Andrea Flecha begleitet Menschen über das gesamte Kontinuum von der frühen Schwangerschaft bis zum dritten Lebensjahr des Kindes. Dabei nutzt sie ihr Expertinnen- und Prozessberatungswissen als Hebamme sowie als entwicklungspsychologische und systemische Beraterin. Für die «Obstetrica» reflektiert sie ihre Arbeit und die Wichtigkeit des Bindungsaufbaus.
Wenn eine schwangere Frau oder junge Mutter zu mir in die Beratung kommt, lautet die Anfrage nie «Können Sie mir und meinem ungeborenen Kind oder Baby beim Bindungsaufbau helfen?». Vielmehr betreffen die Anfragen andere – auf den ersten Blick vielleicht scheinbar ganz verschiedene Anliegen – wie folgende Beispiele illustrieren:
Blutungen in der Schwangerschaft
Eine neunundzwanzigjährige Frau mit vorausgegangenem Abort erlebt in der elften Woche ihrer aktuellen Schwangerschaft erneut Schmierblutungen. Die Sorge um ihr ungeborenes Kind ist gross und überlagert jede Wahrnehmung. Es schränkt die Nutzung ihrer Ressourcen zur Bewältigung der Herausforderung ein.
Eine schwierige Geburt
Nach einem Notfallkaiserschnitt in Vollnarkose erwacht eine 32-jährige Mutter ohne Erinnerung an die Geburt, ihr Kind liegt auf der Neonatologie. Die Erinnerungslücke nährt Zweifel an der Zugehörigkeit ihres Kindes.
Frühe Familienzeit
Sechs Wochen postpartum ruft eine Mutter erschöpft an und erzählt, dass ihr Kind nur an der Brust ruhig sei. Jedes Ablegen endet im Weinen des Kindes und erneutem Anlegen an die Brust. Grosse Ratlosigkeit und tiefe Erschöpfung machen sich breit, die Mutter spürt deutlich, dass es so nicht weitergehen kann.

Prozessberatung: Wie sieht sie aus?
Im Verlaufe der Prozessberatung mit Frauen, die in die Beratung kommen, treten häufig zwei typische Ausprägungen zutage. Häufig geht es in der Beratung um phasentypische, vorübergehende Herausforderungen und Krisen, die Frauen und (werdende) Eltern mit ihren vorhandenen Ressourcen und einer Beratungsunterstützung gut bewältigen können. Anlässe zur Krise – gerade in der frühen Familienzeit – sind meist alltägliche Szenen wie Beruhigen, Füttern, Schlafenlegen, die Papoušek (Papoušek et al., 2010) als «Alltagsarena der Interaktionen» beschreibt. Daneben treffe ich aber auch auf maladaptive Bewältigungsstrategien. Dazu gehören zum Beispiel eingeschränkte oder verfestigte Interaktionsmuster, wie beispielsweise das Bedürfnis, sich während der Schwangerschaft ausschliesslich durch gynäkologische Ultraschall-Kontrollen beruhigen zu können, dass alles in Ordnung ist. Oder dass es den Frauen nach der Geburt an Alternativen zum ständigen Anlegen des Kindes an die Brust fehlt.
Elterliche und kindliche Überforderung
Diese Bewältigungsstrategien und Verläufe gehen teils mit elterlicher und kindlicher Überforderung einher und korrelieren mit eigenen schwierigen Beziehungs- und Bindungserfahrungen und hohen psychosozialen, sozioökonomischen oder anderen Belastungen.
In solchen Situationen droht eine Eskalation hin zu Regulationsstörungen mit Schrei- und Schlafstörungen und Beziehungs‑ und Bindungsstörungen, wie es das «entwicklungsdynamische und kommunikationszentrierte Modell zur Genese frühkindlicher Regulations- und Beziehungsstörungen» von Papoušek (Papoušek et al., 2010) skizziert. Darin wird eine positive wie negative Gegenseitigkeit beschrieben. In der Beratung ist es besonders hilfreich, sich daran zu orientieren, wie eine positive Gegenseitigkeit entsteht (siehe Kästchen Seite X). Zu erleben, dass das eigene Verhalten beim Kind oder auch bei sich selbst etwas Positives bewirkt, stärkt den eignen Selbstwert und die Selbstwirksamkeit. Dies wirkt sich auch förderlich auf zukünftige Situationen aus.
