Kaiserschnitt in der Schweiz: Medizin, Gesellschaft und Bedürfnisse der Familien

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Kaiserschnitt in der Schweiz: Medizin, Gesellschaft und Bedürfnisse der Familien
09.03.2026
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Autor*in(nen)

Bild von Jeanne Rey,
Jeanne Rey,
Redaktorin «Obstetrica»

Dr. Manon Vouga ist Leiterin des Gebärsaals der Maternité am Centre Hospitalier Universitaire Vaudois.
Im Gespräch mit der «Obstetrica» erläutert sie die Faktoren, die die Kaiserschnittraten beeinflussen, sowie die Hebel, die heute erforscht werden, um diese zu senken. Sie gibt einen Überblick über die wichtigsten Veränderungen in der Praxis der letzten Jahre, mit dem Ziel, die Erfahrungen sowie die Bedürfnisse
von Frauen und Familien besser zu berücksichtigen
.

Interview: Jeanne Rey

«Obstetrica»: Wie haben sich die Kaiserschnittraten in der Schweiz in den letzten Jahren entwickelt?

Manon Vouga: Seit die Durchführung des Kaiserschnitts sicher ist, das heisst seit den 1950er-Jahren, sind die Raten sehr deutlich angestiegen – glücklicherweise, da diese Massnahme viele Leben rettet. Dennoch wirft dieser massive Anstieg Fragen auf; seit 10 bis 15 Jahren gibt es entsprechende Warnsignale, so etwa durch eine Lancet-Serie zu diesem Thema, in der in einem Editorial von einer «Kaiserschnitt-Epidemie» die Rede war und in der ziemlich eindrückliche Prognosen präsentiert wurden. Weltweit stabilisieren sich die Raten bei rund 30 Prozent, in der Schweiz ebenfalls, allerdings mit erheblichen kantonalen Unterschieden (siehe Kästchen unten). In Zürich liegen die Raten beispielsweise eher bei rund 40 Prozent, am Centre Hospitalier Universitaire Vaudois (CHUV) bei 23 Prozent; an den Hôpitaux Universitaires de Genève ist die Rate mit 21,6 Prozent in etwa vergleichbar.

Wie lässt sich eine derart grosse Diskrepanz zwischen der Deutschschweiz und der Romandie erklären?

Ich selbst habe nie in der Deutschschweiz gearbeitet, doch aufgrund der Zahlen und dessen, was man von Kolleginnen und Kollegen hört, kann man durchaus von einem kulturellen Unterschied im geburtshilflichen Ansatz sprechen. In der Romandie verfolgen wir einen sehr «französisch» geprägten Ansatz mit einer geburtshilflich-manuellen Praxis: Das Spektrum der Entbindungen ist viel breiter, als oft angenommen wird. Von der physiologischen Geburt ohne medizinische Interventionen bis hin zum Kaiserschnitt gibt es zahlreiche Manöver, die eine vaginale Entbindung ermöglichen. Mir scheint, dass sich die geburtshilfliche Kultur in der Deutschschweiz deutlich unterscheidet, wo die Mehrheit der Geburtshelfer*innen beispielsweise einen Kaiserschnitt der Forceps-Entbindung vorzieht, da sie der Meinung sind, dass der Forceps riskanter sei. Während in der Romandie die Anwendung der Geburtszange gängige Praxis ist, gewährleisten geschulte Fachkräfte die Sicherheit. Dies hängt auch damit zusammen, wie es den Patientinnen präsentiert wird. Je nachdem, wie ihnen die Realitäten und Auswirkungen der jeweiligen Entscheidung erklärt werden, können sie dazu gebracht werden, sich eher für einen Kaiserschnitt zu entscheiden, was ebenfalls zu einer bestimmten Kultur des Kaiserschnitts beiträgt.

Gab es auf welscher Seite den Willen, die Kaiserschnittraten aktiv zu senken, und wenn ja, welche Faktoren spielen dabei eine Rolle?

