«Bindung» in der Hebammenarbeit: Was leistet der Begriff?

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«Bindung» in der Hebammenarbeit: Was leistet der Begriff?
09.03.2026
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Michael Gemperle,
Dr., Senior Researcher an der Forschungsstelle des Instituts für Hebammenwissenschaft und reproduktive Gesundheit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und Leiter des SNF-Forschungsprojekts «Chancengleichheit in der Geburtshilfe».

In der peripartalen Versorgung wird der Begriff «Bindung» häufig verwendet, besonders wenn die Mutter-Kind-Beziehung im Wochenbett belastet oder gehemmt scheint. Doch wofür steht er eigentlich, und welche Implikationen hat seine Verwendung für die Frauen und die Hebammenarbeit? Der Beitrag ordnet dies aufgrund des aktuellen Forschungsstands ein.

Der Begriff «Bindung» ist in der peripartalen Versorgung weit verbreitet, bezeichnet jedoch selbst in der Literatur kein einheitliches Phänomen. In der klassischen Bindungsforschung bezieht sich der Terminus unter anderem auf ein kindliches Nähe- und Schutzsystem (vgl. Bowlby, 1969), in Belastungssituationen beobachtbare Strategien (vgl. Ainsworth et al., 1978) sowie kindliche Erwartungen an Verfügbarkeit und Responsivität von Bezugspersonen (vgl. Main et al., 1985). Im peripartalen Bereich wird der Begriff zudem für das Beziehungserleben von Müttern verwendet, auch vorgeburtlich (zum Beispiel für die Verbundenheit mit dem Ungeborenen, vgl. Cranley, 1981; die Frau-Fötus-Beziehung, vgl. Müller, 1992; das «emotionale Band», vgl. Condon & Corkindale, 1997).

Viele Instrumente, begrenzte Aussagekraft

Die Unterschärfe des Begriffs «Bindung» wird durch eine uneinheitliche Operationalisierung verstärkt. Studien zum Thema «Bindung» nutzen unterschiedliche, meist selbstberichtete Instrumente (z. B. MPAS, MAI, PAI, MFS), teils in verschiedenen Versionen und zu unterschiedlichen Erhebungszeitpunkten. Zudem ist die psychometrische Evidenz nur für einen Teil der Skalen hinreichend robust, was die Vergleichbarkeit und Zusammenfassung der Ergebnisse einschränkt (vgl. Bicking Kinsey & Hupcey, 2013; Wittkowski et al., 2020). So sind zentrale Grundfragen und die Reichweite des Bindungsbegriffs nicht abschliessend geklärt und die Befunde stark von Kontext und Messlogik abhängig (vgl. Thompson et al., 2022). Darüber hinaus erlauben Messwerte aus der frühen Kindheit kaum Vorhersagen für die spätere Entwicklung (vgl. Opie et al., 2021; Pinquart et al., 2013).

Kulturvergleichende Arbeiten zeigen ausserdem, dass zentrale Leitideen der Bindungsforschung wie Kindzentrierung, dyadische Exklusivität und Sensitivitätsnormen eng an europäisch-nordamerikanische Erziehungsnormen gekoppelt und in anderen Kontexten nur bedingt relevant sind (vgl. Keller, 2018, 2021; Rothbaum et al., 2000). Historisch lassen sich diese Normen als bürgerliche Leitbilder von Mutterschaft und Kindheit verstehen, die durch Institutionen bis in die Gegenwart reproduziert und legitimiert werden (vgl. Hays, 1996; LeVine, 2014). So kann «Bindung» als scheinbar objektive Norm wirken und Erwartungen an «richtiges» Fühlen und Handeln reproduzieren, obwohl der Begriffsinhalt und seine Operationalisierung uneinheitlich sind (vgl. Duschinsky et al., 2015a).

In Praxisfeldern wie der Gesundheitsversorgung und der frühen Bildung wird der Begriff «Bindung» häufig als aktiv herzustellende Voraussetzung für die kindliche Entwicklung und Selbstregulation begriffen. Damit sind starke Erwartungen an eine ständige, fein abgestimmte Zuwendung sowie ein schnelles, passendes Reagieren auf kindliche Signale verbunden (vgl. Wall, 2018). Die sozialen und materiellen Bedingungen von Sorgearbeit treten dadurch leicht in den Hintergrund und Schwierigkeiten erscheinen eher als Frage der «Kompetenz» und Verantwortung einzelner Eltern (vgl. Faircloth, 2013; Gillies, 2005). Dies geht Hand in Hand mit Steuerungslogiken, die Interventionen vor allem am Verhalten der primären Bezugsperson ausrichten, anstatt Ressourcen, Entlastung und Versorgungssysteme zu verbessern (vgl. Duschinsky et al., 2015b).

