Die Schwangerschaft ist eine Zeit tiefgreifender Veränderungen: Sie beansprucht den Körper, verändert den Hormonhaushalt und bringt die psychischen Bezugspunkte durcheinander. Dennoch wird sie oft banalisiert – durch die Aussage, dass sie «keine Krankheit» sei. Auch wenn dies aus medizinischer Sicht der Fall ist, blendet es das Ausmass der Veränderungen, die Frauen durchleben und die daraus resultierenden Bedürfnisse aus.
Bei einer physiologischen Schwangerschaft, das heisst ohne chronische Erkrankung, Risikofaktoren oder Komplikationen, beginnen zahlreiche Veränderungen sehr früh, teilweise schon mit der Einnistung. einer physiologischen Schwangerschaft, das heisst ohne chronische Erkrankung, Risikofaktoren
oder Komplikationen, beginnen zahlreiche Veränderungen sehr früh, teilweise schon mit der Einnistung. diese Veränderungen werden nicht von allen Frauen gleich erlebt, sind jedoch in jedem Fall herausfordernd. die Hebammen Méline Leca und Lucie Jacquot, die im Geburtshaus la Roseraie in Genf tätig sind, geben einen
Überblick über die zahlreichen Veränderungen während der Schwangerschaft.
Ein von Hormonen gesteuerter Körper
Bereits in den ersten Tagen nach der Befruchtung beginnt sich der Körper zu verändern. Noch bevor ein Schwangerschaftstest positiv ausfällt, spüren manche Frauen erste hormonelle Veränderungen. Auch wenn Östrogene und Progesteron allgemein bekannt sind, machen sie doch nur einen Teil eines weitaus komplexeren Systems aus.

«Die Schwangerschaft ist kein statischer Zustand von neun Monaten, sondern ein Kontinuum, das bereits die Zeit danach vorwegnimmt.» Lucie Jacquot
Hormone des Gelbkörpers, des Trophoblasten und später der Plazenta wirken dabei wie Dirigenten. Ihre Aufgabe ist es, den Körper in eine Umgebung zu verwandeln, die den Fötus aufnehmen, ernähren und schützen kann – und gleichzeitig die Geburt, die Zeit danach sowie das Stillen vorzubereiten. «Die Schwangerschaft ist kein statischer Zustand von neun Monaten, sondern ein Kontinuum, das bereits die Zeit danach vorwegnimmt», erklärt Lucie Jacquot. Diese Hormone beeinflussen sämtliche Systeme: das Gewebe, das Immunsystem und den Kreislauf, aber auch Emotionen und psychische Funktionen.
Anpassung der physiologischen Systeme
Die körperlichen Veränderungen sind eindrücklich. So wächst beispielsweise die Gebärmutter von der Grösse einer Feige auf jene einer Wassermelone an. Auch das Immunsystem passt sich an, indem es seine Aktivität leicht reduziert, um den Fötus – diesen «Fremdkörper» – zu tolerieren. Dadurch kann die Schwangere anfälliger für Infektionen werden.
Blut- und Atmungssystem
Das Blutvolumen steigt bereits im ersten Trimester um rund 20 Prozent und bis zum Ende der Schwangerschaft um bis zu 40 Prozent – auf etwa fünf bis sechs Liter. Das Herz vergrössert sich leicht (um etwa 12 %) und schlägt schneller. Mögliche Folgen sind Herzklopfen, Atemnot und Ödeme. Das Blut ist dabei «verdünnt» – man spricht von einer physiologischen Anämie –, während die Gerinnungsfaktoren im Hinblick auf die Geburt zunehmen.
Auch das Atmungssystem ist stark gefordert: Gegen Ende der Schwangerschaft muss der Körper bis zu 30 Prozent mehr Sauerstoff bereitstellen, obwohl das Zwerchfell nach oben gedrückt wird. Man muss gewissermassen «mehr atmen», und das bei «weniger Platz».
Nieren- und Verdauungssystem
Die Nieren arbeiten auf Hochtouren: Ihre Durchblutung steigt um 50 bis 70 Prozent, wodurch sie mehr und schneller filtern. Das erklärt den häufigen Harndrang, der durch den zunehmenden Druck auf die Blase noch verstärkt wird. Gleichzeitig erweitern sich die Harnwege, was das Risiko für Infektionen erhöht.
Im Verdauungstrakt wirkt Progesteron entspannend auf die Muskulatur: Die Verdauung verlangsamt sich und die Schliessmuskeln arbeiten weniger effektiv (Reflux, Sodbrennen, Blähungen). Der zusammengedrückte Magen führt zudem zu dem bekannten Gefühl: «Ich habe Hunger, … aber ich habe keinen Platz mehr.»
Bewegungsapparat
Auch der Bewegungsapparat bleibt nicht verschont: Die Bänder lockern sich, der Körperschwerpunkt verlagert sich, und es kommt häufig zu einer Hyperlordose, also einer verstärkten Wölbung der Lendenwirbelsäule. Schmerzen im Lendenbereich, Ischiasbeschwerden und ein Gefühl von Instabilität führen mitunter zu jenem charakteristischen Gang, der zwischen Vorsicht und dem Bemühen um Gleichgewicht schwankt.
