Mit dem positiven Schwangerschaftstest beginnen die Fragen: Was essen? Wie viel Sport? Verläuft die Schwangerschaft wirklich gut? Was ist «normal»? Antworten gibt es im Überfluss, und genau das kann zum Problem werden. Die Psychologin Kathrin Degen erklärt, wie es gelingt, trotz all der Stimmen von aussen ruhig zu bleiben und wieder mehr der eigenen Intuition zu vertrauen.

«Obstetrica»: Informationen waren noch nie so leicht zugänglich wie heute – nur einen Klick entfernt. Was macht das mit schwangeren Frauen?
Kathrin Degen: Die Krux mit zu vielen Informationen ist: Sie können verunsichern. Auch schon vor dem Internet brauchte man eigentlich keine zehn Bücher zur Schwangerschaft – oft reichte eines zur Orientierung. Mehr Wissen bedeutet nicht automatisch mehr Sicherheit. Im Gegenteil: Oft passiert etwas Paradoxes. Je mehr Frauen lesen, hören oder nachfragen, desto unsicherer werden sie. Daraus kann ein Teufelskreis entstehen: Man fühlt sich unsicher, recherchiert noch mehr, holt weitere Meinungen ein – und wird dadurch noch verunsicherter.
Zudem erkennt der Algorithmus fast zeitgleich zum positiven Schwangerschaftstest, dass eine Frau schwanger ist.
Genau. Viele Frauen berichten, dass sie sehr schnell vermehrt Inhalte zur Schwangerschaft in ihren Feeds sehen. Durch all die Ratschläge und Erfahrungsberichte im Netz, aber auch in Gesprächen mit anderen, entsteht schnell der Eindruck, es gebe einen richtigen und einen falschen Weg, schwanger zu sein. Die Verunsicherung breitet sich dann oft auf viele Bereiche gleichzeitig aus. Eine Frau fragt sich: «Habe ich den richtigen Kurs gewählt? Mache ich genug? Gebäre ich ‹richtig›?» Manche geraten so stark in diesen Sog von Selbstzweifeln, dass sie kaum noch das Gefühl haben, sie würden das eigentlich gut machen.
«Informationen ständig zur Verfügung zu haben bedeutet: Es gibt keinen Aufschub mehr.» Kathrin Degen
Viele Frauen greifen dann wohl zum Handy und recherchieren weiter.
Informationen ständig zur Verfügung zu haben bedeutet: Es gibt keinen Aufschub mehr. Sobald Unruhe aufkommt, greift man zum Handy. Wenn Beruhigung aber immer von aussen kommt, lernt man weniger, sich selbst zu beruhigen. Gleichzeitig hält diese Beruhigung oft nur kurz an, und die Suche beginnt von Neuem. Es entsteht ein Dauerrauschen aus Stimmen von aussen: ungefragt einströmende Informationen, gesellschaftliche Erwartungen, zahlreiche Meinungen zur Schwangerschaft und Mutterschaft. Und in diesem Rauschen wird die eigene innere Stimme immer leiser.
Wie schafft es Frauen und Paare, diese innere Stimme wieder zu hören?
Ein wichtiger Schritt ist, zu akzeptieren, dass ein gewisses Mass an Sorge und Ungewissheit zur Schwangerschaft dazugehört. Neben sachlicher Information ist aber vor allem die Art der Begleitung entscheidend, also die Beziehung, in der Informationen vermittelt werden. Wenn eine Hebamme oder Gynäkologin in der Vorsorge sagt: «Das ist gut so», braucht es oft nicht noch mehr Informationen. Ein Beispiel: Eine Frau geht zur Gynäkologin, die «White Spots» auf dem Herzen entdeckt. Das können Softmarker für Trisomie 21 sein, sind aber in der grossen Mehrheit der Fälle ohne weitere Bedeutung. Die Gynäkologin erklärt dies und betont, dass für eine Auffälligkeit weitere Marker hinzukommen müssten, was hier nicht der Fall ist. Wenn die Frau danach weiter recherchiert und weitere Meinungen einholt, bringt das kein klares Ergebnis, aber oft mehr Unsicherheit und ein schlechteres Gefühl. Absolute Sicherheit gibt es nicht.
«Die entscheidende Frage verschiebt sich: nicht mehr ‹Welche Information brauche ich?›, sondern ‹Von wem bekomme ich sie›?»
Kathrin Degen
Eine entscheidende Frage, die man sich bei Unsicherheiten stellen kann, bevor man anfängt zu recherchieren, ist: Brauche ich diese Information? Oder geht es vielmehr um Beruhigung? Es ist wichtig, hier innere Grenzen zu setzen. Frauen brauchen nicht immer und überall eine Dritt- oder Viertmeinung. Eine entscheidende Frage, die man sich bei Unsicherheiten stellen kann, bevor man anfängt zu recherchieren, ist: Brauche ich diese Information? Oder geht es vielmehr um Beruhigung? Es ist wichtig, hier innere Grenzen zu setzen. Frauen brauchen nicht immer und überall eine Dritt- oder Viertmeinung.
Es ist also wesentlich, das Gefühl zu haben, den Fachpersonen vertrauen zu können.
Wenn wir von Intuition sprechen, geht es darum, wieder mehr Zugang zum eigenen Körpergefühl zu finden. Intuition ist aber nichts, das einfach da ist oder plötzlich auftaucht, sie entsteht in Beziehung: zur Hebamme, zur Gynäkologin oder zum Gynäkologen, zur Psychotherapeutin oder zu einer nahestehenden Person. Eine tragfähige Beziehung kann Halt geben. Das reicht oft aus, zusätzliche Informationen werden weniger wichtig. Vertrauen kann wachsen, und es wird leichter, sich von den vielen Stimmen von aussen abzugrenzen. Die entscheidende Frage verschiebt sich: nicht mehr «Welche Information brauche ich?», sondern «Von wem bekomme ich sie?» Viele Frauen und Paare suchen lange nach der «perfekten» Begleitung, fast wie in einem Optimierungsprozess. Doch hauptsächlich geht es nicht darum. Wichtiger ist die Fähigkeit, sich selbst zu beruhigen: in Kontakt mit dem Kind zu gehen und ein eigenes Gefühl dafür zu entwickeln, dass es gut ist. Gut begleitet zu sein ist dabei oft wichtiger als möglichst viel zu wissen.
Wann fachliche Hilfe wichtig ist
Wenn Ängste und Unsicherheiten so stark werden, dass sie den Alltag bestimmen, oder wenn dauerhaft eine depressive Verstimmung besteht, ist es sinnvoll, sich fachlich beraten zu lassen. Bei Suizidgedanken handelt es sich um klare Warnzeichen.
Der EPDS-Selbsttest (Edinburgh Postnatal Depression Scale) mit dem 10-Fragen-Fragebogen ist ein hilfreicher Richtwert. Zu beachten:
– Ein höherer Score bedeutet, dass eine fachliche Abklärung sinnvoll ist.
– Der Fragebogen dient als Screening-Instrument, nicht als Diagnose.
Hier klicken für den EPDS-Selbsttest in 19 Sprachen übersetzt
Das Gespräch führte Esther Grosjean, Redaktorin der «Obstetrica».
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