Für eine gewaltfreie Erziehung: Orientierungsrahmen für Fachpersonen

/
/
Für eine gewaltfreie Erziehung: Orientierungsrahmen für Fachpersonen
28.09.2026
Bildquellen: istock

Autor*in(nen)

Bild von Esther Grosjean
Esther Grosjean
Redaktorin «Obstetrica»

Ende August sind die interprofessionellen Qualitätsstandards zur gewaltfreien Erziehung erschienen. Sula Anderegg, Hebamme und Mitglied des Zentralvorstands des Schweizerischen Hebammenverbandes (SHV), war an ihrer Erarbeitung beteiligt. Im Gespräch mit der «Obstetrica» erzählt sie von den Diskussionen im Netzwerk, von der besonderen Rolle der Hebammen und davon, was es braucht, damit gewaltfreie Erziehung im Alltag verankert wird.

Eine Mutter schreit ihr zweijähriges Kind regelmässig an, beschimpft es als «dummen Totsch», wenn ihm etwas herunterfällt oder nicht gelingt. Ein Vater sagt seinem Kind nach jeder Schulnote unter sechs, es werde als Versager enden. In einer anderen Familie lassen die Eltern den Säugling abends schreien, damit er lernt, selbst einzuschlafen. Eine weitere Familie wiederum beobachtet jeden Schritt ihres Kindes, entscheidet über die Hobbys, lässt es nie aus den Augen, organisiert, mit wem es Kontakt haben darf und wem nicht.
Wo beginnt Gewalt? Und was bedeutet gewaltfreie Erziehung im Familienalltag überhaupt?

Was bedeutet «gewaltfrei»?

«Das Thema ist weit und gross. Auch innerhalb der Fachgruppe zur gewaltfreien Erziehung haben wir intensiv darüber diskutiert, was als Gewalt in der Erziehung zu werten ist. Diese Auseinandersetzung war ein wichtiger Teil des Prozesses», fasst Sula Anderegg die Arbeit in der Qualitätsgruppe zur gewaltfreien Erziehung zusammen. «Was genau ist gewaltfrei? Wo sind die Grenzen der Erziehung»? – diese Nuancen sehen nicht nur Eltern, sondern auch Fachpersonen unterschiedlich. Jede Person bringt ihre eigene Geschichte, ihre Lebenserfahrung und ihre eigenen Bilder mit.

Aus der Tabuzone holen

Welche Situationen im Konkreten als Gewalt zu verurteilen sind, sei zunächst gar nicht die entscheidende Frage, betont Sula Anderegg. Es gehe vielmehr darum, das, was sich zu Hause abspiele, aus der Tabuzone zu holen und zu entstigmatisieren.

«Es muss ein Paradigmenwechsel in der Haltung gegenüber Gewalt und hin zu einer gewaltfreien Erziehung stattfinden. Dies betrifft sowohl Eltern als auch Fachpersonen.»

Sula nennt ein Beispiel: «Eine Hebamme bekommt bei einem Wochenbettbesuch mit, wie eine Mutter ihre beiden älteren, stark übergewichtigen Kinder mit Cola, Chips und Schokolade vor dem Bildschirm ruhigstellt. Sie spielen ein nicht altersgerechtes Computerspiel. Die Mutter scheint insgesamt überfordert.

Ideal wäre es, wenn die Hebamme in einer solchen Situation über die nötigen Mittel und Möglichkeiten verfügen würde, um die Mutter behutsam und ohne sie zu beschämen auf das Thema anzusprechen. Sie könnte ihr konkrete Hilfestellungen anbieten und bei Bedarf eine geeignete Anlaufstelle vermitteln, die sie weiter unterstützt. Dafür braucht es jedoch viel Fachkompetenz – und für diesen zusätzlichen Aufwand wird die Hebamme derzeit nicht entschädigt.

Überforderung als treibende Kraft

Überforderung und Unwissen, so hat es Sula immer wieder erlebt, spielen häufig eine wichtige Rolle. Gewalt in ihren unterschiedlichen Formen hat oft damit zu tun, dass ein Elternteil oder beide Eltern an ihre Grenzen kommen.

«Eine Familie ist nur so fit wie ihre elterliche Basis. Es ist daher entscheidend, Eltern darin zu stärken, Selbstkompetenz zu entwickeln und auch in belastenden Situationen gewaltfreie Handlungsmöglichkeiten zu haben.» Dabei geht es, wie Sula Anderegg betont, auch darum, gesellschaftlich tradierte Vorstellungen von Erziehung zu hinterfragen.

In den letzten Jahren hat sich bereits einiges verändert. Früher hiess es beispielsweise, man solle einen Säugling einfach schreien lassen. Diese Haltung wird kaum mehr geteilt. «Das heisst aber noch lange nicht, dass wir in der gewaltfreien Erziehung angekommen sind. Wir befinden uns erst am Anfang eines Mehrgenerationen- und Sozialverständnisprojekts, das noch lange andauern wird», entkräftet Sula die Annahme, die Gesellschaft sei nun schon einen riesigen Schritt weiter bei der gewaltfreien Erziehung.

Gewaltfreie Erziehung, und dies ist ein wichtiger Grundsatz, beschränkt sich nicht auf die Abwesenheit körperlicher oder psychischer Gewalt, sondern berührt die grundlegende Haltung gegenüber dem Kind.

