Ein Neuanfang nach Burn-out

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Ein Neuanfang nach Burn-out
02.12.2025
Bildquellen: IStock, Sula Anderegg, privat

Autor*in(nen)

Bild von Esther Grosjean
Esther Grosjean
Leitung Redaktion

Vor 15 Jahren erlitt Sula Anderegg ein Burn-out. Die Erfahrung prägt sie bis heute: als Erinnerung an die feine Linie zwischen Hingabe und Erschöpfung.

15 Jahre sind vergangen, die Kinder längst ausgeflogen, die bleierne Schwere in Körper und Seele ist weg. Doch wenn Sula Anderegg von der Zeit erzählt, in der ihr der Boden unter den Füssen weggerissen wurde und sie zusammenbrach, ist das Erlebte wieder ganz nah. Ihr Burn-out wirkt bis heute nach – als Erfahrung, die sie lehrte, wo Engagement und Freude am Beruf in Überidentifikation und überhöhten Selbstanspruch umschlagen, bevor alles zusammenbricht.

Burn­-out: Die Diagnose ist im Volksmund bekannt. Streng diagnostisch wird Burn­-out kein eigenständiges Krankheitsbild zuge­ordnet, sondern als Syndrom aufgrund von chronischem Stress am Arbeitsplatz defi­niert, der nicht erfolgreich verarbeitet wur­de. Die Weltgesundheitsorganisation führt Burn-­out im ICD­11 unter «Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen» und be­schreibt es als Zustand der Erschöpfung, der ausschliesslich im beruflichen Kontext verwendet wird.

Plötzlicher Zusammenbruch

Sula blickt zurück: «Es war ein wunder­schöner Herbsttag im September, die Son­ne schien. Ich musste nicht zur Arbeit, denn ich hatte meine Stelle als Leitende Hebamme am Tag zuvor wegen ungelöster Konflikte gekündigt. Der Tag lag ungeplant vor mir. Aber als ich aufstehen wollte, schaffte ich es nicht aus dem Bett. Mein Körper fühlte sich bleischwer an. Nur mit Mühe gelang es mir später, mich vom Bett zum Sofa zu kämpfen. Dort blieb ich den
ganzen Tag liegen und starrte ein Loch in die Wand. Alles in mir war leer, die drü­ckende Schwere blieb.»
Sula weiss bis heute nicht, ob es eine isolier­te oder gleich mehrere Panikattacken nach­einander gewesen sind, die sie derart aus­ser Gefecht gesetzt hatten. Sicher aber ist: Sula war nicht in der Lage, aufzustehen, ih­ren üblichen Dingen nachzukommen odereinen klaren Gedanken zu fassen. Die Ge­fühle waren wie weggeschluckt. Als sich ihr
Zustand auch in den nächsten Tagen nicht änderte, ermutigte sie ihr Partner, gemein­sam zu einem «Profi» zu gehen. Es war der erste Schritt aus dem Tiefpunkt heraus.

Diagnose Erschöpfungsdepression

Im Psychologische Kriseninterventions­-Zen­trum erhielt Sula die Diagnose einer mittel­schweren Erschöpfungsdepression. Einen Monat verbrachte sie stationär, eine wichti­ge erste Massnahme, wie sie sagt. «Ich wur­de aus dem Hamsterrad herausgeholt und in eine andere Struktur versetzt.» Zu Hause setzte Sula die Genesung mit ambulanter Psychotherapie und zeitweiliger Einnahme von Psychopharmaka fort. «Das war gut», blickt sie zurück.

Wenn alles irgendwann zu viel wird

Das Burn­out schlug ein wie ein Blitz. Wann aber waren die Wolken aufgezogen? «Lange Zeit merkt man es gar nicht, dass man am Limit läuft. Schlaflose Nächte und Grübeln, das kennen doch alle, redet man sich ein. Das ist normal», sagt Sula. Doch dann mel­det sich der Körper: «So nicht mehr!», ord­net sie das Geschehene heute ein. Tatsäch­lich lagen vor ihrem Burn-­out Jahre, in denen vieles zusammenkam, sie stets über ihrem hochangelegten Energielevel agierte. Der Zusammenbruch folgte beinahe einer Logik, es ist das Ergebnis davon, wenn man
zu lange über seine Kräfte «hinauslebt». Dass es so weit kommen konnte, hatte, wie Sula sagt, sicher mit dem anspruchsvollen «Aussen» zu tun, der Berufswelt, den vielen Anforderungen, dem Spagat zwischen Mut­tersein und Arbeitswelt. Vieles hat aber auch mit dem Umgang mit sich selbst zu tun und den eigenen hohen Ansprüchen.
«Ich gebe mich den Sachen ganz hin, mache alles mit vollem Einsatz, manchmal viel­ leicht zu sehr.» Gut genug reichte nie.

Hochgetaktet unterwegs

Sula wurde jung zweifache Mutter und erfüllte sich nach einer Erstausbildung ihren Traum, Hebamme zu werden. Um Familie und Arbeit unter einen Hut zu bringen, übernahm sie vor allem Nachtwachen und übernachtete in einer späteren Anstellung aufgrund der Schichtarbeit oft in der Zweitwohnung. «Mir ging damals nicht auf, dass ich mich auf ein energetisches Minus zubewege.» Rückschläge wie das Schliessen der Geburtsabteilung am Spital prägten sie. Sula begann, sich politisch zu engagieren. An einem Tag fiel ihr ein Inserat in der «Obstetrica» auf: Leitende Hebamme in einem Privatspital. «Ich nahm mein Herz in beide Hände und bewarb mich auf die Stelle, mit der Ambition, endlich Einfluss nehmen und etwas neu gestalten zu können.»
Wenige Monate später fing sie als Leitende Hebamme an. Was auf dem Papier attraktiv klang, war in der Realität kompliziert.

