Die erste Zeit als Hebamme: Drei persönliche Bilanzen

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Die erste Zeit als Hebamme: Drei persönliche Bilanzen
03.12.2025
Bildquellen: privat, Francesca Agresta, Bettina Bleuler, Victoria Wirth

Autor*in(nen)

Bild von Esther Grosjean
Esther Grosjean
Redaktorin SHV

Bettina, Victoria und Francesca standen kurz vor ihrem Abschluss des Bachelorstudiums, als sie die
«Obstetrica» im Zusammenhang mit der Heftausgabe zur «Hebammenausbildung heute» befragte. Das sind. zweieinhalb Jahre her. Drei Frauen auf dem Sprung in die Freiheit – oder eher Gebundenheit? Wo sind sie (zwischen)gelandet? Und vor allem: Wie geht es ihnen im Beruf? Ein gemeinsamer Start ins Berufsleben, drei Wege. Im Kurzinterview geben sie Einblick.

Francesa Agresta, Hebamme Bsc.

«Obstetrica»: Vor rund zweieinhalb Jahren hieltest du dein Hebammendiplom in den Händen. Was kam danach?

Francesca Agresta: Ich gönnte mir einen Monat Pause und fing danach im Spital Horgen zu 100 Prozent an zu arbeiten. Im See­ Spital arbeiten Hebammen sowohl im Gebärsaal als auch auf dem Wochen­bett. Mit diesem geteilten System hatte ich schon länger geliebäugelt. Nun bin ich monatlich circa ein Drittel der Zeit im Gebärsaal und zwei Drittel im Wochenbett. Unsere Dienstpläne schreiben wir autonom, wobei sich Hochprozentige zuerst eintragen können. Es besteht aber viel Offenheit gegenüber den niederprozentigen, wenn ein Dienstwech­sel gewünscht wird. Ich selbst bin kein Morgenmensch und bevorzuge die Spät-­ und Nachtdienste. Die wechselnden Einsatzschichten sind privat nicht immer ganz einfach und erfordern ein gutes Mass an Anpas­sung und Verständnis durch das Umfeld.


Wie verliefen die ersten Wochen?

Ich hatte Respekt vor meinem Start und schaffte es in der ersten Phase auch noch nicht ganz, die Studentinnenrolle abzulegen. Das Tandem mit einer Hebamme gab mir die Möglichkeit, mich langsam an
alles heranzutasten. Im Team wird man super aufgenommen, und so durfte ich mit jeglichen Fragen zur Hebamme kommen und erhielt prompt Unterstützung. Dies erleichterte es mir, eigene Unsicherheiten abzuschütteln. In dieser Zeit musste ich mir in Erinnerung rufen: «Es sind unter anderem die Freude der Eltern bei der Ankunft ihres Babys sowie die Rolle der Hebamme in diesem Prozess, die mich zu diesem Beruf geführt haben.»
Neu wurde bei uns im Team ein sogenanntes Raketensystem imple­mentiert. Die Hebamme im Wochenbett­dienst mit mehr Erfahrung un­terstützt bei Bedarf die Hebamme im Gebärsaal. So wird gewährleistet, dass die Hebamme im Gebärsaal Unterstützung erhält, die Frauen im Wochenbett jedoch nie alleine gelassen werden. Mittlerweile habe ich Routine und Sicherheit im Hebammenalltag gewonnen und durfte auch bereits Beckenendlagengeburten begleiten.

Hast du weitere Pläne?
Ich würde gerne in Zukunft eine Weiterbildung im Bereich der Kom­plementärmedizin machen. Allgemein schaue ich nach verschiede­nen Weiterbildungen, um mein persönliches Repertoire zu erweitern, mit Blick auf die hebammengeleitete Geburtshilfe. Denn seit Sep­tember bietet das See ­Spital auch hebammengeleitete Geburten an. Ich bin sehr gespannt, wie die Resonanz bei den Frauen ausfallen wird, und freue mich auch darauf, die Hebammenkompetenzen und Fertigkeiten ganzheitlich anzuwenden und weiterzuentwickeln.