Eine traumasensible Grundhaltung kann dabei helfen emotionalen Rückzug nicht vorschnell als persönlichen Makel zu betrachten.

Beziehungserleben bei psychischer Belastung und sozialer Benachteiligung

Diese Ergebnisse decken sich mit Befunden, die das Beziehungserleben systematisch mit Belastung und Ressourcenlagen in Verbindung bringen. Für das Wochenbett zeigen Übersichtsarbeiten konsistent Zusammenhänge zwischen Schwierigkeiten im Beziehungserleben und mütterlicher psychischer Belastung, insbesondere depressiven Symptomen und Traumafolgestörungen (vgl. Tichelman et al., 2019; Rehberg et al., 2025). Belastungen und Bewältigungsmöglichkeiten sind jedoch ungleich verteilt und variieren je nach sozialer Lage, Ressourcenzugang und Versorgungsarrangements (vgl. Oakes & Rossi, 2003). Dies zeigt sich deutlich in dänischen Versorgungsdaten, denen zufolge Gesundheitsfachpersonen bei Eltern mit niedriger Bildung, fehlendem Arbeitsmarkt- oder Ausbildungszugang sowie bei Familien ausländischer Herkunft häufiger Bedenken zur Eltern-Säuglings-Beziehung dokumentieren (vgl. Holstein et al., 2022). In der Schwangerschaft zeigen Meta-Analysen und Reviews ebenfalls Zusammenhänge zwischen dem mütterlichen Beziehungserleben einerseits und psychischer Belastung (u. a. depressive Symptome, Angst) sowie sozialen Benachteiligungslagen andererseits (vgl. Rubin et al., 2023; Yarcheski et al., 2009).

Der aktuelle Forschungsstand legt nahe, mütterliche Ambivalenz und Distanz primär als mögliche Ausdrucksformen von Belastung, Ressourcenlage und Versorgungsbedingungen zu verstehen, statt sie als individuelles Defizit zu deuten.

Implikationen für die Hebammenarbeit

Die Hebammenarbeit orientiert sich bereits am Alltag, der Lebenssituation und der sozialen Lage der betreuten Frauen. Der aktuelle Forschungsstand legt nahe, diese bedingungsorientierte Perspektive konsequent zu verfolgen und mütterliche Ambivalenz und Distanz primär als mögliche Ausdrucksformen von Belastung, Ressourcenlage und Versorgungsbedingungen zu verstehen, statt sie als individuelles Defizit zu deuten. Dies impliziert, den Fokus wesentlich auf konkrete Formen der Entlastung und Unterstützung zu legen: psychische Belastungen und soziale Benachteiligungslagen früh anzusprechen und gemeinsam einzuordnen, vorhandene Ressourcen sichtbar zu machen und den Zugang zu passenden Unterstützungsmöglichkeiten aktiv zu erleichtern. Eine traumasensible Grundhaltung kann dabei helfen, emotionalen Rückzug nicht vorschnell als persönlichen Makel zu betrachten. Zugleich sollten die sozioökonomische Lage, Sprach- und Zugangshürden sowie weitere strukturelle Bedingungen konsequent mitgedacht werden. So richtet sich die Versorgung auf die Entlastung und erweiterte Handlungsspielräume der Frauen, anstatt Belastungslagen zu individualisieren und damit zusätzlichen Druck zu erzeugen.

