; 15(2), 103–111. https://doi.org/10.1002/wps.20311
Suleiman-Martos, N., Gómez-Urquiza, J. L., Aguayo-Estremera, R., Cañadas-De la Fuente, G. A. & De la Fuente-Solana, E. I. (2020) Prevalence and predictors of burnout in midwives: A systematic review and meta-analysis. International Journal of Environmental Research and Public Health; 17(2), 641. https://doi.org/10.3390/ijerph17020641
Vella, S.-L. & Pai, N. (2019) A theoretical review of psychological resilience: Defining resilience and resilience research over the decades. Archives of Medicine and Health Sciences; 7(2), 233–239. https://doi.org/10.4103/amhs.amhs_119_19

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