Buchbesprechung «Organisch»

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Buchbesprechung «Organisch»
07.04.2026
Themen: Medien, Forschung
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Autor*in(nen)

Bild von Anita Ruchti Dällenbach,
Anita Ruchti Dällenbach,
redaktionelle Beirätin «Obstetrica», Hebamme MSc., wissenschaftliche Mitarbeiterin; Berner Fachhochschule Gesundheit, Bern.

Giulia Enders neustes Buch «Organisch» ist im Bereich der populärwissenschaftlichen Literatur angesiedelt. Ziel des Werkes ist es, komplexe physiologische Prozesse verständlich darzustellen, ohne wissenschaftliche Genauigkeit zu verlieren. Enders gelingt dies, indem sie den menschlichen Körper nicht als mechanisches System, sondern als lebendiges, dynamisches Zusammenspiel verschiedener Prozesse aufzeigt. Die Autorin wählt eine erzählerische Struktur, die informativ und reflexiv ist und zugleich Anschluss an Diskurse der Humanbiologie, der Psychosomatik und der Wissenschaftskommunikation hält.
Ihr Stil verbindet fundiertes Fachwissen mit erzählerischen Elementen, wodurch auch anspruchsvolle Inhalte gut nachvollziehbar werden. 

Kapitel zur Lunge

Exemplarisch zeigt sich das im Kapitel der Lunge:  Ausgehend von der sogenannt «grossen Sauerstoffkatastrophe» entwickelt die Autorin eine evolutionsbiologische Perspektive auf den Atem. Atemtechniken wie die 6-zu-4-Atmung werden wissenschaftlich eingeordnet und nicht als kurzfristigen Trend dargestellt. Auch Bezüge zur Geburtshilfe verdeutlichen, wie Atmung als vermittelnder Faktor in körperlichen Übergängen wirkt. Das Immunsystem beschreibt Enders als kooperatives Netzwerk. Besonders eindrücklich ist die Darstellung endogener Retroviren, die im Verlauf der Evolution erst die Entstehung von Schwangerschaften ermöglicht haben. Ebenso regen Hinweise auf Autoantikörper in der Nabelschnur gesunder Neugeborener dazu an, gängige Vorstellungen von «gesund» und «krank» zu hinterfragen.

Hinweise auf Autoantikörper in der Nabelschnur gesunder Neugeborener regen dazu an, gängige Vorstellungen von «gesund» und «krank» zu hinterfragen.

Kapitel zu Haut und Muskeln

In den Kapiteln zu Haut und Muskeln verbindet die Autorin wissenschaftliche Erkenntnisse mit eindrucksvollen Metaphern. Die Haut erscheint als multisensorisches Orchester, dessen Resonanzfähigkeit von sozialer Berührung geprägt wird. Besonders faszinierend ist die Information, dass Menschen Berührungen mit einer Geschwindigkeit von etwa drei Zentimetern pro Sekunde als angenehm empfinden, exakt jenes Tempo, in dem Mütter ihre Kinder intuitiv streicheln. Frühgeborene, die viel Hautkontakt erleben, profitieren davon noch Jahre später. Die Muskeln wiederum werden als Resultat komplexer neuromuskulärer Koordination beschrieben, ergänzt durch entwicklungspsychologische Bezüge.  

«Organisch» positioniert sich als Beitrag zu einer integrativen Wissenschaftskommunikation.  

Der Körper im Gesamtkontext

Dieses Werk macht deutlich, dass Körperwissen nie isoliert steht, sondern auch im Kontext kultureller und gesellschaftspolitischer Vorstellungen betrachtet werden kann. Diese Verknüpfung verleiht dem Buch eine zusätzliche analytische Tiefe und öffnet einen Reflexionsraum, der über die reine Vermittlung biologischer Inhalte hinausreicht. Auf diese Weise positioniert sich «Organisch» als Beitrag zu einer integrativen Wissenschaftskommunikation.  

Limitation und Kritikpunkte

Aus meiner Sicht ist das Buch insgesamt klar und gut verständlich verfasst. Allerdings verfüge ich persönlich über medizinisches Fachwissen, das mir den Zugang zu den dargestellten Inhalten erleichtert. Ob die dargestellte Komplexität für medizinische Laien in gleichem Masse nachvollziehbar bleibt, lässt sich daher nicht abschliessend beurteilen. Hier bleibt offen, ob der Anspruch, ein breites Publikum zu erreichen, tatsächlich vollständig eingelöst wird.

Giulia Enders
Organisch
Ullstein
2025, 336 Seiten, CHF 38.90
ISBN 978-3-550-20177-6

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