Neben der Gewichtszunahme sind auch Haut, Schleimhäute, das Sehvermögen sowie der Bereich von Hals, Nase und Ohren betroffen – kaum ein System bleibt unberührt. Eine verstärkte Durchblutung kann unter anderem Nasen- oder Zahnfleischbluten, Stimmveränderungen oder eine verstopfte Nase verursachen. Die Liste der Beschwerden und «Seltsamkeiten», die mit einer Schwangerschaft einhergehen können, ist lang.
Gewichtszunahme: Woher die zusätzlichen Kilos kommen
Die Gewichtszunahme während der Schwangerschaft liegt durchschnittlich bei etwa 13 Kilogramm, variiert jedoch von Frau zu Frau deutlich. Sie setzt sich ungefähr wie folgt zusammen:
5 kg: Fötus und Plazenta
3 kg: Gewebe, deren Masse zunimmt (Gebärmutter, Brüste und extrazelluläre Flüssigkeit)
4 kg: Fettreserven – sogenanntes «gutes Fett», das unter anderem der Bildung nährstoffreicher Muttermilch dient.
Müdigkeit und «Baby-Brain»: Physiologische Tatsachen
All diese Anpassungen erfordern beträchtliche Energie. Müdigkeit ist deshalb allgegenwärtig – manchmal bereits in den ersten Wochen der Schwangerschaft. Hinzu kommt ein faszinierendes Phänomen, das heute wissenschaftlich gut belegt ist: die Neuroplastizität. Das mütterliche Gehirn reorganisiert sich, wobei bestimmte Bereiche der grauen Substanz um vier bis fünfzehn Prozent abnehmen, um besser auf die Bedürfnisse des Babys eingehen zu können. Dabei handelt es sich nicht um einen Verlust, sondern um eine gezielte Anpassung.
Aufmerksamkeitsstörungen, Vergesslichkeit oder das Gefühl, weniger leistungsfähig zu sein – das sogenannte «Baby-Brain» hat also eine reale Grundlage.
Manche Frauen beschreiben zudem das Gefühl, «in ihrer eigenen Blase» zu sein oder gar zu «schweben». Dieses Empfinden wird teilweise auf die hormonellen Veränderungen während der Schwangerschaft zurückgeführt. Tatsächlich kann die Schwangerschaft, wenn man ihr den nötigen Raum lässt, auch eine Zeit intensiver Träumerei sein und ein beinahe berauschendes Gefühl des Wohlbefindens hervorrufen.
Eine tiefgreifende psychische Veränderung
Eine Schwangerschaft verändert nicht nur den Körper, sondern auch das psychische Erleben. Psychologinnen und Psychiater haben zahlreiche Konzepte entwickelt, um die Prozesse zu beschreiben, die während der Perinatalphase ablaufen. Die sogenannte «psychische Transparenz» ermöglicht das Auftauchen von Erinnerungen, Emotionen und manchmal auch alten Konflikten. Dieser oft verunsichernde Prozess bietet zugleich die Chance zu einer inneren Neuordnung. Konzepte wie die «psychische Nestbildung», die «mütterliche Konstellation» oder die «primäre mütterliche Beschäftigung» beschreiben die zunehmende Ausrichtung auf das kommende Kind. Das Bindungssystem wird aktiviert, Prioritäten verschieben sich (siehe auch Kästchen unten).
Muttertät: Mutterschaft und Pubertät
Der Begriff «Muttertät» ist eine Wortschöpfung aus «Mutterschaft» und «Pubertät» und beschreibt das Mutterwerden als Prozess. Gemeint ist die Entwicklung, die eine Frau durchläuft, wenn sie Mutter wird – auf körperlicher, emotionaler, neurobiologischer und hormoneller Ebene. Geprägt wurde der Begriff in den 1970er-Jahren von der amerikanischen Anthropologin Dana Louise Raphael. Im Englischen wird dieser Prozess als «matrescence» bezeichnet. Aktuelle Studien zeigen, dass das Mutterwerden als eigenständige Entwicklungsphase verstanden werden kann, die mit tiefgreifenden hormonellen, neurobiologischen und psychischen Veränderungen einhergeht. So beschreiben Orchard et al. (2023) Mutterschaft als ein bedeutendes biopsychosoziales Lebensereignis mit nachhaltigen Auswirkungen auf Kognition und Gehirnstruktur (vgl. Orchard et al., Matrescence: Lifetime Impact of Motherhood on Cognition and the Brain, Trends in Cognitive Sciences, 2023).
Risiko einer perinatalen Depression
Eine Schwangerschaft ist jedoch auch mit Belastungen verbunden: die Entscheidung, die Schwangerschaft fortzuführen oder nicht, die Angst vor einem Verlust im ersten Trimester, die oft in Einsamkeit und Schweigen erlebt wird, sowie tiefgreifende Fragen zur eigenen Identität.
