Häusliche Gewalt «Die Kinder sind alle ausnahmslos traumatisiert»

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Häusliche Gewalt «Die Kinder sind alle ausnahmslos traumatisiert»
14.09.2026
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Bild von Interview mit: Kerstin Jüngling,
Interview mit: Kerstin Jüngling,
Diplom-Sozialpädagogin, Geschäftsleitung Frauenhaus Winterthur und Hochschul-Dozentin an der ZHAW, Departement Gesundheit.

Frauen, die im Frauenhaus Zuflucht suchen, haben in den eigenen vier Wänden Gewalt erlebt. Der Ausbruch aus dem eigenen Zuhause markiert eine tiefgreifende Zäsur. Meist kommen die betroffenen Frauen ohne Gepäck im Frauenhaus an – und oft mit einem Baby im Tragetuch.

Kerstin Jüngling leitete bis 2025 das Frauenhaus in Winterthur, eines der schweizweit 22 existierenden Frauenhäuser. Hier finden jährlich etwa 50 Frauen, die schwere Gewalterfahrungen durchlebt haben, vorübergehend Zuflucht.

Die erfahrene Sozialpädagogin kennt die vielfältigen Geschichten dieser Frauen gut. Oft ist es die Schwangerschaft oder die Zeit nach der Geburt, die den entscheidenden Auslöser für den Ausbruch aus der Gewaltspirale darstellt. Der Glaube, dass das Kind als eine Art Geschenk alles zum Besseren wenden könne, wird in vielen Fällen enttäuscht.

«Obstetrica»: Frauen, die im Frauenhaus Zuflucht suchen, haben Schlimmes erlebt. Wie kommen sie im Frauenhaus an?

Kerstin Jüngling: Wenn wir die Frauen nach ihrer Ankunft jeweils fragen, was sie essen möchten, wissen sie es häufig nicht. Sie spüren ihre Bedürfnisse nicht mehr. Viele der Frauen haben einen Säugling dabei, oft auch grössere Kinder. Manche Frauen strecken uns gleich bei der Ankunft ihr Baby hin: «Hier, nimm es!» Das andere Extrem ist die Überbehütung: Es gibt Frauen, die stillen ihr Baby über Stunden hinweg, bis die Brustwarzen anfangen zu bluten. Sie wollen das Baby ganz stark an sich binden.

Häusliche Gewalt findet im vertrauten Umfeld des eigenen Zuhauses statt, und Kinder sind ebenfalls Teil dieses engen Gefüges.

Die Kinder sind alle ausnahmslos traumatisiert. Bei älteren Kindern zeigt sich dies auch deutlich in ihrem Verhalten; sie treten, schimpfen, fluchen und ecken im Kindergarten oder in der Schule häufig an. Ich kenne aber keine Mutter, die zu uns kam, ob mit einem drei Monate alten Säugling oder einem älteren Kind, die nicht gesagt hat: «Mein Kind hat nichts von der Gewalt mitbekommen!» Anfangs reagieren alle Mütter abwehrend.

Wie reagieren Sie darauf?

Wenn die Frauen uns erzählen, dass sie ihr Kind bei Gewaltausbrüchen weggesperrt hätten, fragen wir zurück: «Wie viele schalldichte Türen hat Ihre Wohnung. Glauben Sie wirklich, dass Ihr Kind nichts mitbekommen hat»? Diese Frage öffnet den meisten Frauen die Augen.

Wie erklären Sie sich die abwehrende Haltung, dass das Kind angeblich nichts von der Gewalt mitbekommen hat?

Die Mütter können die Schuld kaum ertragen, ihr Kind nicht besser geschützt zu haben. Das ist verständlich. Während der sechs bis sieben Wochen, die eine Frau in der Regel im Frauenhaus verbringt, sprechen wir mit ihr über ihre Verantwortung als Mutter. Wir erklären, dass das Kind schwer traumatisiert ist und dringend professionelle Hilfe benötigt. Es ist ihre Aufgabe als Mutter, das Kind zu schützen.

«Die Mütter können die Schuld kaum ertragen, ihr Kind nicht besser geschützt zu haben.»

Ist es möglich, Verantwortung zu übernehmen, wenn eine Mutter – vielleicht über einen längeren Zeitraum hinweg – selbst Gewalt erfahren und dadurch Traumata erlitten hat?

