Noch vor der Geburt operieren, um Kindern den bestmöglichen Start ins Leben zu geben – dies ist das Ziel der Fetalchirurgie. Welche Aufgaben übernimmt eine Hebamme in diesem
Arbeitsfeld? Was ist das Besondere an ihrer Tätigkeit? Und wie begleitet sie die Eltern?
Text: Nele Strübing
Louisa (anonymisiert) war zunächst erleichtert: Der Erst-Trimester-Test war unauffällig, ebenso der nicht-invasive Pränataltest. Auch die Blutuntersuchung zum Ausschluss einer Trisomie zeigte keine Auffälligkeiten. Heute kommt Louisa zum Organscreening. Sie kennt die Untersuchung von ihrer ersten Schwangerschaft. Der Ultraschallkopf fährt über den Bauch. Stille im Raum.
«Ist alles in Ordnung?», fragt Louisa nach einer Weile. «Ihr Kind hat einen offenen Rücken, eine Spina bifida», lautet die Antwort. Ein Schock für Louisa. Dann folgt ein langes Gespräch: «Den offenen Rücken kann man noch während der Schwangerschaft operieren». Diese Information ist für Louisa ein Lichtblick. Nach einem fetalen MRI und einem Ultraschall erhält sie einen Termin bei der Hebammenexpertin.

Dann folgt ein langes Gespräch: «Den offenen Rücken kann man noch während der Schwangerschaft operieren.»
Was ist Fetalchirurgie?
Pränatal zu operieren, kann ein grosser Vorteil sein. Eine verzögerte Intervention könnte zu irreversiblen Schäden führen. Nach der Geburt wäre eine Behandlung weniger wirksam oder gar unmöglich. Fetalchirurgie ist eine Option bei Diagnosen wie fetale Anämie, feto-fetales Transfusionssyndrom, Spina bifida oder angeborene Zwerchfellhernie. Die Art der fetalen Chirurgie und die chirurgische Technik sind stark von der fetalen Diagnose abhängig.
Der Entscheidungsprozess für oder gegen einen In-utero-Eingriff ist höchst komplex. Sorgfältige Abklärung und Abwägung sind nötig. Dabei hat die Sicherheit der Mutter stets Vorrang (Teefey C. P. et al., 2020). Je nach Diagnose können Operationen fetoskopisch oder durch Eröffnung der Gebärmutter erfolgen. Manche Eingriffe dauern nur wenige Minuten. Die Mutter erhält eine leichte Anästhesie. Es gibt jedoch auch Operationen, die mehrere Stunden dauern. Aufgrund dieser grossen Spannbreite ist eine exakte Diagnose grundlegend für das Vorgehen.
Was macht eine Hebamme in der Fetalchirurgie?
Eine Hebammenexpertin begleitet Eltern, die vor einer schwierigen Entscheidung stehen: Können wir uns einen fetalchirurgischen Eingriff vorstellen? Ist das für uns als Familie möglich? Hier geht es nicht um rein technische Aspekte – die Machbarkeit für ein Familiensystem ist entscheidend (Thorpe A. et al., 2023). In kurzer Zeit stellen sich viele Fragen. Für Antworten bleibt nicht viel Bedenkzeit: Fetalchirurgische Eingriffe sind nur in einem schmalen Zeitfenster möglich. Dadurch erleben Familien und Teams oft einen enormen Druck (Teefey C. P. et al., 2020).
Fetalchirurgie ist eine Nische der Spitzenmedizin. In der Welt der Geburtshilfe ist dieses Fachgebiet jedoch so klein, dass man kaum Hebammen darin findet. Doch alle Fähigkeiten einer Hebamme kommen Familien und Teams zugute (Paz Sara D. C. et al., 2025).
Zu den Aufgaben einer Hebammenexpertin in der Fetalchirurgie zählen:
- Beratung und Aufklärung: Wie läuft die Betreuung während eines fetalchirurgischen Eingriffs ab? Welche geburtshilflichen Risiken können aufgrund einer Operation auftreten? Wie kann die Schwangerschaftsversorgung nach einem Eingriff ablaufen?
- Organisation und Begleitung: Die Hebammenexpertin spannt einen Betreuungsbogen während der gesamten Behandlungsdauer: Vor, während und nach dem chirurgischen Eingriff begleitet sie die Familie.
- Koordination: Die Hebammenexpertin koordiniert Abläufe, Dokumente und räumliche
Ressourcen rund um die Versorgung der Schwangeren. Sie sorgt für die Vollständigkeit
notwendiger Unterlagen und Befunde.
Wie die Forschung zeigt, lohnt sich der Einsatz hochspezialisierter Pflegefachpersonen – nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für das Klinikteam (Martin-Misener R. et al., 2015).
Erfahrungen in der Praxis
Eltern sind vollkommen unvorbereitet, wenn während der Schwangerschaft eine fetale Anomalie festgestellt wird (Jackson P. et al., 2023). Sie stehen zunächst unter Schock. Wie ist es möglich, diese neue Realität anzunehmen? Eltern brauchen eine Person, die sie auffängt und versteht, was in ihnen vorgeht. Klare und verständliche Informationen sind essenziell für sie.
