Ein Fenster zum Kind – das Sectiofenster als neue Geburtserfahrung

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Ein Fenster zum Kind – das Sectiofenster als neue Geburtserfahrung
09.03.2026
Bildquellen: Rebekka Haefeli

Autor*in(nen)

Bild von Esther Grosjean
Esther Grosjean
Leitung Redaktion

Die Geburt bewusst erleben – auch im Operationssaal: In Winterthur wird neu die sogenannte Fenstersectio angeboten. Sie ermöglicht Eltern, den entscheidenden Moment der Geburt selbst bei einem Kaiserschnitt unmittelbar mitzuerleben. Der Einblick in Luzern zeigt, wie das abläuft. Für den Podcast «Herztöne» doku- mentierte Rebekka Haefeli im OP-Saal die Geburt der kleinen Leni – und hielt den einmaligen Moment auch fotografisch fest.

Interview: Esther Grosjean

«Obstetrica»: Das Kantonsspital Winterthur bietet seit Kurzem die Fenstersectio an. Was genau versteht man darunter?

Tara Weingart und Romana Vogler: Das Sectio-Fenster ist ein Bestandteil eines speziell angepassten Operationsabdecktuchs und Teil des Konzepts der Fenstersectio. Während des Kaiserschnitts bleibt der Operationsbereich zunächst vollständig blickdicht. In dem Moment, in dem der Kopf des Kindes geboren ist, wird, nachdem erneut mit der Mutter Rücksprache gehalten wurde, der undurchsichtige Teil des Tuchs abgesenkt. Die Frau und ihre Begleitperson können sehen, wie ihr Kind geboren wird. Direkt danach wird das Tuch wieder geschlossen und die Operation regulär fortgeführt. Das Fenster ist nur kurz geöffnet und zeigt ausschliesslich den Geburtsmoment, nicht den gesamten operativen Eingriff.

Wann bietet sich die Fenstersectio an und wann sieht man eher davon ab?

In der Praxis wird die Fenstersectio vor allem bei geplanten Kaiserschnitten eingesetzt. Auch bei sekundären Kaiserschnitten kann dieser Wunsch geäussert werden. Ob das Fenster tatsächlich geöffnet wird, entscheidet sich jedoch situativ im Operationssaal, abhängig vom Zustand von Mutter und Kind sowie vom operativen Verlauf. Nicht möglich ist die Fenstersectio bei Notfallkaiserschnitten, da hier Zeitdruck, Vollnarkose und Sicherheit im Vordergrund stehen. Weitere Gründe, die gegen eine Fenstersectio sprechen können, sind eine fehlende informierte Zustimmung oder wenn die Kommunikation erschwert ist oder jemand schwerwiegend psychisch erkrankt ist.

Was müssen Frauen wissen, die sich eine Fenstersectio wünschen?

Es ist wichtig, die Frauen vorgeburtlich aufzuklären, damit sie wissen, was genau auf sie zukommt. Sie müssen darüber informiert sein, zu welchem Zeitpunkt in der Operation das Fenster geöffnet wird und was sie sehen können, zum Beispiel Blut, aber auch den Geburtsmoment selbst. Zudem ist es wichtig, im Vorfeld klar zu vermitteln, dass sie ihre Entscheidung jederzeit ändern dürfen, selbst mitten in der Operation

Das Kind ist geboren. Wann darf die Mutter ihr Kind zu sich nehmen?

Wenn es der Zustand des Kindes erlaubt, kommt es direkt nach der Geburt ins Bonding mit der Mutter, während die Operation beendet wird. Im Kantonsspital Winterthur unterstützt ein Bonding-Top einen sicheren Haut-zu-Haut-Kontakt mit der Mutter. Dadurch kann die Mutter ihr Kind spüren, halten und streicheln, auch wenn sie sich noch im Operationssaal befindet.

Welche Rolle spielt die Hebamme im Operationssaal?

Sobald das Kind geboren ist, übernimmt die Hebamme die erste Einschätzung des Neugeborenen und begleitet gleichzeitig die Mutter und ihre Begleitperson. Verläuft die Adaptation des Kindes unauffällig, bringt die Hebamme das Neugeborene zu den Eltern. Fühlt sich die Mutter dazu in der Lage, wird das Kind in den Haut-zu-Haut-Kontakt gegeben und das Bonding unterstützt. Das Operationsteam ist für die medizinisch-technische Betreuung der Mutter verantwortlich, während die Hebamme den Übergang von der Geburt zur ersten Begegnung zwischen Eltern und Kind begleitet und koordiniert. Der operative Ablauf des Kaiserschnitts selbst verändert sich nicht. Vielmehr rückt die Geburt durch die Fenstersectio als Ereignis stärker in den Mittelpunkt. Es wird deshalb grossen Wert auf eine sorgfältige vorgeburtliche Beratung und interprofessionelle Abstimmung gelegt.

Empfehlen Sie grundsätzlich die Fenstersectio für die Geburt bei geplantem Kaiserschnitt?

Nicht jede Frau hat Interesse an einer Fenstersectio oder eignet sich dafür. Dies muss im Vorgespräch sorgfältig besprochen werden. Wichtig ist, dass die Frau eine informierte Zustimmung geben kann und sich im Umgang mit dem Geschehen sicher fühlt. Hebammen tragen dabei eine zentrale Verantwortung, sowohl in der fachlichen Einschätzung und Vorbereitung im Vorfeld als auch in der kontinuierlichen Begleitung im Operationssaal. Ziel ist es, jeder Frau eine Geburt zu ermöglichen, die ihren Bedürfnissen, ihrer Geschichte und ihrem persönlichen Erleben gerecht wird.

Die Kaiserschnittrate in der Schweiz ist hoch. Besteht die Gefahr, dass die Möglichkeit einer Fenstersectio zusätzliche Eltern zu einem Kaiserschnitt motiviert, da sie die Geburt so ebenfalls unmittelbar miterleben können?

Ein Kaiserschnitt bleibt ein grosser operativer Eingriff, dessen sind sich auch die Eltern bewusst. Eine Zunahme konnten wir nicht beobachten; zudem kommt die Fenstersectio ausschliesslich bei idealen Voraussetzungen zum Einsatz.

INTERVIEW MIT:

Tara Weingart,
Fachverantwortliche Hebamme Kantonsspital Winterthur.
Romana Vogler,
Hebammenexpertin bei der Frauenklinik am Kantonsspital Winterthur KSW.

Fotoreportage zum Podcast: Die kleine Leni kommt zur Welt

Das blickdichte Operationstuch ist aufgespannt. Noch verläuft die Operation für die Eltern im Verborgenen. Als es so weit ist, wird die Mutter nochmals gefragt, ob sie das Öffnen des Fensters wünscht.

Das Sectio-Fenster wird geöffnet und Leni wird herausgehoben. Durch die erhöhte Lagerung des Kopfes kann die Mutter die Geburt mitverfolgen.
Die Nabelschnur wird erst nach einer Minute durchtrennt. Dann darf Leni zu ihren Eltern.
Vereint: erstes Bonding im Haut-zu-Haut-Kontakt von Leni und ihrer Mutter.

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