Wenn das erste Lebensjahr mit dem Baby nicht von Glück, sondern von Krisen geprägt ist, bietet das Bindungshaus in Basel einen geschützten Ort der Entlastung, Stabilisierung und Bindungsförderung. In einer alltagsnahen Gemeinschaft, begleitet von Fachpersonen, finden Familien Zeit zum Ankommen, Durchatmen und Heilen. Zwei Fallbeispiele geben einen Einblick.
Das Bindungshaus für Eltern und Babys ist ein Zufluchtsort für Familien, die sich im ersten Lebensjahr ihres Kindes in Krise befinden. Den Rahmen bildet eine niederschwellige Tagesstruktur nach dem Vorbild der Grossfamilie; dabei wird auch die Gruppe selbst als Ressource genutzt. Anders als in vielen stationären Einrichtungen geht die im Bindungshaus untergebrachte Person mit ihrem Baby am Abend und am Wochenende zurück nach Hause, wo sie das Wochenende mit dem zweiten Elternteil und allenfalls einem Geschwisterkind verbringt. Im Bindungshaus gibt es täglich frisch zubereitete Mahlzeiten zu verschiedenen Tageszeiten: Frühstück, Mittagessen und z`Vieri. Für jede Person und ihre Familie steht ein eigenes Bett zur Verfügung, wohin sie sich tagsüber zurückziehen kann.
Begleitung durch Fachpersonen
Ein erfahrenes Team aus dem Bereich der frühen Kindheit begleitet die Familien durch den Tag, ist in Krisenmomenten präsent, schafft Entlastung und motiviert zu kleinen Aktivitäten, wie zum Beispiel zu einem Spaziergang, zum Lesen, einer Meditation oder Massage.
Den einzelnen Familien steht je eine Bezugsperson zur Seite, die die Fäden in der Hand hält und die Familie bei der Koordination und Organisation von Therapie, der Suche nach Kitaplätzen und weiterem unterstützt sowie diese bei administrativen Aufgaben begleitet.
Den einzelnen Familien steht im Bindungshaus je eine Bezugsperson zur Seite.
Im Bindungshaus wird nach den Prinzipien des humanistischen Menschenbildes gearbeitet. Dabei prägen die Grundwerte der Emotionellen Ersten Hilfe die tägliche Arbeit. Für die Frauen, die den Tag im Bindungshaus zusammen mit ihrem Neugeborenen verbringen, werden verschiedene Therapien angeboten, die sich nach ihren Bedürfnissen richten wie Emotionelle Erste Hilfe, Craniosacral, systemische Aufstellungen oder rhythmische Massage.
Wer kommt ins Bindungshaus?
Der Hauptanteil der Mütter oder auch Väter der begleiteten Familien leidet an einer postpartalen Depression. Es werden aber auch Mütter mit Erschöpfung, traumatischen Ereignissen rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett, Status nach Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen betreut sowie alleinerziehende oder Teenie-Mütter, die zum Beispiel Unterstützung beim Bindungsaufbau zu ihrem Baby benötigen.
In der Regel werden die Familien von Fachpersonen wie Hebammen, Elternberater*innen, Pädiater*innnen, Gynäkologinnen oder dem psychiatrischen Notfall ans Bindungshaus überwiesen.
In einem Erstgespräch im Bindungshaus entscheiden die Fachpersonen, ob die Familie mit ihrer individuellen Geschichte aufgenommen werden kann. Bei Suizidalität oder multiplen Belastungsfaktoren der Mutter bzw. des Vaters, die eine 24-stündige Betreuung erfordern, ist eine Aufnahme nicht möglich.
Das Bindungshaus: Zahlen und Fakten
Das Bindungshaus Basel wurde 2022 nach einer einjährigen Projektphase definitiv eröffnet. Zwölf fest angestellte Frauen im Teilzeitpensum bilden das Team, ergänzt durch Springer*innen in Küche und Betreuung. Das Bindungshaus Basel ist eine Nonprofit-Organisation und hat die rechtliche Form eines Vereins. Die begleiteten Familien bezahlen einen einkommensabhängigen, nicht kostendeckenden Beitrag. Die restliche Finanzierung stammt aus verschiedenen Stiftungen und privaten Schenkungen; eine mittel- bis langfristige finanzielle Absicherung ist jedoch bislang nicht gewährleistet. Jährlich werden rund 60 bis 80 Familien betreut, pro Tag jedoch maximal sechs Familien. Je nach Dringlichkeit ihrer Situation verbringen die Familien beziehungsweise die Mutter oder der Vater mit dem Neugeborenen mindestens zwei halbe Tage bis fünf ganze Tage pro Woche im Bindungshaus, insgesamt bleiben sie zwischen drei Monaten und einem Jahr.
