Angesichts wachsender Belastungen im Berufsalltag rücken Versorgungsmodelle in den Blick, die die Autonomie der Hebammen und die Qualität der Betreuung stärken könnten. Erste Erfahrungen aus einem Schweizer Pilotprojekt zeigen: Mit passenden Strukturen und Vertrauen könnte die hebammengeleitete Geburtshilfe Qualität und Berufszufriedenheit nachhaltig stärken.
Hebammen berichten häufig über hohe Arbeitsbelastungen, Zeitdruck und eingeschränkte Mitgestaltungsmöglichkeiten in ihrem Berufsalltag. Hinzu kommen mangelnde Wertschätzung durch Führungspersonen (Peter et al., 2020) sowie die oft schwierige Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben (Peter et al., 2021). Diese Faktoren führen nicht selten zu Unzufriedenheit, Stresssymptomen und einem insgesamt schlechteren subjektiven Gesundheitszustand im Vergleich zu anderen Berufsgruppen. Entsprechend geben viele Hebammen an, eine tiefe Arbeitszufriedenheit zu empfinden. Rund 40 Prozent verlassen den Beruf bereits in den ersten Jahren ihrer Tätigkeit (Peter et al., 2020). Internationale Studien zeigen zudem, dass Hebammen, die in Spitälern arbeiten, im Durchschnitt eine geringere Arbeitszufriedenheit aufweisen als jene, die in Geburtshäusern tätig sind. Dies wird unter anderem mit der zunehmenden Medikalisierung des Geburtsprozesses, einem hohen Interventionsdruck und dem Erleben von geburtshilflicher Gewalt in Verbindung gebracht (Pérez-Castejón et al., 2024).
Studien zeigen zudem, dass Hebammen, die in Spitälern arbeiten, im Durchschnitt eine geringere Arbeitszufriedenheit aufweisen als jene, die in Geburtshäusern tätig sind.
Hebammengeleitete Betreuungsmodelle als Chance
Hebammengeleitete Modelle eröffnen Möglichkeiten, den Frauen und Familien eine kontinuierliche Betreuung anzubieten, unnötige Routinemassnahmen während der Geburt zu vermeiden und Hebammen mehr Handlungsfreiheit und Eigenverantwortung zu übertragen (Grylka-Baeschlin et al., 2020). Viele Hebammen erleben die Arbeit in solchen Modellen als erfüllend, weil sie mehr Selbstbestimmung haben und vertrauensvolle Beziehungen zu den betreuten Frauen aufbauen können (Pace et al., 2022). Eine stärkere Verankerung solcher Modelle könnte dazu beitragen, die Betreuungskontinuität zu verbessern und Hebammen mehr Entscheidungsspielraum sowie Verantwortung zuzugestehen (Peter et al., 2020). In einer geburtshilflichen Versorgung, die auf gute Arbeitsbedingungen und fachliche Autonomie setzt, entsteht die Perspektive, dass Hebammen langfristig im Beruf bleiben.

Pilotprojekt: Modell hebammengeleiteter Geburtshilfe
Im Rahmen eines Pilotprojekts im Gebärsaal der Lindenhofgruppe in Bern wurde das Modell der hebammengeleiteten Geburt (HgG) in dessen Struktur integriert. Das Projekt wird seither fortlaufend von einem Forschungsteam der Berner Fachhochschule begleitet und evaluiert.
Perspektive von Hebammen
Ein besonderer Fokus der Evaluation liegt auf der Perspektive der Hebammen, die innerhalb des neuen Versorgungsmodells arbeiten. Dazu wurde unter anderem im Rahmen einer qualitativen Bachelorarbeit an der Berner Fachhochschule mit vier beteiligten Hebammen mittels semistrukturiertem Leitfadeninterview erhoben, wie sie die Arbeit im HgG-Modell erleben und wie sich diese auf ihre berufliche Zufriedenheit auswirkt. Auf Basis dieser Ergebnisse fand ein Gespräch mit Elena Nardo statt, die die fachliche Projektleitung der Pilotphase innehat und als Hebammenexpertin im Lindenhofspital Bern tätig ist. Gemeinsam wurden darin zentrale Erkenntnisse eingeordnet. Dieses Gespräch war nicht Teil der Bachelorarbeit.
Gespräch mit der Hebammenexpertin
Elena Nardo, die massgeblich an der Implementierung des Modells im Spital beteiligt war, wurden die zentralen Erkenntnisse der Bachelorarbeit vorgestellt, wobei insbesondere die Frage beleuchtet wurde, wie sich die Einführung des HgG-Modells auf die berufliche Zufriedenheit und Motivation der Hebammen ausgewirkt hat.
Der Artikel basiert auf der Bachelor-Thesis «Erfahrungen von Hebammen in einem Spital mit der Einführung der hebammengeleiteten Geburt – eine qualitative Befragung» von Tatjana Eschler und Lisa Lehnen, die sie unter der Betreuung von Fanny Mewes-Toumi am Departement Gesundheit der Berner Fachhochschule verfasst haben.
Dazugehörigen Folgeartikel lesen: Interview mit Elena Nardo zur Einführung der hebammengeleiten Geburtshilfe am Spital.
Literatur
Grylka-Baeschlin, S., Aeberli, R., Guenthard-Uhl, B., Meier-Kaeppeli, B., Leutenegger, V., Volken, T., & Pehlke-Milde, J. (2022) Job satisfaction of midwives working in a labor ward: A repeat measure mixed-methods study. European Journal of Midwifery; 6(February), 1–11. https://doi.org/10.18332/ejm/145494
Grylka-Baeschlin, S., Borner, B. & Pehlke-Milde, J. (2020) Berufssituation der Hebammen in Einrichtungen mit und ohne hebammengeleitete Geburtshilfe in einem Schweizer Kanton. Zeitschrift für Geburtshilfe und Neonatologie; 224(02), 93–102. https://doi.org/10.1055/a-1083-7028
Nardo, E. (2025) Hebammengeleitete Geburtshilfe: Evaluation des ersten Pilotjahres in einem Schweizer Spital—Eine quantitative Zwischenanalyse (Unpublizierte Masterthesis). Berner Fachhochschule.
Pace, C. A., Crowther, S. & Lau, A. (2022) Midwife experiences of providing continuity of carer: A qualitative systematic review. Women and Birth: Journal of the Australian College of Midwives; 35(3), e221–e232. https://doi.org/10.1016/j.wombi.2021.06.005
Pérez-Castejón, M., Suárez-Cortés, M., Jiménez-Ruiz, I. & Jiménez-Barbero, J. A. (2024) Job satisfaction in midwives working in labour ward: A systematic review with meta-analysis. Midwifery; 137, 104112. https://doi.org/10.1016/j.midw.2024.104112
Peter, K. A., Grylka, S., Golz, C. & Hahn, S. (2020) Nachhaltiges Personalmanagement in Zeiten knapper Ressourcen. Obstetrica; 12, 8–13.