Ja, ganz klar. Die Weltgesundheitsorganisation stellt fest, dass Kaiserschnittraten über 15 Prozent weder die mütterliche Morbidität noch die Mortalität senken. Allerdings lässt sich nicht sagen, ob eine bestimmte Kaiserschnittrate richtig oder falsch ist: Man muss sehr darauf achten, diese Rate nicht als einzigen Indikator für den Erfolg einer Geburtshilfe zu betrachten. Um die Praktiken zu hinterfragen, ist nicht so sehr die Bruttozahl interessant, sondern vielmehr die Verwendung von Indikatoren wie denen aus der Robson-Klassifikation (Erklärung, siehe Kästchen weiter unten), mit denen bewertet werden kann, in welcher Patientinnengruppe ein Kaiserschnitt durchgeführt wird – und nicht in einer anderen. Wenn man versteht, bei welchen Frauen Kaiserschnitte durchgeführt werden und warum, kann man die Indikationen kritisch hinterfragen.

Ein weiterer zu berücksichtigender Faktor ist der gesellschaftliche Kontext und die Art, wie die Gesellschaft die Geburt wahrnimmt. Manchmal wird ein Kaiserschnitt gewünscht, was Teil einer allgemeinen gesellschaftlichen Sichtweise auf die Geburt ist und meiner Meinung nach ebenfalls respektiert werden muss. In der Schweiz muss ein Mentalitätswandel stattfinden, der Zeit brauchen wird. In Besançon in Frankreich beispielsweise, wo ich gearbeitet habe – keine 200 km von uns entfernt –, ist die Beckenendlagengeburt normal. In der Schweiz hören wir hingegen noch häufig von Patientinnen: «Mein Gynäkologe hat mir gesagt, mein Kind würde ersticken, wenn ich aus der Beckenendlage entbinde.» Es ist schwierig, Denkweisen zu verändern und Praktiken wieder einzuführen, die lange Zeit vernachlässigt wurden. Das ist eine komplexe Frage. Ich positioniere mich weder «für» noch «gegen» den Kaiserschnitt: Mein Ziel ist es, dass die Patientinnen ihre Entbindung unter guten Bedingungen erleben und dass diese vor allem sicher ist – sowohl für die betreffende Geburt als auch für eine mögliche zukünftige Schwangerschaft. Dies erfordert einen ganzheitlichen Ansatz und umfassende Informationen.

Wie kann eine Praxis wie die vaginale Beckenendlagengeburt konkret wieder eingeführt werden?

Die Beckenendlagengeburt, die seit den 2000er-Jahren infolge einer Lancet-Studie, in der systematische Kaiserschnitte empfohlen wurden, fast vollständig eingestellt worden war, wurde von unserem Team im CHUV wieder eingeführt. Für die sichere Beckenendlagengeburt ist eine spezielle Ausbildung erforderlich, um mit möglichen Komplikationen umgehen zu können. Ich bin eigens dafür an ein anderes Zentrum gegangen, um mich gezielt darin weiterzubilden. Inzwischen sind wir am CHUV drei Ärztinnen und Ärzte, die vaginale Beckenendlagengeburten durchführen. Dies erfordert eine hohe Verfügbarkeit, um die Sicherheit der Patientinnen zu gewährleisten und gleichzeitig die Ausbildung der Teams zu ermöglichen.

Gleichzeitig erlaubt uns dies, Assistenzärztinnen und -ärzte auszubilden. Derzeit haben wir etwa eine vaginale Beckenendlagengeburt pro Woche. Das ist sehr positiv, reicht aber noch nicht ganz aus, um ein ganzes Team routiniert auszubilden. Das braucht Zeit, denn um wirklich sicher zu werden, müsste man rund vierzig solcher Geburten begleitet haben. Ich bin jedoch überzeugt, dass diese Praxis langfristig wieder häufiger werden wird – zumal Frauen, die eine Beckenendlagengeburt erlebt haben, von ihrer Zufriedenheit berichten. Dies könnte einen «Schneeball-Effekt» auslösen und dazu beitragen, diese Praxis auch aus Sicht der Familien stärker zu etablieren.
Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass wir zwar unsere Tätigkeit im Bereich der Steisslagengeburten ausgeweitet haben, aber 30 bis 50 vermiedene Kaiserschnitte die Gesamtzahl der Kaiserschnitte nicht verändern. Nur drei bis fünf Prozent der voll ausgetragenen Kinder liegen in Steisslage. Man kann also durchaus eine kritische Haltung einnehmen und Massnahmen zur Senkung der Kaiserschnittrate ergreifen, ohne in der Steissgeburt ausgebildet zu sein.