Fallbeispiel: Mona und ihr Sohn Josh
Mona, die in Wirklichkeit anders heisst, wurde von ihrer Hebamme, der Elternberaterin wie auch der Psychiaterin ans Bindungshaus überwiesen. Die Fachpersonen hatten schon mehrere runde Tische gemacht und waren in grosser Sorge um Mona, ihren Mann, den kleinen Josh wie auch den erstgeborenen Sohn Levi. Auch die Kinder heissen in Realität anders. Josh ist das zweite Kind des Paares – ein ersehntes und erwünschtes Kind. Bis zur zweiten grossen Ultraschalluntersuchung in der 21. Schwangerschaftswoche erlebte das Paar die Schwangerschaft als perfekt. Dann jedoch erhielten die Eltern die Diagnose eines schwerwiegenden Syndroms bei ihrem ungeborenen Kind – verbunden mit der Empfehlung zu einem Schwangerschaftsabbruch. Für die Eltern brach eine Welt zusammen. Und obwohl sich die Diagnose bereits kurz danach als Fehldiagnose herausstellte, war es der werdenden Mutter nicht mehr möglich, sich auf das Kind einzulassen. Sie entwickelte eine akute Depression und strebte einen Fetozid an. Dieser wäre in der 28. Schwangerschaftswoche in den USA durchgeführt worden. Mona entschied sich im letzten Moment dagegen, da ihr Mann ihr gemeinsames Kind nicht verlieren wollte.
Geburt und erste Phase
Mona gebar ihren Sohn Josh in der 33. SSW per primären Sectio und stillte primär ab. Der kleine Josh verbrachte vier Wochen auf der neonatologischen Intensivstation, wo Mona und ihr Mann ihn täglich besuchten. Diese Besuche entsprachen nicht ihrem Bedürfnis: Sie erlebt Josh als Kind ihres Mannes, fühlt sich durch ihn in ihrem Familienleben zu dritt gestört und hätte ihn gerne zur Adoption freigegeben. Nach dem Spitalaustritt von Josh kam die schwertraumatisierte und depressive Mona ins Bindungshaus. Mona verbringt die tagsüber verordnete Zeit mit ihrem Kind und umgeht somit den Eintritt in eine stationäre Psychiatrie. Durch die Unterbringung im Bindungshaus kann auch ihr Mann entlastet werden, er übernimmt in der Nacht die Betreuung des kleinen Josh, wenn die ganze Familie zusammen zu Hause ist.
Mona weint sechs Wochen lang. Die Fachpersonen im Bindungshaus hören ihr zu, trösten sie, anerkennen ihre Geschichte, ihr Trauma und ihren Schmerz. Sie bewerten nicht, setzen keinen Druck auf, die Gruppe trägt sie mit und alle glauben an eine positive Wende. Mona erhält im Bindungshaus eine Therapie im Rahmen der Emotionellen Ersten Hilfe sowie rhythmische Massagen. Täglich werden mehrere Kriseninterventionen durchgeführt. Das Team läuft in diesen ersten Wochen an der Grenze der Belastbarkeit. Erstens, weil die Krise sehr heftig ist, aber auch, weil Mona oft eine Eins-zu-eins-Betreuung braucht. Den Höhepunkt ihres Tages erlebt sie, wie Mona selber sagt, wenn sie abends ihre Schlaftablette schlucken darf. Zweimal wöchentlich geht sie zu ihrer Psychiaterin in Therapie und wird mit Antidepressiva behandelt. Die Diagnose lautet «Depression mit Zwangsgedanken».
Die Begleitung hilft
Etwa zwei Monate nach Monas Eintritt ins Bindungshaus kommt bei ihr innerlich etwas in Bewegung. Sie taucht zunehmend aus ihren repetitiven Gedanken auf und fängt an, ihren kleinen Sohn Josh mit anderen Augen anzuschauen. Sie nimmt wahr, wenn er sie mit den Augen sucht, und gibt ihm Antwort, wenn er mit ihr redet. Sie will Josh in den Arm nehmen und gibt ihn den Fachpersonen im Bindungshaus nicht mehr ab.