Fetale Transfusion, ein plazentarer Laser oder ein fetaler Spina-bifida-Repair – diese Eingriffe gehören zum Berufsalltag einer Hebammenexpertin. Sie kennt die Besonderheiten und die Risiken. Bei Problemen bietet sie Lösungsansätze an. Sie kann Sicherheit geben – den Teams und den Familien (Paz Sara D. C. et al., 2025; Glarcher M. und Katharina M. L., 2020). Zusammen kann es gelingen, einer schwierigen Diagnose ein Stück weit den Schrecken zu nehmen: Wie können wir das «kleine Wunder» willkommen heissen, wenn auch anders als erwartet?
Auch in der Fetalchirurgie ist die Hebammenexpertin Teil eines grossen Teams. In diesem Gefüge braucht es die Rolle der Hebamme: Familienbegleitung, Beratung, Betreuung, Organisation, Vernetzung und Qualitätssicherung. Es ist eine Rolle zwischen Selbständigkeit, Flexibilität und Spitzenmedizin.

Welche Skills sind wichtig?
Nicht alle Zentren bieten fetalchirurgische Eingriffe in grossem Umfang an. Entsprechend schwierig kann es sein, ein Skill-Set lediglich auf einer Fortbildungsgrundlage zu entwickeln. Hebammen, die in der Fetalchirurgie tätig sein möchten, sollten fundiertes Grundwissen zu fetalen Erkrankungen haben. Wichtig ist ein hohes Mass an Flexibilität und Organisationsfähigkeit.
Fortbildungen im Bereich Forschung, Ethik und Kommunikation können helfen, Eltern in schwierigen Entscheidungssituationen zu unterstützen. Auch die Arbeit auf der Pränatalstation kann eine gute Vorbereitung sein, um komplexe Schwangerschaftssituationen im Risiko- und Hochrisikobereich sicher zu betreuen. Die Welt der Fetalchirurgie steht nie still. Daher sollte man Interesse haben, an Forschungsprojekten, Datenerhebungen, Kongressen und Fortbildungen teilzunehmen.
Was ist besonders herausfordernd?
Gerade die herausfordernden Aspekte machen die Arbeit so besonders. Konsultationen und Therapiezeiträume sind in der Fetalchirurgie nicht vorhersehbar. Sie können auch ausserhalb der regulären Arbeitszeit stattfinden. Selten ist ein Tag wie der andere. Lange Tage oder kurze Wochenenden können ungeplant vorkommen. Allein in einem grossen Team hat eine Hebamme den Luxus, ihren Arbeitsalltag selbst gestalten zu können. Da sie in ihrer Funktion die einzige ist, kann sie an einem turbulenten Tag keine Tätigkeiten delegieren. Das bedeutet auch, dass sie mit bestimmten herausfordernden Situationen allein ist. Jedoch ist es immer wieder ein Highlight, Familien nach einer schwierigen Schwangerschaft wiederzusehen und festzustellen: Sie sind mit ihrem Weg glücklich.
Mein Weg zur Fetalchirugie
Im September 2012 habe ich als Hebamme auf der Pränatalstation begonnen. Zwei Jahre später absolvierte ich berufsbegleitend ein Masterstudium. Bereits in der Masterthesis habe ich mich auf die Betreuung bei Spina bifida konzentriert. Die Arbeit in einem grossartigen Team und mit Hochrisikoschwangeren hat mich in das kleine Fachgebiet der Fetalchirurgie geführt. Das Interesse an fetaler Diagnostik und die Zusammenarbeit mit verschiedenen Teams motivieren mich jeden Tag. Es ist mir sehr wichtig, dass Eltern einen guten Betreuungsprozess erleben.
Nele Strübing
Literatur
- Glarcher, M.; Lex, K. M. (2020) Advanced Nursing Practice in Austria under consideration of outcome measurement. Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen, 155, 11–16. https://doi.org/10.1016/j.zefq.2020.06.012
- Jackson, P.; Power-Walsh, S.; Dennehy, R.; O’Donoghue, K. (2023) Fatal fetal anomaly: Experiences of women and their partners. Prenatal Diagnosis, 43(4), 553–562. https://doi.org/10.1002/pd.6311
- Martin-Misener, R.; Harbman, P.; Donald, F.; Reid, K.; Kilpatrick, K.; Carter, N.; Bryant-Lukosius, D.; Kaasalainen, S.; Marshall, D. A.; Charbonneau-Smith, R.; DiCenso, A. (2015) Cost-effectiveness of nurse practitioners in primary and specialised ambulatory care: Systematic review. BMJ Open, 5(6), e007167. https://doi.org/10.1136/bmjopen-2014-007167
- Paz, S. D. C.; Soares Goncalves, A.; Moreira Freitas, C.; Sampaio, F.; Prata, A. P. (2025) Midwifery theories: A scoping review. Midwifery, 140, 104219. https://doi.org/10.1016/j.midw.2024.104219
- Teefey, C. P.; Soni, S.; Khalek, N. (2020) Maternal Fetal Surgery: Intervention and Management. Clinical Obstetrics and Gynecology, 63(2), 455–467. https://doi.org/10.1097/GRF.0000000000000534