Welche weiteren Faktoren begünstigen eine Senkung der Kaiserschnittraten?

Wo wir viel bewirken können, ist bei wiederholten Kaiserschnitten, das heisst bei der Durchführung eines erneuten Kaiserschnitts bei einer Patientin, die bereits einen Kaiserschnitt hatte (sogenannte Narbengebärmutter). Diese Patientinnengruppe (Gruppe 5 gemäss der Robson-Klassifikation) trägt am meisten zur Gesamtkaiserschnittrate bei. Die Robson-Klassifikation ist zwar nicht perfekt, ermöglicht jedoch eine standardisierte und aussagekräftige Analyse der Praktiken, indem die Indikationen gruppenweise verglichen werden.
Im CHUV fällt die Mehrheit der Kaiserschnitte in diese Gruppe – nicht aufgrund mangelnder Kompetenz zur Begleitung einer vaginalen Entbindung nach einem Kaiserschnitt, deren Erfolgsquote bei 70 bis 80 Prozent liegt, sondern weil viele Patientinnen dies nicht wünschen, oft aufgrund früherer schwieriger Erfahrungen. Dies unterstreicht die Bedeutung einer angemessenen Aufklärung und Begleitung.

Geht eine Senkung der Kaiserschnittraten nicht auf Kosten von mehr Dammverletzungen oder Komplikationen für das Kind?

Nein, und das ist gut belegt. Eine Studie, an der ich mitgearbeitet habe, wurde kürzlich von meinen Kolleginnen und Kollegen in Besançon veröffentlicht. In diesem Team liegen die Kaiserschnittraten seit sieben Jahren unter 15 Prozent. Ein so niedriger Satz wird oft wegen seiner potenziellen Gefahr kritisiert. Tatsächlich zeigt die Studie jedoch, dass die Outcomes sehr stabil sind und den in der Literatur beschriebenen Ergebnissen vollständig entsprechen. Es gibt weder mehr neonatale Komplikationen noch mehr postpartale Blutungen noch mehr perineale Verletzungen, insbesondere keine Zunahme komplexer Dammrisse dritten oder vierten Grades.
Dies erfordert jedoch eine umfassende Schulung der Teams und eine sehr gute Ausbildung in Geburtshilfe. Es steht fest, dass man ohne entsprechende Ausbildung keine Forcepsgeburten durchführen sollte, da sonst die Gefahr von Verletzungen des Damms oder des Neugeborenen besteht. Man hört, dass Geburtshelfer*innen heute besser für Kaiserschnitte ausgebildet sind als für vaginale Entbindungen; das ist ein berechtigter Kritikpunkt.

Welche Einstellungen müssen verändert werden, um die Kaiserschnittraten zu verbessern?

Wie bereits erwähnt, darf man den Einfluss der Gesellschaft nicht vergessen. Es ist sehr erstaunlich, dass in einigen Ländern, beispielsweise in Südamerika, die Kaiserschnittgeburt zur Normalität geworden ist, dabei handelt es sich nach wie vor um einen grösseren abdominalen Eingriff. Dass dies von Frauen eher akzeptiert wird als eine instrumentelle Entbindung, beispielsweise mit einer Saugglocke oder einem Forceps, zeugt von einer schlechten Aufklärung und einer falschen Vorstellung von der Geburt. Eine Entbindung mit dem Forceps ist nicht unbedingt schrecklich und führt nicht zwangsläufig zu einem Dammriss dritten Grades – im Gegenteil, in den allermeisten Fällen treten keine geburtshilflichen Komplikationen auf und die Erholung verläuft schneller. Ich glaube, dass es unklare Vorstellungen über die Risiken und Vorteile aller geburtshilflichen Eingriffe gibt.

Generell habe ich den Eindruck, dass werdende Mütter – und das wird auch in den sozialen Netzwerken stark propagiert – entweder denken: «Ich bringe mein Kind ganz alleine zur Welt» – oder sogar «Ich bringe mein Kind ohne Hebamme oder anderes medizinisches Personal bei mir zu Hause zur Welt und es gibt keine Probleme» – oder aber: «Ich möchte einen geplanten Kaiserschnitt.» Aber alles dazwischen, die Realitäten der Geburt, werden in den Medien kaum thematisiert. Es herrscht Unklarheit, und ich denke, dass wirklich etwas getan werden muss, um den Diskurs über die Geburt an sich zu verändern: Was bedeutet es, ein Kind zur Welt zu bringen? Und was beinhaltet das?
Es ist anzumerken, dass dies in beide Richtungen geht: Für manche Frauen ist ein Kaiserschnitt ein Misserfolg und gibt ihnen das Gefühl, kein Leben geschenkt zu haben, während für andere eine vaginale Geburt als Leiden angesehen wird, das die Bindung zum Kind verhindert.