Mona hört auf zu weinen. Sie lächelt Josh an und auch ihre Zwangsgedanken hören auf. Mona bleibt im positiven Sinne an ihrem Sohn hängen. Dreieinhalb Monate nach ihrem Eintritt sind Mona und Josh zu einem berührenden Mama-Kind-Paar zusammengewachsen; es ist Zeit, über den Austritt zu reden. Sie schliessen die Begleitung ab und sind von da an als ganze Familie auch tagsüber wieder zurück zu Hause.

Fallbeispiel: Stefanie und ihr Sohn Patrice
Stefanie, sie heisst in Realität anders, hat ihren Sohn Patrice, auch sein Name ist geändert, per Notfallsectio geboren. Ursprünglich war eine Geburt im Geburtshaus geplant, Patrice ist das erste Kind des Paares.
Sechs Wochen nach der Geburt tritt Stefanie ins Bindungshaus ein. Patrice ist zu diesem Zeitpunkt voll gestillt und Stefanie sagt, dass er seit seiner Geburt nicht mehr aufgehört habe zu weinen. In der Tat weint er auch im Bindungshaus sehr häufig und sehr intensiv. Stefanies Kindheit war geprägt von Gewalt, Armut und einer überforderten, alleinerziehenden Mutter. Wenn Patrice zu weinen beginnt, triggert das Stefanie, es holt sie in ihre Vergangenheit zurück: Das Geschrei und der permanente Stress in ihrer Herkunftsfamilie haben tiefe Spuren hinterlassen – diese Traumatisierung wirkt heute nach. Stefanie flüchtet sich in hilflosen Momenten in einen Tunnel; niemand kann dann zu ihr durchdringen, auch ihr Mann nicht. Das Weinen ihres Sohnes Patrice löst Momente der Isolierung in ihr aus. Sie fühlt sich auf sich alleine gestellt. Was der kleinen Stefanie einst das Überleben sicherte, darf die erwachsene Stefanie nun loslassen. Im Bindungshaus geht es darum, neue Strategien zu lernen – für sich selbst, für ihr Baby und dafür, als Elternpaar auch in schwierigen Momenten funktionieren zu können.
Stefanie ist in der ersten Zeit im Bindungshaus sehr erschöpft und übermüdet, trotzdem findet sie keinen Schlaf. Sie liegt tagelang mit ihrem Baby im abgedunkelten Zimmer, traut sich nicht aufs WC und schon gar nicht ganz hinaus, aus Angst, dass Patrice wieder zu schreien beginnt.
Im Bindungshaus wird nicht direkt beraten oder mit Tipps gearbeitet. Vielmehr erfolgt eine wertschätzende und respektvolle Begleitung dessen, was sich gerade zeigt. Gleichzeitig wird das Familiensystem gestärkt und unterstützt, sodass sich im Laufe der Zeit eigenständige Lösungen und Strategien innerhalb der Familie auftun können.
Stefanie brauchte sehr viel Zeit, Kraft, Geduld, Therapie und Begleitung. Sie entwickelte jeden kleinen Schritt nach vorne eigenständig. Anfangs schloss sie auch ihren Partner aus, mit der Zeit konnte sie sich ihm öffnen und involviert ihn in, indem sie ihm auch in stressigen Momenten ihre Gedanken mitteilte. Sie liess ihn das Kind betreuen.
Stefanie und Patrice verbrachten tagsüber fast ein Jahr im Bindungshaus. Ihr Partner brachte Mutter und Kind am Morgen ins Bindungshaus und holte sie abends wieder ab. Manchmal blieb auch er für eine Weile, und so konnte das Team auch ihn anhören und stützen.
Kurz vor Patrice erstem Geburtstag verabschiedete das Team eine geforderte, aber zufriedene Familie. Das Elternpaar ist an dieser heftigen Krise nicht zerbrochen – ein Glück.

Vom Projekt zum Bindungshaus: Rückblick der Autorin
Als langjährig frei praktizierende Hebamme kam ich in der Wochenbettbetreuung immer wieder an den Punkt, an dem ich, erschöpft von der Begleitung von Familien mit erhöhtem Unterstützungsbedarf, intensiv nach weiterführenden Lösungen suchte. Als Bettina Meyer Merkelbach, Komplementärtherapeutin, ehemals Pädagogin, mich anfragte, ob ich ihr Konzept zum Bindungshaus lesen würde, sagte ich sofort zu. Das Konzept hat mich sofort begeistert und so bin ich in die Projektgruppe eingestiegen. Drei Jahre später wurde das Bindungshaus eröffnet.
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