Was braucht es, damit du im Beruf bleibst?
Die wichtigsten Punkte für mich umfassen unter anderem planbare und familienfreundliche Dienstzeiten sowie eine leistungsgerechte Bezahlung. Wichtig ist mir auch die Einbindung in Entscheidungspro­zesse und eine sichere Arbeitsumgebung mit klaren Zuständigkeiten.

Bettina Bleuler, Hebamme BSc.

«Obstetrica»: Wie ging es nach dem Abschluss zur Hebamme weiter?

Bettina Bleuler: Das Zusatzmodul C2 absolvierte ich in einem Spital in Bremen. Dort gefiel es mir so gut, dass ich ein dreimonatiges Jobangebot annahm. Danach zog es mich weiter: Ich wollte Berufserfahrung in einem Entwicklungsland sammeln und fand über eine englische Institution ein Projekt in Tansania.

Was hast du für Erfahrungen gemacht?
Ich arbeitete in Tansania in einem staatlichen Spital, wo es an Infrastruktur fehlte und Schmerzmittel kaum verfügbar waren. Zeichnete sich ein Kaiserschnitt als einzigen Weg ab, war eine Verlegung notwendig. Im Studium hiess es: «Wer traditionelle, physiologische Geburtshilfe sehen möchte, sollte in ein afrikanisches Land gehen.» Schnell wurde aber klar, dass ich diesen Wunsch in Tansania begraben musste. Die Abläufe waren rigid und für alle gleich: Nach Spitaleintritt mussten die Frauen in einer Art Wartezimmer möglichst ruhig auf die vollständige Öffnung des Muttermundes warten, bevor sie ins Gebärzimmer verlegt wurden. Dort brachten sie auf dem Rücken liegend ihr Kind zur Welt und mussten auf Geheiss der Geburtshelfer*innen pressen. Der Ton war sehr schroff, was mich schockierte. Vor allem aber passten dieser Umgang und das Vorgehen bei der Geburt überhaupt nicht zur sonst so herzlichen Kultur, die ich in Tansania vorfand. Die Menschen dort lösen Probleme meist individuell und kreativ – nur, wie sich zeigt, nicht in der Geburtshilfe. Sie ist noch immer stark westlich geprägt und in den 1950/60er-Jahren verhaftet. Noch heute zeigt die Geburtshilfe Spuren jener Zeit, als westliche Mediziner ihre Konzepte nach Afrika brachten.

Was war der herausforderndste Moment?
Ich erlebte in Tansania auch Totgeburten mit, bei denen häufig unklar war, zu welchem Zeitpunkt unter der Geburt das Kind verstorben ist. Ich fragte mich dann jeweils: «Hätte das Kind in der Schweiz allenfalls gesund überlebt? War der kurzzeitige Stromausfall oder die lange Verlegungszeit in eine andere Klinik dafür verantwortlich, dass die Eltern ihr Kind verloren haben? Oder hätten ausführlichere Schwangerschaftsvorsorgen bereits Auffälligkeiten aufweisen können?»
Die fehlende Selbstbestimmung der Frauen bei der Geburt hat mich schockiert. Gleichzeitig machte ich aber ebenfalls die Erfahrung, wie gut und schnell die Frauen trotz allem gebären konnten. Es kam nur selten vor, dass eine Frau verlegt werden musste. Auf jeden Fall habe ich die Erkenntnis, wie resistent Frauen und Babys sind und wie viel sie aushalten können, in die Schweiz mitgenommen. Es braucht wirklich viel, dass es nicht mehr «geht». Umgekehrt fällt mir jetzt in der Schweiz stark auf, wie vorsichtig wir unterwegs sind. Man fürchtet auch stets die rechtlichen Konsequenzen.