Die Privatklinik mit rund 500 Geburten im Jahr ist von Umbrüchen geprägt, und Sula steht zwischen Team, Ärzteschaft und Spitalleitung in einer schwierigen Sandwichposition, ihre Rolle ist nicht klar definiert. Am meisten belastet Sula der Alltag in der Geburtshilfe: Gewalt wird nie thematisiert, obwohl sie zum Alltag gehört. «Ich war Täterin und Opfer (Second Victim), weil Interventionen teilweise ohne klare Indikationen angeordnet und durchgeführt wurden.» Es gibt im Spital Vakuumgeburten, Kaiserschnitte ohne klare Indikationen. Sula stellt an sich selbst den Anspruch, die Konflikte zu klären, und will Gefässe schaffen, um evidenzbasiert arbeiten zu können. Dabei verliert sie sich selbst aus dem Blick. «Ich habe nicht wahrgenommen, wie viel Energie diese Diskussionen und Verstrickungen kosten. Auch das tägliche Engagement für den Hebammenethos und die Hebammenpolitik.»

Es war der eine Konflikt zu viel, den Sula nicht klären konnte. Sie organisierte die Betreuung der Frauen, ging noch am selben Tag zum Chef, gab ihren Badge ab und liess sich krankschreiben. Danach fuhr sie nach Hause. «Endlich», dachte sie, «ein Moment zum Durchatmen.» Am nächsten Tag jedoch kam sie nicht aus dem Bett.

Burn-out: das Hamsterrad durchbrechen

«Wer ein Burn-out erlitten hat, muss auch später darauf achten, nicht wieder die Schwelle zu überschreiten, bei der man die eigenen Grenzen missachtet.» Es bleibt ein Balanceakt zwischen Hingabe und sich rausnehmen. Mittlerweile kennt Sula viele Strategien, die ihr helfen, sich abzugrenzen. Später schaffte sie sich einen Hund an, der sie in die Natur hinauszog und lange Spaziergänge erforderlich machte. Das Implementieren von handyfreien Zeiten während der über zehnjährigen Freiberuflichkeit war ebenso wichtig. Vor allem aber: «Anerkennen, was man selbst geleistet hat, sich selbst aushalten − und sich auch selbst mal in den Arm nehmen.» 
Um dahin zu gelangen, brauchte es erst aber im Fall von Sula viele Kilometer auf dem Motorrad. Einige Monate nach dem Burn-out fühlte sie sich wieder stabil, fand gar die wöchentlichen Sitzungen beim Psychotherapeuten unnötig; bis sie jeweils dort sass und es aus ihr heraussprudelte. Das Hamsterrad im Leben war durchbrochen. Nun musste aber auch die Barriere im Kopf weg. Ihr Therapeut hatte dazu eine unkonventionelle Herangehensweise. «Sie fahren doch Motorrad? Was halten Sie also davon, Ihre sieben Sachen zu packen und loszufahren und zu schauen, was passiert?» Als er ihr die Unterlagen für die Versicherungen aushändigte, stand nur noch die Frage im Raum. Wann?  

Mit dem Motorrad in den Süden

Am 3. März fährt Sula los. Südwärts, aber ohne klares Ziel. Insgesamt wird sie zehn Wochen unterwegs sein. Anfangs sucht Sula den Sinn der Motorradaktion und versucht, ihren Beitrag zu dieser unkonventionellen Genesungsmethode zu leisten. Unter Druck schreibt sie Tagebuch, um ihre Produktivität nachzuweisen – das typische Leistungsdenken. Warum eigentlich? Reicht es nicht, einfach mal über sich nachzudenken? Einfach zu sein?
Das Bewusstsein setzte langsam ein: «Ich bin noch nicht mal fünfzig und habe schon so viel geleistet und erlebt. Warum zweifle ich denn dauernd an mir?» Sie fing an, alles infrage zu stellen, ihren ganzen Lebensentwurf und ihre hohe Identifikation mit dem Beruf. Wollte sie noch Hebamme bleiben? Auch diese Gedanken hatten Platz auf dieser Reise.

Vollgepacktes Motorrad. Sula Anderegg fuhr damit in den Süden. Die Reise war Teil ihrer Genesung nach dem Burn-out.

Herzensangelegenheit Frauengesundheit

Sula Anderegg blieb Hebamme, Frauengesundheit ist immer noch ihre Herzensangelegenheit, sie ist seit fünf Jahren Teil des Zentralvorstands beim Schweizerischen Hebammenverband. Sie baute ihre eigene Selbstständigkeit auf, vernetzte sich mit anderen Hebammen. Heute arbeitet sie wieder im Spital und hat sich ein zweites Standbein als Begleitperson in der Sterbehilfe aufgebaut.
Eine Erkenntnis hilft ihr in schwierigen Situationen: «Die Realität, in der man meint, drinzustecken, ist möglicherweise gar nicht so, wie man denkt. Es gibt dabei vielleicht noch viele andere Aspekte». Es lohne sich, den Perspektivenwechsel zu wagen. Zum Beispiel an die Grossmutter oder irgendeine Person zu denken und ihr zu erzählen: «So sieht die Situation bei mir gerade aus. Wie siehst du das? Was würdest du an meiner Stelle machen?»
Die beste Prävention sieht sie in der Selbstliebe, und darin, dass man sich selbst gegenüber anerkennt, wer man ist und was, wie sie sagt, «frau kann und leisten will». Es geht trotz vollstem Engagement auch darum, sorgsam zu bleiben und auch mal zu sagen: «Nein, das ist zu viel. Das will ich nicht.»

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