Bindungsarbeit als Prävention
Bindungserfahrungen während der Schwangerschaft und in den ersten Lebensjahren prägen entscheidend den Aufbau von Bindung und ihrer Art, wie wir im späteren Leben Beziehungen gestalten. Unterstützung für die elterliche Beziehungs- und Bindungsarbeit – bereits während der Schwangerschaft – ist daher keine Zusatzleistung, sondern Grundversorgung und relevant für die gesamtfamiliäre Gesundheit, insbesondere auch aus Kindesschutzperspektive.
Gelingen vorsprachlicher Kommunikation
Das Gelingen vorsprachlicher Kommunikation zwischen Bezugsperson und Kind legt den Grundstein für sichere Bindung, lange bevor Worte eine Rolle spielen.
Dabei hat die vorsprachliche Kommunikation folgende Funktion und dient:
- der Bewältigung von phasentypischen Entwicklungsaufgaben des Kindes zusammen mit der Fremdregulation durch die Bezugsperson (Papousek et al., 2004);
- dem Aufbau einer sicheren Bindung (Cierpka et al., 2012);
- der Strukturierung früher Erfahrungen, das heisst frühe Erfahrungsintegration beim Kind (Papousek in Cierpka, 2012);
- der Sprachentwicklung (Papousek in Cierpka 2012);
Konkrete Beratungssituation
Meine systemische Haltung basiert auf der Überzeugung, dass Eltern grundsätzlich ihr Bestes geben. Ich wertschätze Schwangere, Paare und Eltern als Expertinnen und Experten für sich selbst und ihr Kind. Die Beratung orientiert sich unter anderem an den Schritten «sehen, verstehen und handeln» – wie ich sie aus der entwicklungspsychologischen Beratung kenne. Dabei beziehe ich Kopf, Herz und Hand mit ein, vermittle Wissen um Beispiel über Schwangerschaftsverläufe oder über kindliche Feinzeichen, gebe Raum für Wahrnehmung und Reflexion und leite mit den Bezugspersonen individuelle, konkrete und einfach umsetzbare Handlungsmöglichkeiten ein.
«Äussert wichtig erscheint mir die frühzeitige Triage an Fach- und Beratungsstellen, falls sich bei der Beziehungsgestaltung und Bindung Probleme abzeichnen.»
Hebammenarbeit – da, wo sich Bindung bildet und zeigt
Der Kernauftrag einer Hebamme ist nicht die Bindungsförderung, aber Hebammen können Beziehungs- und Bindungsprozesse entscheidend unterstützen. Ihr vertrauter Zugang zu den Bezugspersonen und den Kindern eröffnet eine frühe Bühne, um «Feinzeichen der Befindlichkeit» (Brazelton in derksen & Lohmann, 2013) zu benennen, bindungsförderlich Interaktionen vorzuleben und Entlastungsangebote aufzugleisen. Äusserst wichtig erscheint mir die frühzeitige Triage an Fach- und Beratungsstellen, falls sich bei der Beziehungsgestaltung und Bindung Probleme abzeichnen. Je früher Eltern Hilfestellungen erhalten, je früher dysfunktionale Muster
wertschätzend angegangen werden, desto grösser ist die Chance, dass Eltern und Kinder ihren gemeinsamen Rhythmus finden und nach Verunsicherung und Angst wieder Zuversicht und Selbstwirksamkeit erleben.
«Bindung ist nicht eine Eigenschaft des Kindes oder eines Erwachsenen, sondern eine zwischenmenschliche Qualität, die von den Interaktionspartnern hergestellt und getragen wird (Papoušek et al., 2010).»
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