Kommen junge Frauen oder Männer zur Kinder- und Jugendpsychiaterin Fana Asefaw in die Sprechstunde, wird die Bindungserfahrung zu den eigenen Eltern im Laufe des Gesprächs Thema. Denn die frühkindliche Bindung prägt uns ein Leben lang. Fana Asefaw spricht im Interview über Bindung im frühen Kindesalter, Störungen in der Interaktion und Kinder geflüchteter Familien, die hier in der Schweiz auf Bindung angewiesen sind, die über die Familie hinausgeht.
Interview: Esther Grosjean
«Obstetrica»: Ein Baby braucht Bindung. Wann fängt diese an?
Fana Asefaw: Bindungssicherheit ist die Basis dafür, dass ein Kind emotional gesund aufwachsen kann. Wie und wann diese Bindung jedoch entsteht, ist individuell: Manche Frauen spüren schon in der Schwangerschaft eine enge Nähe zu ihrem Kind, bei anderen entsteht sie erst nach der Geburt. Longitudinale Studien zeigen: Stärkere mütterliche Bindung zum Baby in der Schwangerschaft geht häufiger mit sensitiverem Erziehungsverhalten nach der Geburt einher. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind im ersten Lebensjahr eine sichere Bindung entwickelt. Zum Beispiel befanden Siddiqui & Hägglöf, dass pränatale Mutter-Kind-Bindung die Qualität der Interaktionen im zwölften Monat vorhersagen kann.
Wichtig ist, dass die Bindung stabil und verlässlich ist. Das sicher gebundene Kind verinnerlicht: «Das ist eine freundliche, verlässliche Bezugsperson.» Das Baby macht sich bemerkbar, wenn etwas nicht stimmt und die Eltern reagieren intuitiv und sensitiv darauf. Auf dieser Grundlage müssen weder Kind noch Eltern in Sorge sein.
Anders gesagt: Ein Kind ist auf die bedingungslose Liebe seiner Eltern angewiesen.
Psychologisch gesehen geht es nicht direkt um Liebe, sondern viel mehr um positive Gedanken und Gefühle − bereits in der Schwangerschaft. Dies fördert die Feinfühligkeit, führt zu einer positiven Erwartungshaltung und weniger Stress bei der Mutter. Das alles kann vorhanden sein, auch wenn die Liebe (noch) nicht vollständig da ist. Die Mutter oder der Vater, falls er die erste Bezugsperson ist, reagieren intuitiv und sensitiv auf das Kind. Wenn ein Baby keine einfühlsame Rückmeldung auf sein Schreien bekommt, verinnerlicht es das und wird irgendwann versuchen, sich selbst zu regulieren. Diese fehlende positive Erfahrung von aussen erschwert, dass sich ein tiefes Gefühl von Sicherheit entwickelt – selbst wenn die Eltern es eigentlich gut meinen.
«Psychologisch gesehen geht es bei der Bindung nicht direkt um Liebe, sondern viel mehr um positive Gedanken und Gefühle.»
Über Bindung wird vor allem dann geredet, wenn sie fehlt.
Leidet eine Mutter unter einer psychischen Erkrankung, einer Abhängigkeit von Alkohol oder Drogen oder an einer postpartalen Depression, fällt es ihr oft schwer, bei ihrem Kind emotional präsent zu sein. Erste Befunde deuten darauf hin, dass sowohl die Stressregulation der Mutter als auch epigenetische Prozesse mit pränatalem Stress im Vergleich zu positiver Bindung zusammenhängen. Dies wirkt sich wiederum auf die Stressregulation und soziale Responsivität des Kindes aus.
Epigenetische Studien zeigen, dass mütterlicher Stress in der Schwangerschaft mit mehr Methylierung im NR3C1 (Glukokortikoidrezeptor) beim Neugeborenen assoziiert ist – was auf Stressvulnerabilität hindeutet. Positive Bindung könnte einen protektiven Gegeneffekt darstellen.
