Die Geburt eines Kindes ist für Eltern ein emotionales Ereignis. Doch was geschieht, wenn ein kleines Leben zu früh beginnt? Für die Eltern eine emotionale Belastung, die Spuren in der psychischen Gesundheit hinterlassen kann. Freude weicht Angst und Sorgen. Eine Literaturübersicht untersuchte, wie sich die Känguru-Methode, der intensive Hautkontakt zwischen Eltern und ihrem frühgeborenen Kind, auf die psychische Gesundheit der Eltern auswirkt.
Wenn ein Kind zu früh geboren wird, beginnt für die Eltern eine Ausnahmesituation. Je unreifer das Kind, desto grösser ist die psychische Belastung der Eltern (Helle et al., 2016). Die Sorge um den Gesundheitszustand des Kindes und die Angst vor einem möglichen Verlust sind ständige Begleiter. Der Alltag verändert sich abrupt: Routinen brechen weg, Prioritäten verschieben sich. Zusätzlich stellen logistische und finanzielle Aspekte wie lange Anfahrtswege, eine Unterkunft in Kliniknähe oder der Transport von Muttermilch neue Herausforderungen dar (Argus et al., 2009). Väter stehen oft unter dem Druck, Familie, Beruf, Geschwisterkinder und Kommunikation mit dem Umfeld zu koordinieren. Das Ergebnis dieser Belastungen bildet einen Nährboden für psychische Erschöpfung bis hin zu postpartalen Depressionen (PPD).
Wichtige Früherkennung
Früherkennung und Therapie sind entscheidend für eine nachhaltige Besserung einer PPD. Ein etabliertes Instrument ist die Edinburgh Postnatal Depression Scale (EPDS), ein Selbstbeurteilungsbogen mit zehn Items zur Erfassung depressiver Symptome. Eine höhere Punktzahl deutet auf ein erhöhtes Risiko hin und erfordert weitere diagnostische Abklärungen (Dorsch & Rohde, 2016). Neben der EPDS stehen weitere validierte Messinstrumente zur Verfügung.
Postpartale Depression
Gemäss der International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems wird die Postpartale Depression (PPD) als eine leichte psychische Verhaltensstörung bezeichnet (WHO, 2019). Sie tritt im ersten Jahr nach der Geburt auf (Riecher-Rössler, 2011). Zu den Symptomen gehören Antriebsmangel, Gefühle von Wertlosigkeit, Hoffnungslosigkeit, innere Leere, Schuldgefühle sowie Überforderung (Weimer, 2007). Auch Väter können an einer PPD leiden, wobei die Symptomatik oft weniger spezifisch ausgeprägt ist. Beispielsweise können betroffene Väter mit Reizbarkeit oder sozialem Rückzug reagieren (Kokkinaki, 2016; Weimer, 2007). Eine unbehandelte PPD kann zur Chronifizierung, Suizid sowie Infantizid führen (Dorsch & Rohde, 2016).
Die Känguru-Methode als Chance
Eine einfache und wirkungsvolle Methode zur positiven Beeinflussung der psychischen Gesundheit von Eltern von frühgeborenen Kindern ist die Känguru-Methode (kangaroo care [KC]). KC beschreibt einen engen, kontinuierlichen Haut-zu-Haut-Kontakt zwischen Eltern und ihrem Frühgeborenen. Dabei wird das nackte Neugeboren auf die Brust der Mutter oder des Vaters gelegt und mit einer Decke zugedeckt. Der mit einer Mütze bedeckte Kopf wird seitlich gelagert, sodass die kindliche Wange die Haut des Elternteils berührt. Die Beine des Kindes sollten in gebeugter Froschposition positioniert werden. Eltern werden angeleitet, eine entspannte, stützende Haltung einzunehmen. Die Anwendung sollte idealerweise mindestens 60 Minuten dauern und mehrfach täglich erfolgen. KC kann sowohl im klinischen Umfeld als auch zu Hause durchgeführt werden (WHO, 2003).
Vorteile der Känguru-Methode:
- Reduktion elterlicher Stresshormone, Oxytocinausschüttung (Gimpl & Fahrenholz, 2001; Badr & Zauszniewski, 2017);
- Reduktion von Angst (Cong et al., 2015);
- Stärkung von Selbstvertrauen/Selbstwertgefühl (Dehghan et al., 2015; Blomqvist et al., 2012);
- höhere Stillraten (Mehrpisheh et al., 2022);
- verbesserter Bindungsaufbau (Badr & Zauszniewski, 2017);
- verbesserte Bedürfniswahrnehmung (Charpak et al., 2001);
- verbesserte neonatale Gesundheit (Mehrpisheh et al., 2022);
Die Rolle der Väter bei der Känguru-Methode
Da eine Postpartale Depression(PPD) beide Elternteile betreffen kann, ist der aktive Einbezug der Väter in die Durchführung der Kängurumethode von besonderer Bedeutung. Studien zeigen, dass bei Vätern das Risiko erhöht ist, Symptome einer möglichen PPD zu übersehen (Carlberg et al., 2018; Kokkinaki, 2016). Zudem sind die meisten Screening-Instrumente primär auf Mütter ausgelegt. Um betroffene Väter frühzeitig zu identifizieren, braucht es spezifisch angepasste Erhebungsverfahren (Carlberg et al., 2018).