Wir möchten die Frauen nicht mit Samthandschuhen anfassen, sondern sie ermächtigen. Sie sind Opfer, und manche verhalten sich auch wie solche. Doch wenn Frauen lernen, die Opferrolle schrittweise abzulegen und Verantwortung zu übernehmen, können sie neues Selbstvertrauen entwickeln. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie die Mutter gestärkt werden kann, um ihr Kind – und damit auch sich selbst – zu schützen. Das Wohl der Mutter und des Kindes sind eng miteinander verbunden. Dabei spreche ich gerne von Empowerment. Es ist essenziell, dass die Frau aus dem Schuldgefühl in die Verantwortung geht. Schuld lähmt, sie ist auch gesellschaftlich schlimm. Viel hilfreicher ist es zu sagen: «Ich trage die Verantwortung. Ich werde alles tun, damit es mir und meinem Kind jetzt besser geht.»

Wie unterstützt das Frauenhaus Winterthur die Mütter und ihre Kinder? 

Wir bieten täglich Einzelgespräche an. Wenn ein Kind betroffen ist, führt stets auch eine Fachperson aus dem Bereich Mutter-Kind – mit sozialpädagogischem, psychologischem oder traumapädagogischem Hintergrund – diese Gespräche. Das Wohl des Kindes wird dabei stets sorgfältig geprüft. Bei Bedarf erstatten wir in Absprache mit der Mutter Gefährdungsmeldungen an die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB), um den Schutz des Kindes sicherzustellen.

Führt das nicht zu Konflikten? 

Ich habe noch nie erlebt, dass eine Frau sagte: «Ihr spinnt wohl, ich gehe zurück, wenn ihr die KESB anruft.» Es ist auch schon vorgekommen, dass ich Kinder von Frauen, die zu mir in die Beratung kamen, fremdplatzieren musste. Letztendlich möchten ausnahmslos alle Mütter gute Mütter sein – und wenn sie das in diesem Moment nicht schaffen, geben wir ihnen jemanden an die Seite. Es passieren in dieser Hinsicht viel weniger Dramen als vermutet.

Auch Fachpersonen tragen Verantwortung, wenn es um häusliche Gewalt geht, insbesondere gegenüber Frauen und Säuglingen. Hebammen haben bei Hausbesuchen manchmal ein ungutes Gefühl. Das Thema anzusprechen, ist nicht einfach.

Ich solchen Situationen empfehle ich, auf der Metaebene zu kommunizieren. Das bedeutet, dass man offen ausspricht, was man befürchtet. Zum Beispiel könnte man sagen: «Frau M. Ich mache mir Gedanken und habe lange überlegt, ob ich das ansprechen soll. Ich möchte Sie keinesfalls verletzen oder verärgern, das liegt mir fern. Aber ich muss am Abend auch in den Spiegel schauen können. Deshalb frage ich Sie einfach ganz offen: <Ich mache mir Sorgen, dass bei Ihnen Gewalt im Spiel sein könnte. Ist das der Fall?>.»

Was raten Sie Hebammen, die das Gesehene und von der Frau Erzählte nicht richtig einordnen können oder unsicher sind, wie sie weiter verfahren sollen?

Hebammen können sich an die Opferhilfe Schweiz oder an Fachpersonen der Gewaltprävention wenden, um den Fall zu besprechen und gemeinsam die notwendigen Schritte zu planen. Wir erhalten im Frauenhaus manchmal auch Anrufe von Psychologinnen oder Psychologen, denen sich Klientinnen anvertraut hatten. In solchen Fällen erfragen wir alle verfügbaren Informationen und leiten den Fall an die nächstgelegene Beratungsstelle weiter. Die dortigen Fachpersonen sind alle sehr erfahren und können die Fälle gut einordnen, im Extremfall empfehlen sie möglicherweise, die Frau solle sich ein Taxi nehmen und ins Frauenhaus fahren. Es ist auch ratsam, dass die Hebamme das Heft in die Hand nimmt und vielleicht gleich vor Ort der Frau anbietet, gemeinsam die Fachstelle anzurufen. Das wird von gewaltbetroffenen Frauen oft als sehr positiv beschrieben. Ein Zettel mit der Telefonnummer wandert leider oft im Abfalleimer.

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