Wie geht es dir zurück in der Schweiz?
Seit Januar 2025 arbeite ich im Spital Wetzikon, wo ich während des Studiums bereits mehrere Praktika absolviert habe. Es ist eine doppelte Rückkehr, denn es ist auch das Spital, wo ich selbst zur Welt gekommen bin. Die Hebamme, die meine Geburt damals begleitete, ist jetzt meine Teamkollegin und ich kann ganz viel von ihr lernen. Das ist eine gute Ausgangslage. Im Spital Wetzikon leben wir ein neues Arbeitszeitmodell, das mir sehr zusagt.

Die klassische Frage: wo stehst du in fünf Jahren?
Ich weiss es nicht, da die politische und vor allem finanzielle Lage des Spitals auch nicht ganz klar ist. Für mich ist es momentan keine Option, in ein grösseres Spital zu gehen. Ich bevorzuge die engere Betreuung und die Möglichkeit, die Frauen häufig auch eins-zu-eins betreuen zu können. Ein erneuter Einsatz im Ausland ist für mich auch nicht ausgeschlossen.

Victoria Wirth, Hebamme BSc.

«Obstetrica»: Was hast du nach deinem Hebammenabschluss gemacht?

Victoria Wirth: Ich war zunächst ein halbes Jahr auf Reisen, im Bewusstsein, dass ich später noch lange genug arbeiten werde. Als ich mich auf Stellensuche begab, hatte ich ein klares Anliegen: Ich wollte keinesfalls als einzige Hebamme im Spital tätig sein, sondern im Team mit Kolleginnen zusammenarbeiten. Das erwies sich jedoch als schwierig, denn derzeit gibt es nur wenige offene Stellen für Hebammen in Spitälern. Und so arbeite ich nun tatsächlich zu 100 Prozent in einem kleinen Spital – als einzige Hebamme im Dienst. 

Wie hast du den Einstieg ins Berufsleben erlebt?
Ich habe bei Stellenantritt im Spital klar kommuniziert, dass ich eine gründliche Einführungszeit möchte, um mich gut vorbereitet zu fühlen. Sechs Wochen lang war ich in Doppelbesetzung, danach stand mir zudem ein telefonischer Piketthintergrund für Fragen zur Verfügung. Die erste Geburt, die ich betreute, war nicht nur eine einzelne, über Nacht begleitete ich gleich zwei Frauen und Familien. Es verlief alles gut. Dank meinem Praktikum in einem grossen Spital fühlte ich mich gut vorbereitet. Im Monat habe ich sieben bis acht Nachtschichten, was mir nichts ausmacht. Dass der Tag, an dem man nach einer Nachtschicht bis halb acht arbeitet, als freier Tag zählt, finde ich allerdings nicht ganz fair.

Was war der bisher herausforderndste Moment?
Ich wusste, dass irgendwann der Fall einer Reanimation beim Neugeborenen oder eines Notkaiserschnitts eintreten würde. Als es so weit war, dachte ich: «Passiert das wirklich? Kann ich das?» Die Antwort ist: «Ja. Es geht.» Die Simulationstrainings, die wir auch weiterhin besuchen, helfen dabei sehr.

Was wünschst du dir für die Zukunft?
Immer mehr Spitäler bieten hebammengeleitete Geburt an, und zudem entstehen zunehmend Geburtshäuser. Das finde ich sehr positiv. Gleichzeitig beobachte ich aber auch andere Entwicklungen, zum Beispiel in Deutschland, wo Hebammen einige Kompetenzen aberkannt werden. Die Schweiz sollte diesem Trend auf keinen Fall folgen.
Aktuell gehen in der Schweiz leider immer mehr kleinere Geburtenabteilungen zu, und Geburtshilfe wird immer mehr zur Zentrumsleistung. Dies hat zur Folge, dass das Personal in grösseren Spitälern immer weniger Zeit hat für die Gebärenden und es so zu mehr Interventionen kommt. Das ist unbefriedigend für das Personal und für die Familien. Ausserdem könnte die Schweiz noch etwas familienfreundlicher werden.

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