Welche Verbesserungen gab es in den letzten Jahren rund um den Kaiserschnitt – sowohl in der chirurgischen Praxis als auch im Erleben der Eltern?

Die medizinischen Teams haben grosse Anstrengungen unternommen, insbesondere im Zusammenhang mit der Bewegung für den «sanften Kaiserschnitt» (im Französischen wird die physiologisch orientierte Sectio «césarienne douce» genannt, Anmerkung der Redaktion), und tatsächlich sollten alle Kaiserschnitte, wenn möglich, «sanft» sein. Das Hauptziel des sanften oder partizipativen Kaiserschnitts ist es, den ersten Kontakt mit dem Kind zu bewahren. Am CHUV haben wir das Sectiofenster und senken dabei den Sichtschutz im Moment der Geburt des Kindes. Zudem legen wir grossen Wert auf den Haut-zu-Haut-Kontakt im Operationssaal: Es gibt keine Trennung von der Geburt bis zur Rückkehr ins Zimmer – selbstverständlich nur, wenn es Mutter und Kind gut geht. Es ist zu beachten, dass Hautkontakt nach einer vaginalen Entbindung ebenfalls von der Anpassung des Kindes und der Mutter abhängt.

Welche Verbesserungen gab es in den letzten Jahren rund um den Kaiserschnitt – sowohl in der chirurgischen Praxis als auch im Erleben der Eltern?

Die medizinischen Teams haben grosse Anstrengungen unternommen, insbesondere im Zusammenhang mit der Bewegung für den «sanften Kaiserschnitt» (im Französischen wird die physiologisch orientierte Sectio «césarienne douce» genannt, Anmerkung der Redaktion), und tatsächlich sollten alle Kaiserschnitte, wenn möglich, «sanft» sein. Das Hauptziel des sanften oder partizipativen Kaiserschnitts ist es, den ersten Kontakt mit dem Kind zu bewahren. Am CHUV haben wir das Sectiofenster und senken dabei den Sichtschutz im Moment der Geburt des Kindes. Zudem legen wir grossen Wert auf den Haut-zu-Haut-Kontakt im Operationssaal: Es gibt keine Trennung von der Geburt bis zur Rückkehr ins Zimmer – selbstverständlich nur, wenn es Mutter und Kind gut geht. Es ist zu beachten, dass Hautkontakt nach einer vaginalen Entbindung ebenfalls von der Anpassung des Kindes und der Mutter abhängt.

Welche Verbesserungen gab es in den letzten Jahren rund um den Kaiserschnitt – sowohl in der chirurgischen Praxis als auch im Erleben der Eltern?

Die medizinischen Teams haben grosse Anstrengungen unternommen, insbesondere im Zusammenhang mit der Bewegung für den «sanften Kaiserschnitt» (im Französischen wird die physiologisch orientierte Sectio «césarienne douce» genannt, Anmerkung der Redaktion), und tatsächlich sollten alle Kaiserschnitte, wenn möglich, «sanft» sein. Das Hauptziel des sanften oder partizipativen Kaiserschnitts ist es, den ersten Kontakt mit dem Kind zu bewahren. Am CHUV haben wir das Sectiofenster und senken dabei den Sichtschutz im Moment der Geburt des Kindes. Zudem legen wir grossen Wert auf den Haut-zu-Haut-Kontakt im Operationssaal: Es gibt keine Trennung von der Geburt bis zur Rückkehr ins Zimmer – selbstverständlich nur, wenn es Mutter und Kind gut geht. Es ist zu beachten, dass Hautkontakt nach einer vaginalen Entbindung ebenfalls von der Anpassung des Kindes und der Mutter abhängt.


