Ein kürzlich erschienener Artikel berichtet über die Ergebnisse einer semantischen Untersuchung in der französischsprachigen Fachliteratur zur Verwendung des Begriffs «sages-femmes» (Deutsch: Hebammen) und den damit verbundenen Attributen. Diese Untersuchung folgte auf die Anerkennung der Tätigkeit von Hebammen durch die UNESCO im Jahr 2023.
Der Beitrag analysiert verschiedene Merkmale rund um das Wort «sages-femmes» (zum Beispiel Fokus auf Familie, umfassende peripartale Betreuung, evidenzbasierte Praxis, autonome Organisation, Engagement in Aus- und Weiterbildung). Diese Zuschreibungen prägen, wie Kompetenzen und Rolle von Hebammen wahrgenommen werden – in der berufsinternen Diskussion wie auch in gesundheitspolitischen Texten.
Die Autorin betont, dass zwar unterschiedliche Attribute je nach Kontext sinnvoll sind, der Kernbegriff «sage-femme» aber von überragender Bedeutung bleibt: Er ist historisch gewachsen (ca. 700 Jahre), im gesamten französischsprachigen Raum verständlich und in lokale Sprachen übertragbar.
Der Artikel warnt davor, den Begriff «sage-femme» in internationalen Programmen und Texten zu tilgen oder durch abstrakte Funktionsbezeichnungen zu ersetzen (z.B. lead perinatal practitioner), da dies die Sichtbarkeit des Berufs schwächen und anderen Professionen (Ärzt*innen, Pflege) das Feld überlassen könnte.
Den Begriff «sage-femme» in internationalen Programmen und Texten zu tilgen, schwächt die Sichtbarkeit des Berufs.
Warum ist das relevant? − auch für die Deutschschweiz
Im deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz) ist Hebamme ebenfalls ein historisch stark aufgeladener, in der Bevölkerung tief verankerter Berufsname, der Identität, Vertrauensbeziehung und Versorgungskontinuität rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett transportiert.
Die im Artikel beschriebene Gefahr, dass der Berufsname in globalen Diskursen hinter generischen Konzepten wie «perinatale Fachperson“ oder «advanced practice nurse» verschwindet, betrifft auch den DACH-Raum direkt: Eine Verwässerung des Titels kann politische Durchsetzungskraft (Tarife, Stellenpläne, Ausbildungsstrukturen) und öffentliche Wahrnehmung schwächen.
Für die UNESCO-Initiative zur Anerkennung des Hebammenwesens als immaterielles Kulturerbe ist die explizite Nennung von Hebamme bzw. Hebammenarbeit (in Analogie zu «soins de sage-femme») entscheidend, um die Profession klar von anderen Gesundheitsberufen abzugrenzen und ihre spezifische Bedeutung für die reproduktive Gesundheit sichtbar zu machen.
Hebamme, midvwives, sages-femmes
Der Artikel liefert damit eine starke Argumentationsgrundlage für deutschsprachige Verbände, in internationalen Papieren immer ausdrücklich von midwives / sages-femmes / Hebammen zu sprechen und nicht nur von abstrakten «perinatal care providers» oder «maternal health workers».
Begriffe – kurz erklärt
sage-femme: Traditioneller französischer Berufsname, wörtlich etwa «weise bei der Frau»; im Berufsrecht und in der Bevölkerung breit etabliert, zunehmend als geschlechtsneutral argumentiert.
le / la sage-femme (Québec): Offizielle Festlegung des Begriffs mit nur einer grammatikalischen Form: männliche und weibliche Fachpersonen tragen denselben Titel mit Artikelanpassung (le/la).
maïeuticien / maïeuticienne: In einigen Ländern (z.B. Burkina Faso, Kamerun, teils in Frankreich) für männliche Hebammen genutzt; leitet sich von «Maieutik/Maïeutique» ab und betont die wissenschaftliche Disziplin.
midwife: Englischer Standardbegriff; historisch ebenfalls geschlechtlich geprägt, wird aber zunehmend als Berufsbezeichnung unabhängig vom Geschlecht verwendet.
lead perinatal practitioner: In einem zitierten englischen Vorschlag als genderneutrale Alternative zu midwife eingeführt; zielt auf Inklusion nicht-binärer und trans Personen, birgt aber das Risiko, die spezifische Berufsidentität «midwife/Hebamme» sprachlich zu verwässern.
Zum vollständigen Artikel auf Französisch: Meyer, Y. (2025). Présentation des sages-femmes dans la littérature francophone professionnelle. Sages-femmes; nov.-déc. https://doi.org/10.1016/j.sagf.2025.11.011