Mutter zu werden bedeutet, den eigenen Platz als Frau, als Tochter und oft auch als Partnerin neu zu definieren. Die Emotionen können intensiv, wechselhaft und zuweilen widersprüchlich sein.
Deshalb ist es wichtig zu betonen, dass in zehn bis zwanzig Prozent der Fälle eine perinatale Depression auftreten kann – sowohl während der Schwangerschaft als auch nach der Geburt.

Auch wenn dieses Risiko zunehmend erkannt wird, verdienen die Emotionen, die mit der Schwangerschaft und den ersten Monaten mit einem Baby einhergehen, in unserer Gesellschaft mehr Aufmerksamkeit. Für Lucie Jacquot «handelt es sich oft um eine schwindelerregende Zeit für die Eltern – eine Phase, die begleitet und gestärkt werden sollte». Sie fügt hinzu: «In dieser Zeit werden viele wichtige Meilensteine für die Zukunft gelegt.»
«Zu akzeptieren, dass eine Schwangerschaft eine körperliche und psychische Umwälzung ist, ist das eine – sie zu begleiten und zu bewältigen, das andere.» Méline Leca
Grundbedürfnisse, die noch zu wenig beachtet werden
In den Schwangerschaftsvorsorgeuntersuchungen wird ein grosser Teil der Zeit darauf verwendet, konkrete Beschwerden zu besprechen: Ödeme, Hämorrhoiden, Atemnot oder Verdauungsprobleme. Gehört und verstanden zu werden, ist dabei bereits eine grosse Entlastung.
«Das grundlegende Bedürfnis ist das nach Sicherheit», präzisiert Lucie Jaquot. Das bedeutet: zu verstehen, dass das, was man erlebt, normal ist – ohne dass es bagatellisiert wird. Ihre Kollegin Méline Leca ergänzt: «Zu akzeptieren, dass eine Schwangerschaft eine körperliche und psychische Umwälzung ist, ist das eine – sie zu begleiten und zu bewältigen, das andere.»
Informationsüberflutung
Heute kommt eine weitere Herausforderung hinzu: die Fülle an Informationen. Zwischen medizinischen Empfehlungen, sozialen Netzwerken und unterschiedlichsten Vorgaben fühlen sich manche Frauen verunsichert oder sogar von ihren eigenen Erfahrungen entfremdet.
Vor allem eines bleibt wichtig zu betonen: Es ist entscheidend, dem eigenen Körper zu vertrauen. Denn es gibt nicht den einen «richtigen» Weg, eine Schwangerschaft zu erleben.
Und die Partner? Ein Raum, der erst geschaffen werden muss
Auch die Partner*innen durchlaufen einen Wandel. Dieser ist weniger sichtbar und wird oft auch weniger begleitet. Viele fühlen sich mitunter fehl am Platz oder finden kaum Orientierung und Vorbilder.
Sie in die Betreuung einzubeziehen, ihnen Zugang zu Informationen zu ermöglichen und ihre Rolle anzuerkennen, sind wesentliche Voraussetzungen, um bereits während der Schwangerschaft eine ausgewogene Elternschaft zu fördern.
Eine gesellschaftliche Herausforderung
Vor allem aber verlangt die Schwangerschaft als umfassende Umwälzung gesellschaftliche Anpassungen, die über den medizinischen Bereich hinausgehen: bessere Arbeitsbedingungen, Informationen über Rechte, die Einbindung der Partner*innen sowie soziale Unterstützung.
Noch immer werfen ein unzureichender Mutterschaftsurlaub oder der Druck, «alles unter einen Hut zu bringen», grundlegende Fragen auf. Wie kann von Frauen erwartet werden, diese Veränderungen gelassen zu erleben und gleichzeitig ihren gewohnten Lebensrhythmus beizubehalten?
Wie kann von Frauen erwartet werden, diese Veränderungen gelassen zu erleben und gleichzeitig ihren gewohnten Lebensrhythmus beizubehalten?
Begleiten statt banalisieren
Zu sagen, dass «alles normal ist», sollte nicht bedeuten, dass «alles unbedeutend ist». Die von Hebammen angebotene Schwangerschaftsbetreuung geht genau in diese Richtung: Eine Schwangerschaft ist keine Krankheit und kann eine besondere Zeit der Freude sein – zugleich verdient sie eine Aufmerksamkeit, die den damit verbundenen Veränderungen gerecht wird. Zu informieren, zuzuhören und zu unterstützen, ohne zu überfordern oder Schuldgefühle zu wecken, ermöglicht es Frauen und Familien, diese Zeit gelassener zu erleben. Und manchmal beginnt das ganz einfach damit, das Offensichtliche anzuerkennen: Nein, es ist nicht «nur» eine Schwangerschaft.
Das Gespräch führte Jeanne Rey, Redaktorin «Obstetrica». Übersetzung aus dem Französischen durch KI.
Redaktionelle Bearbeitung: Esther Grosjean
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