Das CHUV hat auch an der Einführung des ERAS-Programms (Enhanced Recovery After Surgery) mitgewirkt, das auf eine verbesserte Erholung nach chirurgischen Eingriffen abzielt. Für Kaiserschnitte wenden wir eine Richtlinie an, die jener bei abdominalchirurgischen Operationen ähnelt: mit Kohlenhydratzufuhr, beschleunigter Erholung unter Reduktion von Opioiden, frühzeitigem Entfernen des Blasenkatheters, rascher Mobilisation usw. All diese Elemente widerspiegeln ein in den letzten Jahren gewachsenes Bewusstsein und einen echten Willen, die Betreuung der Patientinnen zu verbessern. Dies ist umso wichtiger, als ein Grossteil der Frauen nicht unbedingt einen Kaiserschnitt gewünscht hätte, dieser jedoch aufgrund der Umstände notwendig war. Es ist daher unerlässlich, ihre Erfahrungen zu verbessern. Die Genesung muss entsprechend angepasst werden und es ihnen ermöglichen, sich trotz der Operation um ihr Kind zu kümmern. Tatsache ist, dass der Kaiserschnitt weiterhin mit einer erheblichen Morbidität verbunden ist. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Reduktion von Kaiserschnitten unter Allgemeinanästhesie. Erstens ist diese für die Mutter mit einer hohen Morbidität verbunden, zweitens ist sie auch für das Neugeborene nicht ideal, und drittens ist sie für das Erleben der Familien sehr belastend. Wir haben das Glück, über ein sehr gutes Anästhesieteam zu verfügen, mit dem wir versuchen, solche Situationen so weit wie möglich zu vermeiden. Dies erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen Gynäkolog*innen, Anästhesistinnen und Anästhesisten sowie Pädiaterinnen und Pädiatern – und es gelingt uns.

Was müsste man Ihrer Ansicht nach rund um den Kaiserschnitt in der Schweiz verbessern?

Ganz allgemein gibt es meiner Meinung nach noch viel zu verbessern, was die Frauengesundheit und die Betreuung während der Schwangerschaft, der Geburt und des Wochenbetts betrifft. Einerseits heisst es oft: «Schwangerschaft ist keine Krankheit», alles soll natürlich sein und problemlos verlaufen. In Wirklichkeit sind Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett jedoch Ereignisse, die den Körper der Frau tiefgreifend prägen und zahlreiche Folgen haben, und dennoch werden sie noch allzu oft banalisiert.
Im Zusammenhang mit dem Kaiserschnitt fehlt es den Patientinnen nach wie vor häufig an Informationen. Man sagt ihnen: «Es gab einen Kaiserschnitt, das war’s, die Fäden müssen gezogen werden, und dann ist alles in Ordnung.» Oder: «Du hast nicht vaginal entbunden, du brauchst keine Physiotherapie für den Beckenboden.» Dabei muss nach diesem Eingriff eine umfangreiche Genesung stattfinden, für die die Frauen nicht immer gut begleitet und informiert werden.

Es gibt noch viel zu tun, was die Bedeutung der Beckenbodenrehabilitation, der Narbenmassage, der schrittweisen Wiederaufnahme von Übungen usw. angeht. Ich bin immer wieder schockiert, dass von einer Frau nach einem Kaiserschnitt erwartet wird, bereits am nächsten Tag aufzustehen und sich um ihr Baby zu kümmern – und das mit einem Lächeln. Niemand erwartet das von einer Person, die sich einer anderen Art von Bauchoperation unterzogen hat, selbst wenn es sich nur um einen Patienten handelt, der sich einer laparoskopischen Blinddarmoperation unterzogen hat, die doch deutlich weniger invasiv ist als ein Kaiserschnitt.
Schwangerschaft und Geburt bringen viele physiologische, hormonelle und psychische Veränderungen mit sich. Die Zeit nach der Geburt ist nicht einfach nur «die Geburt, das Kind ist da und drei Tage später geht es besser» – erst recht nicht bei einem Kaiserschnitt. Leider haben wir noch immer zu oft die Tendenz, dies zu vergessen, und die Vorbereitung für Frauen und ihre Familien ist weitgehend unzureichend.

INTERVIEW MIT:

Dr. Manon Vouga,
Leiterin des Geburtssaals am Centre Hospitalier Universitaire Vaudois, Mitbegründerin des Vereins «Par voie haute».

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