Die Sectio caesarea ist eine der häufigsten geburtshilflichen Eingriffe und ein bedeutender Bestandteil der
modernen Geburtshilfe. In der Schweiz kamen 2024 33 Prozent der Kinder durch einen Kaiserschnitt zur
Welt (Bundesamt für Statistik, 2024). Das Konzept «Enhanced Recovery after Surgery» (ERAS) wurde
entwickelt, um die Abläufe vor, während und nach einer Operation optimal zu gestalten. Ein Überblick.
Der operative Eingriff einer Sectio caesarea beeinflusst den postpartalen Verlauf deutlich: Schmerzen, verzögerte Mobilisation, ein erhöhtes Risiko für Komplikationen sowie Einschränkungen im frühen Bonding können die Erholungsphase der Wöchnerinnen erheblich erschweren (Macones et al., 2019). Diese Zahl unterstreicht die Relevanz des Eingriffs und die Notwendigkeit, postoperative Versorgungsstrategien kontinuierlich zu optimieren.
Konzept «Enhanced Recovery after Surgery»
Genau hier setzt das Konzept der verbesserten Erholung nach operativen Eingriffen an. Um den prä-, intra- und postoperativen Prozess optimal zu gestalten, wurde das Konzept «Enhanced Recovery after Surgery» (ERAS) entwickelt (Ogunkua & Duryea, 2021). ERAS ist ein evidenzbasierter, multidisziplinärer Ansatz, mit dem Ziel, den Stress nach einem chirurgischen Eingriff zu reduzieren, die physiologische Funktion postoperativ aufrechtzuerhalten und die Erholung von Patient*innen zu beschleunigen. Zu den Kernaspekten gehören unter anderem eine optimierte Anästhesie, die frühzeitige Mobilisation, eine angepasste Ernährung sowie eine multimodale Schmerztherapie (Tamang et al., 2021).
Ursprünglich in der kolorektalen Chirurgie entwickelt (ERAS Society, o. J.), hat sich ERAS in zahlreichen Fachgebieten etabliert und gewinnt zunehmend auch in der Geburtshilfe an Bedeutung (Cherot, 2018; Contemporary OB/GYN, 2021; Meng et al., 2021; Tamang et al., 2021). Ziel ist es, Frauen nach einer Sectio caesarea eine schnellere, sicherere und angenehmere Erholung zu ermöglichen. Für Hebammen eröffnet ERAS die Chance, die Betreuung entlang des gesamten geburtshilflichen Behandlungspfads evidenzbasiert zu optimieren – vom Vorgespräch bis zur Nachsorge.
Information im Vorgespräch
Der ERAS-Prozess beginnt bereits um die 36. Schwangerschaftswoche. In einem strukturierten Aufklärungsgespräch werden prä-, intra- und postoperative Ziele besprochen (Contemporary OB/GYN, 2021; Ogunkua & Duryea, 2021). Viele Frauen verfügen vor einem geplanten Eingriff über wenig Wissen zur Schmerztherapie oder postoperativen Abläufen, was bedeutet, dass die Frauen ein Informationsdefizit haben, welches Unsicherheiten verstärkt (Contemporary OB/GYN, 2021). Eine umfassende Aufklärung reduziert nachweislich Ängste, emotionalen Stress und die postoperative Schmerzwahrnehmung. Gleichzeitig fördert sie Vertrauen für eine frühzeitige Mobilisation (Choi et al., 2022), Zufriedenheit und die Therapietreue der Frauen (Meng et al., 2021).

Vor der Operation: Kohlenhydrate laden
Das ERAS-Konzept empfiehlt verkürzte Nüchternzeiten und ein gezieltes Kohlenhydrat-Loading (Wilson et al., 2018). Kohlenhydrathaltige Getränke können bis spätestens zwei Stunden vor der Operation konsumiert werden. Dies reduziert Hunger- und Durstgefühl, verringert insulinresistenzbedingte Stoffwechselveränderungen und senkt den postoperativen Nährstoffverlust (Cherot, 2018; Choi et al., 2022; Contemporary OB/GYN, 2021; Meng et al., 2021; Ogunkua & Duryea, 2021).
Schonende Operationstechnik
Intraoperativ zielt ERAS auf ein möglichst komplikationsarmes Vorgehen ab. Besonders wichtig ist die Vermeidung von Hypothermie, da diese Infektionen, Koagulopathien, einen veränderten Arzneimittelstoffwechsel sowie verlängerte Spitalaufenthalte begünstigen kann. Auch die Auswirkungen einer maternalen Hypothermie auf das Neugeborene sind relevant: Sie kann sich negativ auf die Körpertemperatur, den Nabelschnur-pH-Wert und den APGAR-Wert auswirken (Caughey et al., 2018). Ein essenzieller Bestandteil ist das moderne, restriktivere Flüssigkeitsmanagement. Dabei wird das benötigte Infusionsvolumen auf 4 ml/kg/h reduziert, während früher häufig 10 ml/kg/h verabreicht wurden. Studien zeigen, dass eine reduzierte Flüssigkeitsgabe postoperative Komplikationen senkt, die Darmfunktion schneller normalisiert und die Hospitalisationsdauer verkürzt (Standl, 2021). Ein Flüssigkeitsüberschuss erhöht hingegen das Risiko eines Lungenödems und kann beim Neugeborenen die Gewichtsabnahme in den ersten Lebenstagen verstärken (Caughey et al., 2018).