Bei einer Alkoholabhängigkeit etwa kreist das Denken fast ausschliesslich um Alkohol. Das Wohl des Kindes rückt dabei unweigerlich in den Hintergrund – mit manchmal schlimmen Folgen. Ich erinnere mich an einen Fall, bei dem sich ein Kind in der Badewanne schwer verbrannte, während die Mutter den kurzen Moment nutzte, um am Kiosk Alkohol zu kaufen. In dieser Zeit hatte das Kind den Wasserhahn aufgedreht und heisses Wasser einlaufen lassen. Die Mutter war nicht in der Lage gewesen, primär bei ihrem Kind zu sein. Die Sucht war stärker. Das ist ein extremer Fall, aber er zeigt, was emotionale Präsenz – oder eben deren Abwesenheit – bedeutet.
Wie wirkt es sich längerfristig auf ein Baby oder Kleinkind aus, wenn es keine positive oder nur wenig Rückmeldung auf sein Verhalten erhält?
Die Bindungstheorie, die von John Bowlby und Mary Ainsworth entwickelt wurde, beschreibt die Bedeutung der frühen Bindungserfahrungen für die Entwicklung des Kindes. Eine sichere Bindung entsteht, wenn ein Kind beim Ausdruck seiner Gefühle eine verlässliche und tröstende Reaktion von einer Bezugsperson erhält.
Eine unsichere Bindung kann entstehen, wenn das Kind keine verlässliche Reaktion erhält oder wenn die Bezugsperson nicht sensitiv auf die Bedürfnisse des Kindes reagiert.
Eine ängstlich-vermeidende Bindung ist eine Form der unsicheren Bindung, bei der das Kind Angst hat, sich an eine Bezugsperson zu binden, weil es erwartet, dass seine Bedürfnisse nicht erfüllt werden. Die Forschung hat gezeigt, dass Kinder mit einer ängstlich-vermeidenden Bindung oft Schwierigkeiten haben, ihre Emotionen zu regulieren und Stress zu bewältigen.
Bindungserfahrungen in der Kindheit haben grossen Einfluss darauf, wie wir im späteren Erwachsenenalter Beziehungen gestalten; zu uns selbst und auch zu anderen. Wird einem Kind vermittelt, dass es seine Gefühle wie zum Beispiel Wut oder Trauer wahrnehmen und auch ausdrücken darf, und es erhält darauf eine verlässliche, tröstende Reaktion einer Bezugsperson, entwickelt sich eine sichere Bindung. Durch die ständige Wiederholung wird Sicherheit vermittelt: Konflikte oder schwierige Situationen werden als überwindbar erlebt. Fällt diese bestärkende Resonanz jedoch ganz weg, können unsichere Bindungsformen entstehen, etwa ängstliche, vermeidende oder desorganisierte Formen. Bei einer ängstlich-vermeidenden Bindung erfährt das Kind nicht, dass zuverlässig jemand für es da ist, und es lebt in einem ständigen Alarmzustand. Dabei reagiert es schnell mit Angst und fühlt sich leicht bedroht. Stresshormone werden dauerhaft ausgeschüttet, und ohne verlässliche emotionale Regulation durch Erwachsene bleibt das Kind innerlich unruhig.
«Bindungserfahrungen in der Kindheit haben grossen Einfluss darauf, wie wir im späteren Erwachsenenalter Beziehungen gestalten; zu uns selbst und auch zu anderen.»
Die erste Bindung prägt nicht nur uns – sie formt auch, was wir für Eltern werden.
Frauen mit hoher pränataler Bindung zeigen häufiger einfühlsames und sensibles Verhalten nach der Geburt. Diese Feinfühligkeit gilt als zentraler Prädiktor für sichere Bindungsentwicklung beim Kind. Umgekehrt ist eine schwache oder ambivalente Bindung in der Schwangerschaft mit erhöhtem Risiko für unsichere Bindungsmuster (vermeidend, ambivalent oder sogar desorganisiert) assoziiert. Das heisst nicht, dass das automatisch so kommt – aber die Wahrscheinlichkeit steigt. Andere Faktoren wie mütterliche psychische Belastungen, Stress oder fehlende soziale Unterstützung wirken dabei oft zusätzlich verstärkend.
Dies wirkt sich sowohl auf die Qualität der Mutter-Kind-Interaktion nach der Geburt als auch auf epigenetische Stressmarker beim Kind aus.