Was bedeutet gewaltfreie Erziehung für Hebammen?

Der neue Ansatz der gewaltfreien Erziehung bedeutet für Hebammen Verantwortung. «Wir als Fachleute sind verpflichtet, das, was wir sehen, zu benennen – ohne Schuldzuweisung.»

Hebammen haben dabei aus Sicht von Anderegg eine besondere Ausgangslage. «Wir haben den wesentlichen Vorteil und zugleich die fachliche Verantwortung, dass wir sehr früh zu den Familien nach Hause gehen. Wir begegnen da auch älteren Geschwistern, wir beobachten und nehmen viel wahr.» Gleichzeitig ist klar, dass die Hebamme auch auf ein gutes Netzwerk zurückgreifen können muss.

Bei der gewaltfreien Erziehung ist es zentral, dass die verschiedenen Berufsgruppen vom Gleichen sprechen.

Eine gemeinsame Perspektive

Die Qualitätsstandards (siehe Kästchen) setzen am Punkt der gemeinsamen Perspektive an. Es ist zentral, dass die verschiedenen Berufsgruppen vom Gleichen sprechen. Denn bei der Frage, was unter gewaltfreier Erziehung verstanden wird, gibt es, wie sich zeigte, Interpretationsspielraum.

Die gemeinsam erarbeiteten Qualitätsstandards sollen deshalb eine fachübergreifende Grundlage schaffen. Sie verstehen sich nicht als starres Regelwerk, sondern als praxisorientierte Orientierungshilfe für eine nachhaltige Qualitätsentwicklung.

Angebote der frühen Kindheit und weitere Fachstellen

Gerade bei den Angeboten in der frühen Kindheit gibt es noch Lücken. Zwischen Hebammenbetreuung, der Beratung in der frühen Kindheit, anderen gemeindenahen verpflichtenden Angeboten und den bestehenden Regelstrukturen existiert ein Gap.

Angebote müssten besser ineinandergreifen und so niederschwellig sein, dass Familien unabhängig von ihrem sozialen oder sozioökonomischen Hintergrund Zugang dazu erhalten. Kulturelle, finanzielle oder sprachliche Barrieren dürften Unterstützung nicht verhindern.

Mehr Verantwortung braucht Ressourcen

Für Hebammen ist die gewaltfreie Erziehung mit weiteren Anforderungen verbunden. Hebammen benötigen zusätzliche Kompetenzen, müssen mehr Wissen mitbringen und Weiterbildungen besuchen. Dieses Problem betrifft nicht allein die Hebammen. Das gilt auch für die Elternberatung und weitere Angebote der frühen Kindheit.

Leider ist diese zusätzliche Präventions- und Vernetzungsarbeit im heutigen Gesundheits- und Sozialsystem nicht automatisch finanziert. Dafür wird aber auch in Zukunft gekämpft. Der erste Schritt ist mit der Verankerung der gewaltfreien Erziehung im Zivilgesetzbuch gemacht.

Gemeinsam mehr Gewicht

Wie viel Gewicht und Power Fachverbände entwickeln können, wenn sie sich zusammenschliessen, dasselbe Ziel verfolgen und gemeinsam daran arbeiten, zeigte sich beim Thema gewaltfreie Erziehung.

Dass das Anliegen, die gewaltfreie Erziehung im Zivilgesetzbuch zu verankern, auf politischer Ebene aufgenommen wurde (siehe Interview zur gewaltfreien Erziehung mit Marbach-Bullier), ist auch als erstes wichtiges Resultat dieser gemeinsamen Arbeit zu werten.

Wie es weitergeht

Nun sind die beteiligten Verbände gefordert: Sie sensibilisieren ihre Mitglieder für das Thema und motivieren sie dazu, sich mit dem Positionspapier auseinanderzusetzen. Auch auf den SHV kommt weitere Arbeit zu: Er wird klären müssen, wie der zusätzliche Aufwand, der für Hebammen entsteht, künftig entschädigt werden kann. Zudem müssen Weiterbildungen im Bereich gewaltfreier Erziehung angeboten werden.

Es ist eine grosse gesellschaftliche Umwälzung. Doch je mehr Akteur*innen dahinterstehen, desto eher kann sich etwas verändern. Prävention hat es oft schwer, weil ihre Wirkung nicht unmittelbar sichtbar ist. Die bisherige Entwicklung zeigte aber, dass Bewegung möglich wird, wenn viele Fachpersonen und Verbände gemeinsam Verantwortung übernehmen.
«Und am Ende führt die Diskussion zwangsläufig auch zur Ressourcenfrage, also zu Finanzen», schliesst Sula Anderegg.

Zuvorderst steht aber die Grundhaltung der Gesellschaft: Wollen wir eine gewaltfreie Erziehung für unsere Kinder?

Gespräch mit Sula Anderegg, Hebamme und Mitglied des Zentralvorstands des Schweizerischen Hebammenverbandes.

Das könnte Sie auch noch interessieren:

Häusliche Gewalt «Die Kinder sind alle ausnahmslos traumatisiert»

Das Interview mit Kerstin Jüngling vom Frauenhaus Winterthur ist in der Oktober-Ausgabe zum Thema Häusliche Gewalt 2024 der «Obstetrica» erschienen. Frauen, die im Frauenhaus Zuflucht suchen, haben in den eigenen..

14.09.2026