Optimale postoperative Schmerztherapie
Schmerzen nach einer Sectio caesarea können Mobilität, Selbstständigkeit, Erholung, Bonding und Stillen erheblich beeinträchtigen. ERAS setzt deshalb auf multimodale, möglichst opioidfreie Analgesie. Paracetamol und NSAR bilden dabei die Grundlage und reduzieren Nebenwirkungen sowie den Bedarf an Opioiden. Dies erleichtert die frühe Mobilisation und fördert die rasche Erholung des Magen-Darm-Trakts (Caughey et al., 2018; Choi et al., 2022; Ogunkua & Duryea, 2021).
Übelkeit vorbeugen und frühe Ernährung
Postoperative Übelkeit nach Regionalanästhesie, häufig ausgelöst durch Hypotonie, wird im ERAS-Konzept multimodal behandelt, unter anderem mit Antiemetika, Flüssigkeitsgabe und Beinkompression (Caughey et al., 2018). Die Ernährung sollte innerhalb von zwei Stunden postoperativ erfolgen. Alternativ kann Kaugummikauen die Aktivierung der Darmfunktion fördern (Husslein et al., 2013; Macones et al., 2019).

Frühe Mobilisation
Eine frühe Erstmobilisation gilt als eines der effektivsten Elemente des ERAS-Konzepts. Sie reduziert Thrombosen, aktiviert die Darmfunktion und beschleunigt den gesamten Genesungsprozess. Die Erstmobilisation ist typischerweise mit Schmerzen assoziiert, unabhängig vom Zeitpunkt der Durchführung. Nachfolgende Mobilisationen verlaufen in der Regel weniger schmerzhaft und tragen nachweislich zu einer Verbesserung des postoperativen beziehungsweise postpartalen Verlaufs bei. Darum sollte die Erstmobilisation zum frühestmöglichen Zeitpunkt stattfinden (Macones et al., 2019).
Der transurethrale Katheter wird frühestmöglich entfernt, um Infektionen und damit verbundene Komplikationen vorzubeugen, oftmals nach erfolgreicher Erstmobilisation (Choi et al., 2022).
Eine frühe Erstmobilisation gilt als eines der effektivsten Elemente des ERAS-Konzepts.
Früherer Spitalaustritt
Internationale Studien zeigen deutlich, dass Patient*innen unter ERAS früher entlassen werden können, ohne dass die Wiederaufnahmeraten steigen (Choi et al., 2022; Macones et al., 2019; Meng et al., 2021; Ogunkua & Duryea, 2021). Ein früher Austritt kann die Selbstständigkeit stärken, das psychische Wohlbefinden fördern und Gesundheitskosten senken. Gleichzeitig werden Klinikprozesse optimiert, da die Arbeitslast sinkt, Betten rascher frei werden und Kapazitäten effizienter genutzt werden können (Mazni et al., 2024).
Überblick: Verbesserte Erholung nach Sectio
Das Rotunda-Spital in Dublin, Irland, hat eine Übersicht zusammengestellt, wie nach dem ERAS-Modell vor, während und nach dem Kaiserschnitt vorgegangen werden soll, um eine verbesserte Erholung nach Sectio zu gewährleisten.
Zum Flyer «Enhanced Recovery after Caesarian Section»
Gute Nachsorge – Hebammen als Schlüssel zum Erfolg
Nach der Entlassung übernehmen Hebammen eine Schlüsselrolle in der ambulanten Versorgung. Dabei sind regelmässige Kontrollen der Wunde, eine fundierte Beratung sowie das frühzeitige Erkennen möglicher Komplikationen von besonderer Bedeutung (Macones et al., 2019).
Fazit aus dem Stadtspital Zürich, Triemli
Die Einführung des ERAS-Konzepts nach Sectio caesarea hat insbesondere im Bereich der Frühmobilisation ein deutliches Umdenken – ja sogar einen Kulturwandel – angestossen. Vor der Implementierung wurden die Mobilisation sowie die Entfernung von Zu- und Abgängen aus vermeintlich «praktischen» Gründen häufig im Spätdienst nicht durchgeführt. Heute wissen wir: Eine umfassende Aufklärung bereits im Vorgespräch sowie prä- und postoperativ trägt entscheidend zum Gelingen der Erstmobilisation bei. Für die Wöchnerinnen zeigen sich klare Vorteile: gesteigerte Mobilität, reduzierter Schmerzmittelbedarf schnelleres und selbstständigeres Handling mit dem Neugeborenen (Bonding, Stillen, Pflege) sowie teilweise ein früherer Spitalaustritt. Diese Verbesserungen führen wiederum zu einem geringeren Betreuungsaufwand für das Fachpersonal (Eigenmann & Isler, 2025). Inzwischen ist die Frühmobilisation standardisiert und erfolgt teilweise bereits im Gebärsaal – etwa drei bis vier Stunden postoperativ.
