Die Geburt bewusst erleben – auch im Operationssaal: In Winterthur wird neu die sogenannte Fenstersectio angeboten. Sie ermöglicht Eltern, den entscheidenden Moment der Geburt selbst bei einem Kaiserschnitt unmittelbar mitzuerleben. Der Einblick in Luzern zeigt, wie das abläuft. Für den Podcast «Herztöne» doku- mentierte Rebekka Haefeli im OP-Saal die Geburt der kleinen Leni – und hielt den einmaligen Moment auch fotografisch fest.
Interview: Esther Grosjean
«Obstetrica»: Das Kantonsspital Winterthur bietet seit Kurzem die Fenstersectio an. Was genau versteht man darunter?
Tara Weingart und Romana Vogler: Das Sectio-Fenster ist ein Bestandteil eines speziell angepassten Operationsabdecktuchs und Teil des Konzepts der Fenstersectio. Während des Kaiserschnitts bleibt der Operationsbereich zunächst vollständig blickdicht. In dem Moment, in dem der Kopf des Kindes geboren ist, wird, nachdem erneut mit der Mutter Rücksprache gehalten wurde, der undurchsichtige Teil des Tuchs abgesenkt. Die Frau und ihre Begleitperson können sehen, wie ihr Kind geboren wird. Direkt danach wird das Tuch wieder geschlossen und die Operation regulär fortgeführt. Das Fenster ist nur kurz geöffnet und zeigt ausschliesslich den Geburtsmoment, nicht den gesamten operativen Eingriff.

Wann bietet sich die Fenstersectio an und wann sieht man eher davon ab?
In der Praxis wird die Fenstersectio vor allem bei geplanten Kaiserschnitten eingesetzt. Auch bei sekundären Kaiserschnitten kann dieser Wunsch geäussert werden. Ob das Fenster tatsächlich geöffnet wird, entscheidet sich jedoch situativ im Operationssaal, abhängig vom Zustand von Mutter und Kind sowie vom operativen Verlauf. Nicht möglich ist die Fenstersectio bei Notfallkaiserschnitten, da hier Zeitdruck, Vollnarkose und Sicherheit im Vordergrund stehen. Weitere Gründe, die gegen eine Fenstersectio sprechen können, sind eine fehlende informierte Zustimmung oder wenn die Kommunikation erschwert ist oder jemand schwerwiegend psychisch erkrankt ist.
Was müssen Frauen wissen, die sich eine Fenstersectio wünschen?
Es ist wichtig, die Frauen vorgeburtlich aufzuklären, damit sie wissen, was genau auf sie zukommt. Sie müssen darüber informiert sein, zu welchem Zeitpunkt in der Operation das Fenster geöffnet wird und was sie sehen können, zum Beispiel Blut, aber auch den Geburtsmoment selbst. Zudem ist es wichtig, im Vorfeld klar zu vermitteln, dass sie ihre Entscheidung jederzeit ändern dürfen, selbst mitten in der Operation
Das Kind ist geboren. Wann darf die Mutter ihr Kind zu sich nehmen?
Wenn es der Zustand des Kindes erlaubt, kommt es direkt nach der Geburt ins Bonding mit der Mutter, während die Operation beendet wird. Im Kantonsspital Winterthur unterstützt ein Bonding-Top einen sicheren Haut-zu-Haut-Kontakt mit der Mutter. Dadurch kann die Mutter ihr Kind spüren, halten und streicheln, auch wenn sie sich noch im Operationssaal befindet.
Welche Rolle spielt die Hebamme im Operationssaal?
Sobald das Kind geboren ist, übernimmt die Hebamme die erste Einschätzung des Neugeborenen und begleitet gleichzeitig die Mutter und ihre Begleitperson. Verläuft die Adaptation des Kindes unauffällig, bringt die Hebamme das Neugeborene zu den Eltern. Fühlt sich die Mutter dazu in der Lage, wird das Kind in den Haut-zu-Haut-Kontakt gegeben und das Bonding unterstützt. Das Operationsteam ist für die medizinisch-technische Betreuung der Mutter verantwortlich, während die Hebamme den Übergang von der Geburt zur ersten Begegnung zwischen Eltern und Kind begleitet und koordiniert. Der operative Ablauf des Kaiserschnitts selbst verändert sich nicht. Vielmehr rückt die Geburt durch die Fenstersectio als Ereignis stärker in den Mittelpunkt. Es wird deshalb grossen Wert auf eine sorgfältige vorgeburtliche Beratung und interprofessionelle Abstimmung gelegt.
Empfehlen Sie grundsätzlich die Fenstersectio für die Geburt bei geplantem Kaiserschnitt?
Nicht jede Frau hat Interesse an einer Fenstersectio oder eignet sich dafür. Dies muss im Vorgespräch sorgfältig besprochen werden. Wichtig ist, dass die Frau eine informierte Zustimmung geben kann und sich im Umgang mit dem Geschehen sicher fühlt. Hebammen tragen dabei eine zentrale Verantwortung, sowohl in der fachlichen Einschätzung und Vorbereitung im Vorfeld als auch in der kontinuierlichen Begleitung im Operationssaal. Ziel ist es, jeder Frau eine Geburt zu ermöglichen, die ihren Bedürfnissen, ihrer Geschichte und ihrem persönlichen Erleben gerecht wird.
Die Kaiserschnittrate in der Schweiz ist hoch. Besteht die Gefahr, dass die Möglichkeit einer Fenstersectio zusätzliche Eltern zu einem Kaiserschnitt motiviert, da sie die Geburt so ebenfalls unmittelbar miterleben können?
Ein Kaiserschnitt bleibt ein grosser operativer Eingriff, dessen sind sich auch die Eltern bewusst. Eine Zunahme konnten wir nicht beobachten; zudem kommt die Fenstersectio ausschliesslich bei idealen Voraussetzungen zum Einsatz.
INTERVIEW MIT:

Fachverantwortliche Hebamme Kantonsspital Winterthur.

Hebammenexpertin bei der Frauenklinik am Kantonsspital Winterthur KSW.

Ein Blick hinter die Kulissen der Podcast-Aufnahme mit Rebekka Haefeli
Ich war für den Podcast «Herztöne» des Schweizerischen Hebammenverbandes im Operationssaal im Luzerner Kantonsspital mit dabei, als die kleine Leni per Sectio mit Sectiofenster zur Welt kam. Obwohl ich bereits viele Podcasts gemacht habe, war ich nervös. Einerseits ist eine Geburt natürlich immer ein wichtiges Ereignis – und ich durfte mit dabei sein! – und andererseits spielte auch die technische Komponente eine Rolle. Bei einer so besonderen Live-Situation wie einer Geburt könnte ich nach einer missglückten Aufnahme nicht sagen: «Schnitt, zurück. Wir nehmen es nochmals auf», wie das in anderen Situationen möglich wäre. Gleichzeitig hatte ich dieses positive Grundgefühl in mir: «Das kommt schon gut.» Ich stand hinter den Eltern und der Anästhesistin im Operationssaal der Frauenklinik und konnte den Ablauf gut beobachten. Die Mutter hatte ein Lagerungskissen unter dem Kopf, sodass sie eine gute Sicht auf das Geschehen hatte, als es soweit war und die Anästhesistin das Fenster im Operationsvorhang freimachte. Es war ein sehr emotionaler Moment.
Mich beeindruckte vor allem die Unmittelbarkeit. Leni wurde herausgehoben; der Vater erzählte später, er habe als Erstes den Haaransatz gesehen. Die anwesende Hebamme Christina Diebold führte aus, dass das Fenster erst dann geöffnet wird, wenn klar ist, dass das Kind ohne Probleme herausgeholt werden kann. Es gibt auch komplexere Situationen, etwa eine vorgelagerte Plazenta. Da wird flexibel entschieden, ob und wann das Fenster geöffnet wird. Mir liefen ein paar Tränen übers Gesicht, als ich das Baby sah. Es war überwältigend. Die Nabelschnur durfte erst noch auspulsieren, bevor sie durchtrennt wurde. Dann brachte die Hebamme Leni zu ihrer Mutter. Anschliessend wurde das Fenster wieder geschlossen, während das Operationsteam die Naht vernähte. Vor dieser Podcastaufnahme war ich extrem skeptisch. Ich wurde die Vorstellung nicht los, dass man den Eltern da vielleicht etwas vorgaukelt. Ich dachte, dass die Eltern letzten Endes dann wohl doch nicht wirklich sehen, wie das Kind zur Welt kommt, sondern dass es danach hübsch abgeputzt der Mutter gebracht wird. Aber es war ganz anders. Der Vater war so nervös und so sehr bei seiner Frau, dass er gar nicht dazu kam, Fotos zu machen. Das habe ich gerne übernommen.
Rebekka Haefeli, Produzentin Podcast «Herztöne»

Folge 66 des Podcasts «Herztöne»: Reportage von einem Fenster-Kaiserschnitt: Die kleine Leni kommt zur Welt jetzt hören
Fotoreportage zum Podcast: Die kleine Leni kommt zur Welt




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