Wer als Kind keine verlässliche Nähe erfahren hat, trägt ein höheres Risiko für psychische Belastungen wie Depressionen oder Ängste und reagiert oft unsicher auf die Bedürfnisse des eigenen Kindes. Es ist mir wichtig zu betonen, dass es hier nicht um Schuld geht. Menschen ohne sichere Bindung tun sich schwerer damit, ihr Gefühlen zu regulieren, und damit, Hilfe anzunehmen, – denn genau das ist Bindung: Hilfe zu suchen, heisst, eine Beziehung einzugehen. Es ist aber nicht alles schwarz-weiss, wie es nun vielleicht den Eindruck macht. Auch fürsorgliche Eltern können in Zeiten grosser Belastung an ihre Grenzen kommen und Signale ihres Kindes übersehen und auch unsicher gebundene Menschen tragen wie alle Ressourcen in sich, Bedürfnisse auszudrücken und Lösungen zu finden. Das ist ein Leben lang vorhanden.
«Unsicher gebundene Menschen tragen wie alle Ressourcen in sich, Bedürfnisse auszudrücken und Lösungen zu finden.»
Das Thema Bindung ist in der Schweiz sehr präsent, auch wenn es nicht primär als «Bindung» gekennzeichnet ist, sondern eher unter dem Stichwort «Vereinbarkeit» diskutiert wird.
In der Schweiz beschäftigen sich viele werdende Mütter intensiv mit dem Thema Bindung; sie lesen Ratgeber und informieren sich über verschiedene Kanäle. Dieses Wissen darüber, was Bindung ist, kann Orientierung geben, ersetzt aber nicht die persönliche Erfahrung und die emotionale Sicherheit, die eine verlässliche Bezugsperson ausstrahlt. Gerade wenn eine Mutter unter Überforderung oder einer postnatalen Depression leidet, wird es schwierig, das Gelesene umzusetzen. Sicherheit und Vertrauen im Umgang mit dem Kind können leichter intuitiv gelebt und entwickelt werden, wenn man sie selber erfahren hat. Sie lassen sich meiner Meinung nach nicht nur theoretisch aneignen. In meinen Forschungen in Eritrea im Rahmen meiner Dissertation habe ich miterlebt, dass viele Mütter trotz oft knapper materieller Mittel ihren Säuglingen gegenüber emotional verfügbar waren. Sie sind in den ersten Jahren eng mit ihrem Kind verbunden, sind einfach da. Auch wenn später eine strengere Erziehung dominiert und weniger gespielt wird als hierzulande, bleiben die Kinder oft sicher gebunden. In der Schweiz dagegen lastet häufig ein hoher Druck auf Müttern: Sie sollen für das Kind da sein und gleichzeitig im Beruf bestehen. Dieser Anspruch, sich überall beweisen zu müssen, kann schnell zu viel werden.
Manchmal wäre mehr «Bauchgefühl» als Kopf ein guter Ratgeber
Ich erlebe in meiner Praxis Mütter, die mir sagen, dass in ihrer Kindheit alles gut war. Sie erinnern sich an nichts Belastendes und dennoch spüren sie keine Freude an ihrem Kind oder haben das Gefühl, es nicht angemessen begleiten zu können. Da war zum Beispiel eine Mutter, die von Anfang an überzeugt war, dass ihr Kind krank sei. Sie vermutete Autismus und sagte mir: «Ich sehe doch, dass das Kind nicht lächelt.» Statt auf die natürliche Mimik des Kindes einzugehen, es zu beobachten und mit ihm zu interagieren, blieb sie im Kopf und war gleichzeitig emotional nicht präsent.
Natürlich kann Wissen auch hilfreich sein: Wenn tatsächlich Probleme in der Bindung auftreten, ermöglicht es, rechtzeitig Unterstützung zu suchen. Intellekt muss nicht automatisch ein Hindernis sein. Entscheidend ist aber, dass Mütter neben allem Wissen auch Wärme und emotionale Präsenz zulassen.
Später gehen die Beziehungen und damit auch die Bindung über die Familie hinaus.