Autor
Michael Gemperle

Literatur

Ainsworth, M. D. S., Blehar, M. C., Waters, E. & Wall, S. N. (2015) Patterns of Attachment: A Psychological Study of the Strange Situation. Hillsdale.
Bicking Kinsey, C. & Hupcey, J. E. (2013) State of the science of maternal-infant bonding: A principle-based concept analysis. Midwifery; 29(12), 1314–1320. https://doi.org/10.1016/j.midw.2012.12.019
Bowlby, J. (1969) Attachment: Attachment and loss. Hogarth Press.
Condon, J. T. & Corkindale, C.(1997) The correlates of antenatal attachment in pregnant women. British Journal of Medical Psychology; 70(4), 359–372. https://doi.org/10.1111/j.2044-8341.1997.tb01912.x
Cranley, M. S.(1981) Development of a Tool for the Measurement of Maternal Attachment During Pregnancy. Nursing Research; 30(5), 281. https://doi.org/10.1097/00006199-198109000-00008
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Duschinsky, R., Greco, M. & Solomon, J. (2015b) Wait Up!: Attachment and Sovereign Power. International Journal of Politics, Culture, and Society; 28(3), 223–242. https://doi.org/10.1007/s10767-014-9192-9
Faircloth, C. (2013) Militant Lactivism? Attachment Parenting and Intensive Motherhood in the UK and France. Berghahn.
Gillies, V.(2005) Raising the «Meritocracy»: Parenting and the Individualization of Social Class. Sociology; 39(5), 835–853. https://doi.org/10.1177/0038038505058368
Hays, S. (1996) The Cultural Contradictions of Motherhood. Yale University Press.
Holstein, B. E., Pant, S. W., Ammitzbøll, J. & Pedersen, T. P. (2022) Social inequality in parent–infant relations: Epidemiological study of community nurse records. Scandinavian Journal of Public Health; 50(3), 340–346. https://doi.org/10.1177/1403494820983137
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Oakes, J. M. & Rossi, P. H. (2003) The measurement of SES in health research: Current practice and steps toward a new approach. Social Science & Medicine; 56(4), 769–784. https://doi.org/10.1016/S0277-9536(02)00073-4
Opie, J. E., McIntosh, J. E., Esler, T. B., Duschinsky, R., George, C., Schore, A., Kothe, E. J., Tan, E. S., Greenwood, C. J. & Olsson, C. A. (2021) Early childhood attachment stability and change: A meta-analysis. Attachment & Human Development; 23(6), 897–930. https://doi.org/10.1080/14616734.2020.1800769
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Rehberg, F., Rihm, L., Göbel, A., Thiel, F., Büechl, V. C. S., Even, M. & Garthus-Niegel, S. (2025) Perinatal PTSD and the mother-infant bond: A systematic review and meta-analysis. Journal of Anxiety Disorders; 114, 103050. https://doi.org/10.1016/j.janxdis.2025.103050
Rothbaum, F., Weisz, J., Pott, M., Miyake, K. & Morelli, G. (2000) Attachment and culture. Security in the United States and Japan. The American Psychologist; 55(10), 1093–1104. https://doi.org/10.1037//0003-066x.55.10.1093
Rubin, B. B., Matos, M. B. de, Trettim, J. P., Scholl, C. C., Cunha, G. K. da, Curcio, E., Stigger, R. S., Martins, C. de S. R., Motta, J. V. dos S., Ghisleni, G., Pinheiro, R. T. & Quevedo, L. de A. (2023) Which social, gestational and mental health aspects are associated to maternal-fetal attachment? Revista Brasileira de Saúde Materno Infantil; 23, e20220361. https://doi.org/10.1590/1806-9304202300000361-en
Thompson, R. A., Simpson, J. A. & Berlin, L. J. (2022) Taking perspective on attachment theory and research: Nine fundamental questions. Attachment & Human Development; 24(5), 543–560. https://doi.org/10.1080/14616734.2022.2030132
Tichelman, E., Westerneng, M., Witteveen, A. B., Baar, A. L. van, Horst, H. E. van der, Jonge, A. de, Berger, M. Y., Schellevis, F. G., Burger, H. & Peters, L. L. (2019) Correlates of prenatal and postnatal mother-to-infant bonding quality: A systematic review. PLOS ONE; 14(9), e0222998. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0222998
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Wittkowski, A., Vatter, S., Muhinyi, A., Garrett, C. & Henderson, M. (2020) Measuring bonding or attachment in the parent-infant-relationship: A systematic review of parent-report assessment measures, their psychometric properties and clinical utility. Clinical Psychology Review; 82, 101906. https://doi.org/10.1016/j.cpr.2020.101906
Yarcheski, A., Mahon, N. E., Yarcheski, T. J., Hanks, M. M. & Cannella, B. L. (2009) A meta-analytic study of predictors of maternal-fetal attachment. International Journal of Nursing Studies; 46(5), 708–715. https://doi.org/10.1016/j.ijnurstu.2008.10.013

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