Neurobiologische Mechanismen
Mögliche positive Effekte der Känguru-Methode auf die psychische Gesundheit der Eltern lassen sich neurobiologisch begründen. Der Haut-zu-Haut-Kontakt zwischen Eltern und Kind führt zur Ausschüttung von Oxytocin, welches eine beruhigende Wirkung auf den Körper hat. Oxytocin reduziert die Produktion von Stresshormonen wie dem Corticotropin-Releasing-Hormon oder dem Adrenocorticotropen-Hormon (Badr & Zauszniewski, 2017; Gimpl & Fahrenholz, 2001).
Kängurumethode bei Postpartaler Depression
Welche spezifischen Auswirkungen hat die Kängurumethode (KC) auf die Entwicklung einer Postpartalen Depression (PPD) bei Eltern von Frühgeborenen? Studienergebnisse dazu zeigen deutlich auf, dass KC bei Müttern präventive Effekte entfaltet und bestehende PPD-Symptome reduzieren kann. Die Mehrheit der eingeschlossenen Studien zeigte signifikante Verbesserungen nach Anwendung von KC (Herizchi et al., 2017; Karimi et al., 2019; Mehrpisheh et al., 2023). Die einzige eingeschlossene Studie zu Vätern konnte hingegen keinen statistisch signifikanten Effekt nachweisen. Trotz der nachgewiesenen Vorteile sind mit der Umsetzung von KC auch Herausforderungen verbunden. Eltern können den häufigen Haut-zu-Haut-Kontakt als einengend empfinden, weshalb individuelle Anpassungen erforderlich sind. Das Wohlbefinden der Eltern sollte immer im Fokus stehen, um eine positive Erfahrung mit KC zu ermöglichen.
Zudem erschweren strukturelle Bedingungen wie fehlende Räumlichkeiten oder ausreichend geschultes Personal die Durchführung. Bei instabilen Frühgeboren ist KC nur begrenzt möglich.
Praxisalltag − Ansätze für nachhaltige Umsetzung
Wie die Forschung zeigt, kann die Känguru-Methode Mütter von Frühgeborenen wirksam vor einer PPD schützen und vorhandene Symptome lindern. Besonders in den ersten drei Monaten nach der Geburt ist das Risiko erhöht − Aufklärung, Prävention und ein niederschwelliger Zugang zu KC sind daher entscheidend (Paulson et al., 2016). Hebammen sowie Gynäkologinnen und Gynäkologen spielen dabei eine Schlüsselrolle. Bereits in der Schwangerschaft sollten werdende Eltern über die Vorteile von KC informiert werden. Auf der Neonatologie sollten sie aktiv zur Durchführung ermutigt und instruiert werden. Bild- und Videomaterial können der Veranschaulichung dienen. Für eine gelingende Umsetzung von KC im Klinikalltag braucht es klare Rahmenbedingungen: qualifiziertes Fachpersonal, gelingende interprofessionelle Zusammenarbeit, einheitliche Informationsstandards (zum Beispiel in Form von Merkblättern oder Leitlinien) sowie geeignete räumliche und materielle Ausstattung auf der Station. Dazu gehören bequeme Stühle, Decken oder KC-Tragehilfen.
Da KC den Gesundheitszustand von Neugeborenen verbessern kann, kann das Fachpersonal dadurch entlastet werden. Kürzere Klinikaufenthalte reduzieren nicht nur Kosten, sondern auch das Risiko spitalinterner Infektionen (Dehkordi et al., 2019; Mehrpisheh et al., 2022; Wang et al., 2021).KC sollte auch nach dem Spitalaustritt fortgeführt werden, um PPD-Symptome im späteren Wochenbett zu verhindern oder zu lindern.
Fazit und Ausblick
KC ist mehr als eine pflegerische Technik − sie bietet Eltern und Frühgeborenen die Möglichkeit, eine stabile, stärkende Bindung aufzubauen. Die gezielte Integration dieser Methode sollte ein fester Bestandteil der Versorgung von FG sein, um sowohl die kindliche Entwicklung als auch das psychische Wohlbefinden der Eltern nachhaltig zu fördern.
Forschungsbedarf besteht insbesondere in Bezug auf die Wirkung von KC bei Vätern und nach Mehrlingsgeburten. Dazu sind spezifische Studien notwendig, um die Methode bedarfsgerecht weiterzuentwickeln und beiden Elternteilen gezielte Unterstützung zu bieten.
Hinweis: Der Artikel basiert auf der Bachelorarbeit aus dem Jahr 2024 mit dem Titel «Känguru-Methode bei Frühgeborenen: Ein systematisches Literaturreview über den Einfluss auf postpartale Depressionen bei Eltern» bei der Dozentin Natascha Schütz Hämmerli an der Berner Fachhochschule.
Literatur
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