Ja, aber für Kinder bleibt entscheidend, dass sie positive Bindung in der Familie erfahren, egal in welchem Kontext sie sich befinden. In der Schweiz leben viele geflüchtete Familien, deren Angehörige oft unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden. Sie mussten Gewalt, Hunger und die Flucht aus ihrer Heimat durchstehen. Wenn ein Kind zuvor positive Bindung erlebt hat, schützt das vor den Folgen späterer Traumata, weil die Qualität unserer frühen Bindungserfahrungen entscheidend beeinflusst, wie wir mit Belastungen und Krisen umgehen. Kinder mit sicherer Bindung sind widerstandsfähiger gegenüber traumatischen Erfahrungen, weil sie gelernt haben, Unterstützung zu suchen und Gefühle zu regulieren. Dennoch ist für geflüchtete Kinder besonders herausfordernd, Bindungssicherheit mit sprachlichen und kulturellen Barrieren aufrechtzuerhalten, denn um positive Bindung zu entwickeln, braucht es ein Gegenüber, das stabil und verlässlich reagiert. Die Realität sieht jedoch anders aus: Viele Geflüchtete Eltern sind in Durchgangsheimen oft so belastet, dass sie auch gegenüber ihren Kindern wenig Empathie oder emotional Präsenz zulassen. Die eigenen negativen Erfahrungen, die sie im Alltag machen, wirken sich negativ aus im Umgang mit ihren Kindern aus und diese negativen Erfahrungen können zu Brüchen in der Bindungserfahrung führen, selbst dann, wenn die frühe Bindung stabil war.
Es gibt in der Schweiz Projekte, die gezielt Unterstützung bieten und positive Erfahrungen zwischen Eltern und Kindern fördern. Es wurden von Universitäten und Organisationen auch Interventionen entwickelt, die Eltern und Kinder dabei begleiten, gemeinsame Schutzmechanismen aufzubauen.
So wertvoll viele dieser Programme auch sind: Sie bleiben meist institutionell organisiert und kostenintensiv. Die direkte, persönliche Bindung, die für Kinder so entscheidend ist, wird dadurch nicht automatisch gestärkt. Im Gegenteil: Es zeigt sich leider auch, dass Fachpersonen gegenüber Kindern aus dem Nahen Osten oder aus Afrika Vorurteile haben. Diese Kinder erleben oft schon früh Diskriminierung, zum Beispiel, wenn sie in Förderprogrammen anders behandelt werden.
Was schlagen Sie hier vor?
Wenn ein Kind zu Hause Verhaltensauffälligkeiten zeigt und auch in der Schule keinen Halt findet, reicht es nicht, allein auf strukturelle Massnahmen wie Sonderschulen zu setzen. Viel entscheidender ist positive emotionale Präsenz: authentische Begegnungen, in denen auf die individuellen Bedürfnisse des Kindes eingegangen wird. Viele Kinder wachsen in zwei Welten auf, sie müssen beide Kulturen miteinander verbinden. Junge Menschen berichten in der Therapie oft, dass sie das Gefühl hatten, keine Chance zu bekommen, weil niemand an sie geglaubt hat. Sie haben keine stabile Bindung erlebt und erfahren strukturelle Diskriminierung, die bis heute zu ihrem Leidensdruck beiträgt. Als Lehr- oder Fachpersonen für sie da zu sein, ist entscheidender als alles andere. Wir alle sind ein Leben lang auf Bindung angewiesen, egal, wie unsere ersten Erfahrungen waren. Die Bindungstheorie (John Bowlby, Mary Ainsworth) geht davon aus, dass Kinder weltweit ein Grundbedürfnis nach Nähe, Schutz und Verlässlichkeit haben. Das Bindungssystem ist biologisch verankert: Es dient dem Überleben des Kindes. Kulturen unterscheiden sich darin, wie Bindung gelebt und gezeigt wird. In westlichen Kulturen wird Eigenständigkeit oft betont. «Sicher gebunden» heisst auch, dass ein Kind neugierig alleine spielt. In vielen kollektivistischen Kulturen steht Nähe und Verbundenheit im Vordergrund. Kinder sind länger in körperlicher Nähe der Mutter, Trennung wird selten praktiziert. Die äusseren Verhaltensweisen unterscheiden sich, aber das Bedürfnis nach sicherer Basis bleibt gleich. In Kitas, Kindergärten und Schulen bräuchte es eine kultursensible Intervention und Förderung.
Related posts:
No related posts.