Autorinnen
Ramona Eigenmann und Tamara Bonc-Brujevic
Literatur
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Cherot, E. (2018) ERAS: Improved outcomes post-cesarean. Contemporary OB/GYN; 63(7), 21–22. CINAHL Ultimate.
Choi, Y. S., Kim, T. W., Chang, M. J., Kang, S.-B. & Chang, C. B. (2022) Enhanced recovery after surgery for major orthopedic surgery: A narrative review. Knee Surgery & Related Research; 34(1), 8. https://doi.org/10.1186/s43019-022-00137-3
Contemporary OB/GYN. (2021) Enhanced Recovery for Cesarean Deliveries in the United States: Perspectives From the Front Lines—Part 1. Contemporary OB/GYN, 66(1), 1–5. CINAHL Ultimate.
Eigenmann, R., & Isler, J. (2025, April 24) Enhanced Recovery after Surgery bei Sectio caesarea.
ERAS Society. (o. J.) Kolorektale Chirugie. https://erassociety.org/specialty/colorectal/
Husslein, H., Franz, M., Gutschi, M., Worda, C., Polterauer, S. & Leipold, H. (2013)
Kaugummikauen nach gynäkologischen Laparoskopien: A randomized Trial. Geburtshilfe und Frauenheilkunde; 73(05), s-0033-1347844. https://doi.org/10.1055/s-0033-1347844
Macones, G. A., Caughey, A. B., Wood, S. L., Wrench, I. J., Huang, J., Norman, M., Pettersson, K., Fawcett, W. J., Shalabi, M. M., Metcalfe, A., Gramlich, L., Nelson, G. & Wilson, R. D. (2019) Guidelines for postoperative care in cesarean delivery: Enhanced Recovery After Surgery (ERAS) Society recommendations (part 3). American Journal of Obstetrics and Gynecology; 221(3), 247.e1-247.e9. https://doi.org/10.1016/j.ajog.2019.04.012
Mazni, Y., Syaiful, R. A., Ibrahim, F., Jeo, W. S., Putranto, A. S., Sihardo, L., Marbun, V., Lalisang, A. N., Putranto, R., Natadisastra, R. M., Sumariyono, S., Nugroho, A. M., Manikam, N. R. M., Karimah, N., Hastuty, V., Sutisna, E. N., Widiati, E., Mutiara, R., Wardhani, R. K., Lalisang, T. J. M. (2024) The enhanced recovery after surgery (ERAS) protocol implementation in a national tertiary-level hospital: A prospective cohort study. Annals of Medicine & Surgery; 86(1), 85–91. https://doi.org/10.1097/MS9.0000000000001609
Meng, X., Chen, K., Yang, C., Li, H. & Wang, X. (2021) The Clinical Efficacy and Safety of Enhanced Recovery After Surgery for Cesarean Section: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials and Observational Studies. Frontiers in Medicine; 8, 694385. https://doi.org/10.3389/fmed.2021.694385
Ogunkua, O. & Duryea, E. L. (2021) Enhanced Recovery After Cesarean Section: A case for adopting some ERAS principles for cesarean delivery. Contemporary OB/GYN; 66(5), 16–19. CINAHL Ultimate.
Standl, T. (2021) Das moderne Fast-Track-Konzept 2.0. Standl T: Das moderne Fast-Track-Konzept 2.0; 10–2021, 452–462. https://doi.org/10.19224/ai2021.452
Tamang, T., Wangchuk, T., Zangmo, C., Wangmo, T. & Tshomo, K. (2021) The successful implementation of the Enhanced Recovery After Surgery (ERAS) program among caesarean deliveries in Bhutan to reduce the postoperative length of hospital stay. BMC Pregnancy and Childbirth; 21(1), 637. https://doi.org/10.1186/s12884-021-04105-9
Wilson, R. D., Caughey, A. B., Wood, S. L., Macones, G. A., Wrench, I. J., Huang, J., Norman, M., Pettersson, K., Fawcett, W. J., Shalabi, M. M., Metcalfe, A., Gramlich, L. & Nelson, G. (2018) Guidelines for Antenatal and Preoperative care in Cesarean Delivery: Enhanced Recovery After Surgery Society Recommendations (Part 1). American Journal of Obstetrics and Gynecology; 219(6), 523.e1-523.e15. https://doi.org/10.1016/j.ajog.2018.09.015
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